Beatrix und Sven von Storch netzwerken mit Bolsonaro

Beatrix und Sven von Storch mit Jair Bolsonaro 2021
Schulterschluss mit der extremen Rechten in Brasilien: Beatrix und Sven von Storch bei Jair Bolsonaro 2021, Foto: screenshot Instagram

(Santiago de Chile, 19. September 2021, Interferencia).- Eine „eindrucksvolle Begegnung in Brasilien“ schreibt Beatrix von Storch auf Instagram über ihr Zusammentreffen mit Jair Bolsonaro am 21. Juli 2021. Sie dankt dem brasilianischen Präsidenten für die „freundschaftliche Aufnahme“ und zeigt sich „beeindruckt von seinem klaren Verständnis für die Probleme in Europa und die politischen Herausforderungen unserer Zeit“. Weiter schreibt die stellvertrentende Bundessprecherin der Alternative für Deutschland (AfD) und stellvertretende Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion nach diesem Treffen: „In einer Zeit, in der die Linken ihre Ideologie über ihre internationalen Netzwerke und Organisationen auf globaler Ebene vorantreiben, müssen auch wir Konservativen uns stärker vernetzen und auf internationaler Ebene für unsere konservativen Werte einstehen.“

Internationale Vernetzung der Konservativen

Die Rechtsanwältin Beatrix von Storch, eine selbst für AfD-Verhältnisse sehr umstrittene Person, nahm nicht allein an dem Treffen mit dem brasilianischen Präsidenten im Planalto-Palast in Brasilia teil. Bei diesem und anderen Treffen mit der brasilianischen Rechten – darunter auch mit Eduardo Bolsonaro, Sohn des Präsidenten und selbst Abgeordneter – wurde sie von ihrem Ehemann Sven von Storch begleitet. Diesem wird vorgeworfen, der Drahtzieher mehrerer ultrakonservativer Gruppierungen und Websites zu sein.

Sven von Storch (50) besitzt die deutsche und die chilenische Staatsangehörigkeit. Er wurde im südchilenischen Osorno geboren und ließ sich Anfang der 1990er Jahre nach einem Wirtschaftsingenieursstudium in Deutschland nieder. Dort hielt er sich der Parteipolitik fern. Im südchilenischen Osorno kursierte sein Name im April 2016 als möglicher Kandidat der rechten Partei Renovación Nacional für das Amt des Bürgermeisters von Osorno.

Nach mehr als 15-jähriger Beziehung heirateten Beatrix von Oldenburg und Sven von Storch 2010 auf einem Schloss in der norddeutschen Kleinstadt Eutin. Dass sie seinen Nachnamen annahm, mag als Ausdruck ihrer Haltung zu Geschlechterfragen gelten.

Konservative Agenda, vereint in der „Zivilen Koalition“

Bereits als sie sich kennenlernten, teilten beide eine sehr konservative Sicht der Gesellschaft, einen entschiedenen Antikommunismus und den Wunsch, die traditionellen christlichen Werte Deutschlands, Europas und des Westens im Allgemeinen zu verteidigen. Bald trieben sie gemeinsam ihre strikt konservative Agenda voran:

Beide sind Abtreibungsgegner*innen, befürworten sexuelle Enthaltsamkeit als Methode der Geburtenkontrolle, sind erbittert gegen die Ehe für alle und glauben, dass Männer und Frauen unterschiedliche Rollen in der Gesellschaft erfüllen. Sie sind zutiefst einwanderungsfeindlich und vor allem anti-muslimisch. Ende der 1990er und in den 2000er Jahren gründete das Paar eine Reihe von Vereinigungen und Websites, mit denen sie ihre reaktionäre politische Arbeit befördern.

Bargeld im Tresor

All jene Gruppierungen sind in der sogenannten Zivilen Koalition zusammengeschlossen, einem von den von Storchs geleiteten und durch Spenden von Bürger*innen finanzierten Zusammenschluss. Im Jahr 2013 berichtete die Presse, Sven von Storch habe fast 100.000 Euro vom Konto der Organisation abgehoben, um es für persönliche Zwecke zu verwenden. Das Ehepaar argumentierte, sie hätten das Geld von der Bank abgehoben und die Scheine in einem Tresor aufbewahrt, um die Zivile Koalition vor einem möglichen Bankensturm zu schützen. In einem Interview erklärte Beatrix von Storch, ihr Mann sei sogar nach Chile gereist, um weitere 10.000 Euro von seinem Konto abzuheben und im Tresor zu hinterlegen.

Die Zivile Koalition und ihre fast zehn Unterorganisationen haben beim Aufstieg der AfD und deren Wahlerfolgen eine Schlüsselrolle gespielt. Zum Beispiel im Fall der Nachrichten- und Kommentarseite Freie Welt, die der deutsch-chilenische Wirtschaftsingenieur Sven von Storch betreibt. Diese gibt rechtsextremen Journalist*innen und Intellektuellen Raum und veröffentlicht Nachrichten, die bei der rechtsextremen Wählerschaft kursieren.

Lobbyarbeit mit dem Institut für Strategische Studien in Berlin

Eine weitere von den von Storchs gegründete und geleitete Organisation ist das Institut für Strategische Studien in Berlin, wo sie seit über zehn Jahren leben. In einem Leitartikel auf dessen Website schribt Sven von Storch, das Institut entwickele Konzepte, Studien und Argumente und stelle sie politischen Entscheidungsträger*innen zur Verfügung. Anders als der akademische Name vermuten lässt, handelt es sich bei dem Institut für Strategische Studien allerdings um eine Lobbyorganisation.

Als die AfD 2013 gegründet wurde, verfügten die von Storchs bereits über eine gut funktionierende ideologische Maschinerie, sodass Beatrix von Storch nicht zögerte, der Partei beizutreten. Zwei Jahre zuvor hatte sie bereits erfolglos versucht, in die Politik einzusteigen, als sie in die marktliberale FDP eintrat. Obwohl das Ehepaar von Storch den Ideen des freien Marktes anhängt, verhinderten ihre ultrakonservativen Ansichten zu sozialen Fragen ihren Aufstieg in der FDP.

Die AfD hingegen erwies sich als natürlicher Platz für das Paar, und diese Partei wiederum brauchte die Führungserfahrung der beiden Nachkommen adliger Familien. Weniger als ein Jahr später wurde Beatrix von Storch in das Europäische Parlament gewählt. In ihrer Eigenschaft als Europaabgeordnete war sie im November 2015 in Santiago, um an der Sitzung der Gemischten Parlamentarischen Kommission aus dem chilenischen Kongress und dem Europäischen Parlament teilzunehmen.

Provozieren, Tabus brechen

Selbst innerhalb ihrer eigenen Partei ist Beatrix von Storch umstritten, jedenfalls stützt sie deren rechtsextremes Profil. In der Debatte über die Ankunft syrischer Flüchtlinge in Europa und Deutschland behauptete die Europaabgeordnete und Rechtsanwältin, es entspräche den Asylgesetzen, dass Grenzschutzbeamte ihre Schusswaffen gegen illegale Einwanderer*innen einsetzten, wenn diese der Aufforderung nicht nachkämen, an der Grenze anzuhalten. Auf die Frage, ob dies auch für Frauen und Kinder gelte, antwortete von Storch mit Ja. Nach einem Trommelfeuer der Kritik ergänzte sie, dass dies zwar für Frauen zutreffe, für Kinder jedoch nicht.

Diese und andere umstrittene Äußerungen Beatrix von Storchs veranlassten die Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung Ende 2016 dazu, sie zum Austritt aus dieser Organisation aufzufordern. Ziel dieser Stiftung ist es, die Ideen des Namensgebers der Stiftung zu befördern. Der österreichische Ökonom von Hayek gilt als Verfechter des Neoliberalismus – jenes Wirtschaftsmodells, das zuerst im großen Maßstab in Chile nach dem Putsch 1973 eingeführt wurde und das bis heute zu hohen Privatisierungsraten auch im Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge führt.

All das beunruhigt jene einwanderungsfeindlichen Wähler*innen, die von Storch im September 2017 in den Bundestag wählten, jedoch nicht. Bald darauf besetzte sie die einflussreiche Position der stellvertretenden Bundessprecherin der AfD. Im Jahr 2017 erhielt die AfD 12,6 Prozent der Stimmen und zog zum ersten Mal in den Bundestag ein.

In all den Jahren widmete sich der Deutsch-Chilene Sven von Storch erfolgreich der Kommunikations-, Ideologie- und Fundraisingarbeit. Er serviere den Menschen die Politik in kleinen Häppchen, zugeschnitten auf unterschiedliche Interessen, und schaffe es so, teils sehr unterschiedliche Strömungen einzufangen, von marktradikalen über europaskeptische bis hin zu christlich-konservativer Familienpolitik, schrieb das Handelsblatt im November 2014.

Zwei Adelsfamilien

Sowohl Beatrix als auch Sven von Storch stammen aus adeligen Familien in Norddeutschland, doch ihre jeweilige Geschichte verlief sehr unterschiedlich. Das Haus von Oldenburg verlor nach dem Sturz Kaiser Wilhelms II. im Jahr 1918 einen Großteil seiner Ländereien. Beatrix von Oldenburgs Großvater mütterlicherseits, Johann Ludwig von Krosigk, war bis 1945 Adolf Hitlers Finanzminister. Bei den Nürnberger Prozessen wurde er wegen Kriegsverbrechen zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, musste dank einer Amnestie jedoch nur zwei Jahre absitzen.

Auch die von Storchs verloren ihr Land in Mecklenburg 1945. Die Beschlagnahmung des Familienbesitzes während der sowjetischen Besetzung Ostdeutschlands kam für den Patriarchen Jürgen Detlev von Storch überraschend, denn er sah sich in der Nazizeit als Gegner des Hitler-Regimes. Nach Medienberichten wurde er von der Gestapo, der Geheimpolizei des Dritten Reiches, mehrfach inhaftiert, zuletzt in einem Konzentrationslager, aus dem er jedoch entkommen konnte. Zusammen mit seinem Sohn Berndt von Storch, damals 14 Jahre alt, floh Jürgen Detlev von Storch nach Westdeutschland. Einige Jahre später, 1952, wanderte der Sohn Berndt nach Chile aus, um auf der Farm eines seiner Onkel im Casablanca-Tal zu arbeiten. Danach ließ er sich als Landwirt in Osorno nieder. In Chile lernte er seine spätere Frau, die Deutsch-Chilenin Antje Krüger kennen. Sie bekamen vier Kinder, das jüngste ist Sven von Storch. (…)

Über die Verbindungen von Beatrix und Sven von Storch zur extremen Rechten in Chile, insbesondere zur Republikanischen Partei von José Antonio Kast, ist nicht viel bekannt. Gemeinsam sind ihnen allen jedenfalls ihre Verbindungen zu Jair und Eduardo Bolsonaro.

Übersetzung & Ergänzungen: Ute Löhning

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