Trauer in der Sierra Tarahumara

Die beiden Jesuitenpriester Javier Campos Morales und Joaquín César Mora Salazar wurden am 20. Juni in ihrer Kirche in der Sierra tarahumara erschossen. Foto: Jesuitas Mexico/Desinformémonos

(Mexiko-Stadt, 5. Juli 2022, la jornada).- Es herrscht Trauer in der Sierra Tarahumara im nordmexikanischen Bundesstaat Chihuahua. Schmerz und Angst. Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden. Die Ermordung der Jesuitenpriester Javier Campos Morales und Joaquín Mora Salazar sowie des Touristenführers Pedro Palma am 20. Juni 2022 in der Gemeinde Cerocahui durch einen zur Salazar-Gruppe gehörenden Drogenhändler erschütterte die Region.

Die Journalistin Miroslava Breach erzählte wie keine andere von der Situation, die sich dort seit Jahren abspielt. Ihr Leben hing davon ab. Bevor sie von Killern derselben Salazar-Bande ermordet wurde, zeichnete sie ein schockierendes Bild: „Von den drei Regierungsgewalten jahrzehntelang im Stich gelassen, leiden die Hochlanddörfer unter der Geißel des Drogenhandels, der Gewalt, der Drogensucht, der grassierenden Umweltzerstörung und zu allem Überfluss auch noch unter der Konsolidierung neuer politischer und wirtschaftlicher Bosse mit Unterstützung des organisierten Verbrechens, ohne dass sich jemand dafür interessiert.“

Gewalt und Rassismus

Die Situation in der Tarahumara-Bergkette geht jedes Jahr im Dezember durch die nationale Presse, wenn die dort lebenden indigenen Rarámuri von Hunger und Kälte geplagt werden. Oder wenn Einschläge der Gewalt das Leben von Gemeindevorstehern fordern, die ihre Wälder und ihr Land verteidigen. Oder wenn Rassismus und Vorurteile die Leitlinien bestimmter Medien angreifen – so wie am 22. Juni 2009 in der Rubrik Gesellschaft und Kultur der Zeitung El Heraldo de Chihuahua, mit dem von der Redaktion veröffentlichten Artikel unter dem Titel: „Die Tarahumaras waren Kannibalen“.

Und das ist keine Übertreibung. Ricardo Robles, ebenfalls Jesuit, der in diesen Gebieten lebte und wanderte, bis auch er ein Rarámuri wurde, schrieb ebenfalls 2009, wenige Monate vor seinem Tod, in dieser Zeitung La Jornada: „Ich erinnere mich an eine Geschichte, die ich hörte, als ich vor 45 Jahren in die Tarahumara kam, in der die bösen Indios weiße Kinder stahlen und sie töteten, um sie zu essen. Es war kein konkreter Fall bekannt, der das bewiesen hätte, aber so waren sie halt, die Indios. Damit rechtfertigte man das Fesseln von Indigenen, um sie zu vergewaltigen, den Wucher mit Krediten auf Tiere, den Kauf von Land für ein Kilo Salz und so viele andere Misshandlungen, die immer noch praktiziert wurden“.

„Kalkulierter Ethnozid“

Er schloss seinen Artikel mit den Worten: „Um auf die Kannibalen zurückzukommen, müssen wir uns fragen, wer heute die Kannibalen sind: der Tourismus oder die von ihm Überfallenen, die Bergbauunternehmen oder die Vergifteten, die Staudämme oder die Vertriebenen, die Kindergärten oder die Kinder, die Parteien oder die Bürger, die Drogenhändler oder ihre Gefangenen, die Polizei oder die Demonstranten, die Armee oder die Toten, die Regierungen oder die von unten… oder kurz gesagt, die Gier oder die Verarmten“. Was die indigene Bevölkerung in diesen Gebieten (und im ganzen Land) erlebte, bezeichnete er als „kalkulierten Ethnozid“.

Die Entscheidung von Ricardo „El Ronco“ Robles, das unaussprechliche Grauen zu benennen, das die Ureinwohner*innen dieser Gegenden erlebt haben, war kein Alleingang. Sie war Teil einer Symphonie, die von seinen Glaubensbrüdern aufgeführt wurde. Die von der Armee begangenen Menschenrechtsverletzungen waren so zahlreich und so schwerwiegend, dass 1988 auf Initiative von Bischof José Llaguno die Kommission für Solidarität und Verteidigung der Menschenrechte von Chihuahua (Cosydhac) gegründet wurde, um ihnen entgegenzutreten. Deren Vorgängerin war das Gemeindekomitee für Menschenrechte von Baborigame, in der Gemeinde Guadalupe y Calvo.

Operación Cóndor in Mexiko

Mitte Januar 1977, so schreibt der Forscher Luis Astorga, begann offiziell „die gigantischste Treibjagd gegen den Drogenhandel, die jemals in Mexiko durchgeführt wurde, an der 10.000 Soldaten teilnahmen“. Diese Maßnahme wurde als Operación Cóndor bezeichnet. Es folgte die Task Force Marte. Beide verübten weiterhin alle Arten von Gräueltaten.

Im Dezember 2008 verlieh das Netzwerk Alle Rechte für alle (Red Todos los Derechos para Todas y Todos) dem Jesuiten Javier Ávila eine Auszeichnung für seine Arbeit in der Kommission Cosydhac. Eine Arbeit, die seine Integrität und sein Leben so stark gefährdete, dass die Interamerikanische Menschenrechtskommission vorsorgliche Maßnahmen zu seinem Schutz anordnete. Bei der Preisverleihung erinnerte er an jene schicksalhaften Tage, als der Bundesstaat (und das Land) von den Parteien PRI und PAN regiert wurde.

„Szenen begannen durch die Geschichte und die Erinnerung in Tarahumara und den indigenen Gemeinden zu gehen, Szenen von Folterungen und Katastrophen“, sagte Ávila bei der Preisverleihung: „Ein indigener Mann wurde so lange von der Armee hinter ihr her geschleift, bis seine Kopfhaut abgerissen war, ein anderer indigener Mann mit einem gebrochenen Arm von der Antidrogeneinheit Marte. Esteban Rodríguez wurde von einem Soldaten so geschlagen, dass sein Auge fast geplatzt wäre, Menschen wurden getreten und geschlagen, Frauen wurden sexuell belästigt, Vieh wurde gestohlen, Razzien wurden wahllos durchgeführt, vielleicht um Erfolge ihrer Operationen zu präsentieren oder um befördert zu werden. Religiöse und Nichtreligiöse, wir sind hohe Risiken eingegangen, als wir Anzeigen gegen die Militärherrschaft jener Jahre erstatteten…doch wir haben uns rechtzeitig entschieden, ohne viele Überlegungen oder falsche ‚Vorsicht‘, und haben eine Klage gegen die mexikanische Armee eingereicht“.

Tarahumara-Jesuiten prangern Diskriminierung an

Am Ende der dunklen Zeit von Felipe Calderóns Krieg gegen die Drogen, der Chihuahua und Ciudad Juárez zum Epizentrum des nationalen Schmerzes machte, prangerte Ricardo Robles, ebenfalls auf diesen Seiten, an: „Von Beginn der laufenden sechsjährigen Amtszeit an ließ uns die propagierte Militarisierung, mit Anlass oder ohne, das Schlimmste befürchten. Es kamen autoritäre Zeiten für eine Regierung, die ihre Amtszeit mit einer angeborenen Schwäche und ohne klare allgemeine Akzeptanz begann. Seitdem haben sich die Befürchtungen bestätigt; mehr noch, es scheint sich eine solche Art des Regierens abzuzeichnen.“

Unabhängig davon, welche Partei an der Macht ist, hat die Stimme der Tarahumara-Jesuiten jahrzehntelang, ebenso wie Miroslava Breach, laut und deutlich auf die Ausplünderung, Diskriminierung und Demütigung hingewiesen, unter denen die Rarámuris durch Kaziken, Geschäftsleuten, Politiker*innen und Drogenhändlern leiden. Jetzt wird ihre Trauer von Aufrufen zum Dialog begleitet. Es lohnt sich zu hören, was sie zu sagen haben.

CC BY-SA 4.0 Trauer in der Sierra Tarahumara von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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