Sonne, Strand und Unterdrückung

Aktivist Sergio Ortiz Rojas, ermordet 2019.
Foto: ANRed

(npla, 23. Dezember 2022, Berlin).- Seit Jahrzehnten bemühen sich die wechselnden Regierungen Costa Ricas um ein Image, das ihr Land von den Nachbarländern unterscheidet. Das hat immerhin dazu geführt, dass Costa Rica in der europäischen Öffentlichkeit als eins der wenigen „sicheren“ Länder in Lateinamerika gilt. Viele Europäer*innen sehen in Costa Rica das ideale Urlaubsland: klein, ruhig, malerisch und bewohnt von freundlichen, lächelnden Einheimischen, die nur darauf warten, ihren Gästen einen schönen Aufenthalt zu bescheren. Viele Europäer*innen kommen als Tourist*innen oder um ihr Geld zu investieren. Jüngere Menschen kommen als Freiwillige über religiöse Organisationen oder internationale Austauschprogramme. Alle gehen davon aus, dass sie in Costa Rica Erholung, Ruhe und Harmonie gepaart mit lateinamerikanischem Flair finden werden. Das trügerische Gefühl der Harmonie verfliegt jedoch schnell, wenn man die Lebensqualität der Einwohner*innen genauer betrachtet. Angesichts der massiven sozialen Ungleichheit wird deutlich, dass wie in den übrigen lateinamerikanischen Ländern auch im paradiesischen Costa Rica massive gesellschaftliche Probleme herrschen.

Zahlen belegen Ungleichheit

Eine Datenerhebung der Vereinten Nationen zeigt, dass die indigenen Gemeinschaften in Costa Rica die am stärksten ausgegrenzte und marginalisierte soziale Gruppe sind. Den Ergebnissen zufolge sind 70 Prozent der indigenen Haushalte in existenziellen Bereichen wie Gesundheit, Bildung und Wohnen unterversorgt, während landesweit nur 24 Prozent von dieser Unterversorgung betroffen sind. 10,2 Prozent der indigenen jungen Frauen werden vor Erreichen der Volljährigkeit Mutter, während der Landesdurchschnitt der minderjährigen Mütter mit 4,3 Prozent bei knapp der Hälfte liegt. 12,7 Prozent der indigenen minderjährigen Mädchen leben in eheähnlichen Gemeinschaften; auch hier liegt der Landesdurchschnitt mit 4,3 Prozent erheblich niedriger. Nur 40 Prozent der indigenen Bevölkerung haben Zugang zu Trinkwasser, auf Landesebene sind es 90 Prozent. Während 99 Prozent der Bevölkerung an das Stromnetz angeschlossen sind, verfügen nur 67 Prozent der indigenen Haushalte über Elektrizität. In der indigenen Bevölkerung haben nur 13 Prozent einen Schulabschluss, dazu haben 41 Prozent schulische Probleme und Lernschwierigkeiten. Wie die letzte Volkszählung von 2010 ergab, leben in Costa Rica acht indigene Völker oder Gemeinschaften: die Huetar, die Maleku, die Bribri, die Cabécar, die Brunca, die Ngöbe, die Teribe und die Chorotega. Rund 100.000 Menschen bezeichnen sich selbst als indigen. Die Ley Indígena, das Indigenengesetz von 1977, erkannte der indigenen Bevölkerung insgesamt 3.344 km² Land zu, das entspricht 6,7 Prozent der Landesfläche.

Der Konflikt der Finqueros

Trotz der Verabschiedung dieses Gesetzes sind große Landflächen nach wie vor in der Hand nichtindigener Nutzer, die in Costa Rica als Finqueros bezeichnet werden. Nach der Ley Indígena sind alle, die vor 1977 indigenes Land erworben haben, verpflichtet, die Gebiete zu räumen und bekommen dafür von der Regierung eine Entschädigung. Viele Bewohner sind jedoch nicht bereit, das Land zu verlassen, unabhängig davon, ob sie Anspruch auf eine Entschädigung haben oder nicht. Die meisten weigern sich, das Land an die indigenen Gemeinschaften zu übergeben und halten es statt dessen besetzt. Oft dauert es bis zu zehn Jahre, bis die Gerichte über eine Räumung entscheiden. Da viele Indigene nicht auf ein nervenaufreibendes Gerichtsverfahren warten wollen, beschließen sie, die Umsetzung der Ley Indígena von 1977 aktiv zu beschleunigen und die Räumung selbst voranzutreiben. Die schwelenden Konflikte führen oft zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Besetzern und den rechtmäßigen Landbesitzern.

Frauen im Kampf um die Rückgewinnung indigener Gebiete

Salitre, 2010:  Die Gesetzgebenden Versammlung weigert sich, den Gesetzesentwurf zur autonomen Entwicklung indigener Völker zu Abstimmung zuzulassen. Daraufhin entscheidet sich in Buenos Aires de Puntarenas im Süden Costa Ricas eine Gruppe von Menschen für den Weg der De-facto-Rückgewinnung, das heißt, die Inbesitznahme der Gebiete ohne die institutionelle Verfahrensweise. Die Bewegung wird von indigenen Frauen angeführt. Später folgen auch andere Gebiete dem Beispiel von Salitre. Die daraus resultierenden Spannungen äußern sich in zahlreichen Gewalttaten von physischen und verbalen Aggressionen über das Abfackeln der Hütten, die in den zurückgewonnen Gebieten errichtet wurden, bis hin zu permanenten Morddrohungen, so dass der Konflikt schließlich internationales Terrain erreicht: 2015 etablierte die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) mit der Maßnahme MC 321/12 ein Instrument zum Schutz der Bewohner*innen dieser Gebiete. Trotzdem wurden in den Jahren 2019 und 2020 zwei indigenen Führungspersonen umgebracht. (Mehr dazu hier: Agenda de Mujeres Indígenas en Defensa de los territorios del Sur. Fondo de Población de Naciones Unidas (UNFPA-United Nations Population Fund)). Das aus dem Schulterschluss von Finqueros und Regierung entstandene Machtungleichgewicht hat die Eskalation des Konflikts weiter vorangetrieben. Besonders grausam ist die Trennung indigener Kinder von ihren Eltern durch den PANI (Patronato Nacional de la Infancia), eine staatliche Einrichtung, die sich auf das Prinzip des Kindeswohls bezieht und die Minderjährigen unter dem Vorwand einer angeblichen Gefährdung durch Alkoholismus und häusliche Gewalt den Eltern entzieht und in nicht-indigenen Pflegefamilien unterbringt, ohne weiterführende pädagogische Strategie und ohne jeden Respekt gegenüber ihrer Kultur. Der Informe del Mundo Indígena 2019 (IWGIA) beschreibt, wie die Kinder in nicht-indigene Haushalte verbracht und dort wegen ihrer lückenhaften Spanischkenntnisse, ihrer Hautfarbe und ihrer Gewohnheiten verspottet werden.

In dem spanischsprachigen Podcast von Radio Matraca stellen wir den Fall von Sergio Rojas Ortíz vor. Der  indigene Gemeindevorsteher aus dem Volk der Briri wurde am 18. März 2019 in seinem Haus ermordet. Er hatte bereits 2012 einen Mordanschlag überlebt. Bis heute wurde nicht aufgeklärt, wer hinter den Angriffen steht.

Den gleichen Podcast in deutscher Übersetzung findest du hier.

Hier findest du diesen Artikel in spanischer Sprache.

CC BY-SA 4.0 Sonne, Strand und Unterdrückung von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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