Polizeigewalt nach Urteil im Fall des ermordeten Camilo Catrillanca

Foto: Medio a Medio

(Wallmapu, 8. Januar 2021, Medio a Medio/poonal).- Am 7. Januar haben sich nach einem Einsatz der Ermittlungspolizei PDI in der chilenischen Region Araucanía heftige Zusammenstöße ereignet. Der Tag war vom Tod eines Polizeibeamten, der Festnahme von Familienangehörigen des vor über zwei Jahren von Polizisten ermordeten Camilo Catrillanca und zahlreichen Fällen von Polizeigewalt gegen Mapuche gekennzeichnet.

Schon am Morgen des 7. Januar drangen Polizist*innen der PDI in einer breit angelegten Operation in unterschiedliche Gebiete der Mapuche ein. In den Gemeinden von Temucuicui in der Kommune Ercilla spitzten die Ereignisse sich schließlich zu. Wie Menschen aus den Ortschaften übereinstimmend berichteten, drang die Polizei mit Panzerwagen, Wasserwerfern, Helikoptern und hunderten Einsatzkräften in die Gebiete ein. Grund für den Einsatz sollen Ermittlungen des Rauschgiftdezernats gewesen sein, die die Polizei unter Generaldirektor Héctor Espinosa in diesem Gebiet vollzogen. Die Polizeioperation wurde intensiv über die sozialen Medien verbreitet und schnell zum Thema der breiteren Öffentlichkeit. Insbesondere das Ausmaß des Einsatzes und die umfassende institutionelle Gewalt wurden kritisiert.

Familie des getöteten Polizisten kritisiert den Einsatz in der Araucanía

Obwohl die Polizei massiv bewaffnet war und militärisch für derartige Einsätze ausgebildet ist, endete die Operation mit dem Tod eines PDI-Polizisten. Luis Morales Balcazar von der Einheit ERTA aus der südchilenischen Stadt Iquique starb nach einem Kopfschuss. Sein Bruder, Ramón Morales, äußerte daraufhin auf Twitter seine Kritik an dem Polizeieinsatz: „Meine Mutter und meine Familie haben heute aus der Presse vom Tod meines Bruders erfahren. Er war im Rauschgiftdezernat von Iquique tätig und starb in Wallmapu bei einer Polizeioperation, deren wahre Ziele unklar sind“, schrieb Morales. Er ergänzte: „Die Leiter dieses Einsatzes und die Regierung, die die Menschen in Chile unterdrückt, verstümmelt und aufs dreisteste belügt, sind dafür verantwortlich.“

Seit Jahren ist die Lage in der Araucanía angespannt. Immer wieder geraten die stark bewaffneten Carabineros mit Mapuche zusammen. Der jüngste Polizeieinsatz ereignete sich just an dem Tag, an dem sieben ehemalige Carabineros und ein Anwalt im Zusammenhang mit dem Mord am Mapuche Camilo Catrillanca vor dem Strafgericht von Angol standen. Der 24-jährige Catrillanca war am 14. November 2018 im Zuge einer Operation einer Spezialeinheit der Militärpolizei, dem sogenannten „Dschungelkommando“, in der südchilenischen Region erschossen worden. Das Gericht von Angol sprach den ehemaligen Carabinero Carlos Alarcón nun, über zwei Jahre nach der Tat, des Mordes schuldig. Er hatte die tödlichen Schüsse abgegeben, die Catrillanca trafen, als dieser gerade auf einem Traktor unterwegs war. Sechs weitere Ex-Carabineros wurden unter anderem wegen Amtsmissbrauchs, der Erschwerung der Ermittlungen und ungerechtfertigten Waffengebrauchs schuldig gesprochen.

Poster mit dem Gesicht von Camilo Catrillanca an der Fassade des Kulturzentrums Gabriela Mistral (GAM) in Santiago de Chile / Foto: Warko via wikimedia commons (CC BY-SA 4.0)

Carlos Alarcón wurde außerdem wegen des versuchten Mordes an dem Jugendlichen, der Catrillanca begleitet hatte, verurteilt. Die Verkündung des Strafmaßes wird erst für den 28. Januar erwartet. Außer für die Carabineros, die nach dem Skandal um Catrillancas Tod vom Dienst suspendiert wurden, wird es auch eine Strafe für den Anwalt Cristián Inostroza geben. Er soll laut Alarcón den Beamten geraten haben, Falschaussagen zu machen, um sich selbst zu schützen.

Mapuche-Anwalt Aucán Huilcamán: „Klare Strategie der Regierung“

Aucán Huilcamán, Anwalt und Verantwortlicher für internationale Fragen der Mapuche-Organisation Consejo de Todas las Tierras sieht einen Zusammenhang zwischen dem Fall und dem jüngsten Polizeieinsatz in der Region. Gegenüber dem Onlineportal diarioUchile äußerte er sich in diesem Kontext: „Es ist eine klare Strategie der Regierung, um ihre strafrechtliche und politische Verantwortung im Fall Catrillanca zu verschleiern. Es ist sonderbar und verdächtig, dass sich am gleichen Tag und zur gleichen Zeit, zu der das Urteil für die Verantwortlichen für Camilo Catrillancas Tod verkündet werden soll, ein massiver und beispielloser Einsatz ereignet.“

Neben diversen Fällen von Polizeigewalt nahm die PDI bei dem Einsatz am 7. Januar auch Familienangehörige von Camilo Catrillanca fest. Seine Mutter, Tochter und Witwe wurden von Beamt*innen der PDI festgenommen. Marcelo Catrillanca, Vater von Camilo Catrillanca, bestätigte die Information bei Radio Usach. Er berichtete darüber, dass die Einsatzkräfte „in die Gemeinde eindrangen, als wir in Angol waren“. Dort seien die Personen auf dem Weg zur Urteilsverkündigung festgenommen und nach einem Vorgehen, das als irregulär eingestuft wird, wieder freigelassen worden. Wegen der möglicher Weise illegalen und willkürlichen Festnahme der 7-jährigen Tochter Catrillancas hat die Staatsanwaltschaft für Minderjährige eine Verfassungsklage angekündigt.

CC BY-SA 4.0 Polizeigewalt nach Urteil im Fall des ermordeten Camilo Catrillanca von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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