Luis Enrique Mejía Godoy: Singen gegen Nicaraguas Familiendiktatur

Die Maestros der Trova Nicaragüense 1980: Luis Enrique Mejía Godoy, Carlos Mejía Godoy und Enrique Duarte.
Foto: Jorge Mejía peralta
CC BY 2.0

(San José, 22. Dezember 2021, npla).- Mit dem Menschenrechtskollektiv „Nicaragua Nunca Más“ trat der Sänger Luis Enrique Mejía Godoy am 10. Dezember in Costa Rica auf. Pandemiebedingt durfte der große Saal nur zu einem Sechstel gefüllt werden. Der Stimmung tat das wenig Abbruch: Dafür sorgte die nicaraguanische Exilcommunity im Saal und im Livestream, die zunehmend ergriffen den Liedern und Erzählungen eines der großen Barden der sandinistischen Revolution vor zweiundvierzig Jahren lauschte.

Zum zweiten Mal im Exil in Costa Rica

Es ist bereits das zweite Exil von Luis Enrique Mejía Godoy. In den 1960 Jahren war der Liedermacher ins benachbarte Costa Rica gegangen, um Medizin zu studieren – und kehrte wegen der Somoza-Diktatur in seinem Heimatland lange nicht wieder nach Nicaragua zurück. Vier Jahrzehnte später floh der mittlerweile 76-Jährige wieder nach Costa Rica, diesmal vor denjenigen, mit denen Mejía Godoy einst die sandinistische Revolution gefeiert hat: Daniel Ortega und seiner Ehefrau und mächtigen Vizepräsidentin Rosario Murillo. Die Revolution zählt zu den bewegendsten Momenten des Musikers. Mit dem Sturz der Somoza-Diktatur 1979 war er wieder zurück in Nicaragua, baute unter Ernesto Cardenal das neue Kulturministerium mit auf und produzierte mit seinem Bruder Carlos über 100 Alben traditioneller nicaraguanischer Musik.

100.000 Nicaraguaner*innen leben im Exil

Hier in Costa Rica teilt Mejía Godoy das Schicksal Tausender Nicas, von Menschenrechtsaktivist*innen und Journalist*innen, von einfachen Bäuer*innen, Student*innen, Arbeiter*innen. Um die 100.000 Personen aus Nicaragua leben mittlerweile im Exil in den Americas und in Europa. Viele waren am Tag der Menschenrechte im Saal, Mütter hielten Plakate in die Höhe, auf denen sie die Freilassung ihrer verhafteten Kinder forderten. Aber im Exil, oder im Gefängnis soll der Widerstand gegen Ortega nicht enden. Mit der Revolutionshymne Yo soy de un pueblo sencillo („Ich stamme aus einem einfachen Volk“) erinnert Mejía Godoy daran, dass Nicaragua ein Volk von Poet*innen sei, das seine Verse mit Blut, Wut und Liebe an Wände und Türen schrieb und dass man, obwohl klein, gemeinsam ein Vulkan sei.

Regierungsspitze ohne demokratische Legitimierung

Das Paar Ortega-Murillo hat schon vor Jahren nach jedem demokratischen Ermessen die Legitimierung verloren. Gegen die Proteste von Mai bis Juni 2018 war das Regime mit äußerster Brutalität vorgegangen, gegen Bäuer*innen, Student*innen, selbst gegen die Mütter der Opfer. Mehr als 300 Menschen starben, weit über 1000 wurden verhaftet, von ihnen sitzen auch dreieinhalb Jahre später immer noch 157 im Gefängnis. Mejía Godoy rezitiert eine Ode an die Jugend, die die Revolution von 1979 gar nicht erlebt hatte, die aber bei den Protesten 2018 und im Zuge der Gewalt der Ortega-treuen Sicherheitskräfte und Banden zum Opfer wurde. Rosario Murillo hat ein ums andere Mal Protestierende und Dissident*innen als Verbündete des Auslands diffamiert, ihnen sogar abgesprochen, Nicaraguaner*innen zu sein. Eine Reihe von Gesetzen gegen „Geldwäsche, Verschwörung und Landesverrat“ dienen heute als Vehikel zur Kaltstellung von Kritiker*innen. Seit August soll vor einer Verleihung internationaler Preise an Nicaraguaner*innen das Regime vorher um Erlaubnis gefragt werden. Sein Lied Vivir sin Permiso („Leben ohne Erlaubnis“) widmet Luis Enrique Mejía Godoy den Toten der Proteste vor dreieinhalb Jahren. Er kritisiert darin auch diejenigen, die sich in der Tyrannei der Ortega-Murillo eingerichtet haben.

Ay Nicaragua, Nicaragüita

Wenige halten dem Regime von Daniel Ortega und Rosario Murillo noch die Stange. Nur wenige propagieren noch, dass die Wahlen im November legitim gewesen seien. Ortega und Murillo hatten in den Monaten zuvor sämtliche aussichtsreichen Gegenkandidat*innen und andere Dissident*innen verhaften lassen oder ins Exil getrieben, nicht nur Liberale und Konservative, vor allem auch ehemalige Revolutionsmitstreiter*innen und Comandantes: Dora María Téllez, Hugo Torres Jiménez und andere sitzen im Gefängnis. Viele weitere wie Sergio Ramírez, Mónica Baltodano retteten sich ins Exil, ebenso die Brüder Carlos und Luis Enrique Mejía Godoy, eigentlich die Sänger der sandinistischen Revolution. „Ay Nicaragua, Nicaragüita“, geschrieben von Carlos und vielleicht die Siegeshymne der Revolution, ist heute für Luis Enrique Mejía Godoy eine Botschaft an die Familiendiktatur Ortega/Murillo, dass sie dasselbe Schicksal erwartet wie vor über 40 Jahren die Somozas. Und am Ende: „Jetzt, wo Du dann wieder frei sein wirst, werde ich Dich umso mehr lieben.“

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CC BY-SA 4.0 Luis Enrique Mejía Godoy: Singen gegen Nicaraguas Familiendiktatur von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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