Jugendwiderstand: Gleichberechtigung fördern, Rassismus bekämpfen!

Demo der Landarbeiter*innen in Guatemala-Stadt, 2018
Foto: Ollantay Itzamná via wikimedia
CC BY-SA 4.0

(San Jacinto, 12. August 2021, prensa comunitaria).- Nach offiziellen Erhebungen zur Bevölkerungsstruktur im Zeitraum 2012-2022 sind rund 33% der Guatemaltek*innen zwischen 13 und 29 Jahre alt. Den von den Vereinten Nationen ausgerufenen Internationalen Tag der Jugend am 12. August nutzten junge Aktivist*innen, um Themen und Forderungen auf die Straße zu tragen, die immerhin für ein Drittel der Bevölkerung relevant sind. Spätestens seit den Mobilisierungen anlässlich des jüngsten landesweiten Streiks, des #ParoPlurinacional, sind Frauen aus den Jugendprotesten nicht mehr wegzudenken. Unüberhörbar fordern sie ihre Rechte ein und benennen Unterdrückungsmechanismen, die sie nicht länger tolerieren wollen.

„Der Staat will die Forderungen der Jugend unter den Teppich kehren“

„Wir müssen uns als Rechtssubjekte, als gesellschaftspolitische Akteur*innen ins Spiel bringen und  zeigen, dass wir sehr wohl einiges an Einfluss besitzen. So wird es uns auch gelingen, die bestehende Kluft zwischen den Generationen zu überwinden und dem Erwachsenenzentrismus, der uns unterdrückt, eine Absage zu erteilen“, betont Jackeline Villagrán, Jugendkoordinatorin des Komitees für bäuerliche Entwicklung (CODECA). Mirna Patricia Guerrero, Koordinatorin der Landesweiten Jugendverbands, ergänzt: „Als soziale Bewegungen betrachten wir es als definitiv nicht tragbar, dass die Belange der Jugend unter den Teppich gekehrt  werden. Fakt ist jedoch, dass Staat und Regierung die Anliegen unserer Jugend oft nicht berücksichtigen“. Insbesondere bei den jüngsten Mobilisierungen im Rahmen des #ParoPlurinacional sei ihr aufgefallen, dass junge Menschen nicht nur auf der Straße zu sehen waren, sondern auch die Aufrufe mit verfasst und die Aktionen wesentlich mit geleitet hatten: mutige junge Menschen, die sich künstlerische, kulturelle und technische Ausdrucksformen zu eigen machen, um ihre Positionen auszudrücken, wobei die Schwerpunkte je nach Umfeld variieren: „In städtischen Regionen konzentriert die Jugend sich eher auf intellektuelle Ausdrucksformen, und in ländlichen Gebieten treten sie öfter durch massive Aktionen in Erscheinung, was wiederum in den Städten vielfach auf Kritik stößt“, erzählt Guerrero.

Aktivistinnen: von patriarchalem Rollenverständnis und Rassismus ausgebremst

„Unsere Aufgabe war es, die Beteiligung der Jugend am Plurinationalen Streik zu organisieren und digitale Beiträge aus den ländlichen Gebieten zusammenzustellen, um unsere Forderung nach strukturellen Veränderungen durch die verfassungsgebende Plurinationale Versammlung sichtbar zu machen“, beschreibt CODECA-Aktivistin Jackeline Villagrán ihre Arbeit als Jugendkoordinatorin. Und welche sind die Herausforderungen, denen sich Frauen gegenübersehen, wenn sie in den sozialen Bewegungen aktiv werden wollen? Die Gremien, die letztendlich die Entscheidungen treffen, seien zumeist von Männern besetzt, fasst Guerrero zusammen. Das Engagement von Frauen werde oft nicht wahrgenommen, und wenn sie Vorschläge und Ideen einbrächten, werde ihnen häufig die Legitimation abgesprochen. Rassismus sei auch ein großes Thema, denn: „Auf die Bewahrung der indigenen Traditionen und der Kultur sind vor allem die Frauen abonniert. Sie sind es, die ihre kulturelle Identifikation durch Kleidung und bestimmte Verhaltensweisen zum Ausdruck bringen, und weil sie Frauen sind, werden natürlich sämtliche Vorurteile und das gesellschaftliche Rollenverständnis auf sie übertragen.“ Um eine gleichberechtigte Gesellschaft zu schaffen, müssten patriarchale Strukturen aufgebrochen und die Kluft zwischen den Geschlechtern überwunden werden. Dafür sei es unumgänglich, dass die tonangebende Stellung der Frauen in den Landgemeinden respektiert und gefördert werde, erklärt Villagrán.

Landesweiter Jugendverband: aktiv für ein integratives Jugendgesetz

Der von Guerrero koordinierte Landesweite Jugendverband arbeitet integrativ, proaktiv und überparteilich und orientiert sich an den Grundsätzen von Demokratie, Einheit und Solidarität. „Unser erklärtes Ziel ist es, die Lebensbedingungen der Jugend und der Bevölkerung im Allgemeinen zu verbessern, indem wir eine integrative, demokratische, multikulturelle und friedliche Nation aufbauen, die die Menschenrechte uneingeschränkt achtet und die Früchte gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen der gesamten Bevölkerung zur Verfügung stellt.“ Zu den fortlaufenden Aktivitäten des Verbands gehört die Entwicklung von Gesetzesinitiativen zugunsten der Jugend, z.B. die Initiativen zum Jugendentwicklungsgesetz und zum Jugendwirtschaftsgesetz; sowie Debatten, Versammlungen, nationale Jugendkongresse, Runde Tische auf Departements- und Bundesebene und vieles mehr. Darüber hinaus beteiligt er sich an der Ausarbeitung von Dokumentationen zu Themen, die für die Jugend von Bedeutung sind, und unterstützt Organisationen und soziale Bewegungen, die sich für die Rechte benachteiligter Gruppen, Jugendliche, Frauen, indigene Völker und andere, einsetzen. Die Verabschiedung eines nationalen Jugendgesetzes ist für Guerrero eins der Hauptziele. Damit wäre die Rechtsgrundlage für die Umsetzung von Programmen und Projekten geschaffen, die eine umfassende Entwicklung des Jugendsektors anstoßen sollen. Außerdem gelte es, den Erwachsenenzentrismus zu bekämpfen und gleichberechtigte Räume ohne Rassismus und Diskriminierung zu schaffen, die die Beteiligung der Jugendlichen ermöglichen und fördern. Wichtig sei es außerdem, die zentralisierte Struktur des Staats aufzubrechen und die Räume zu besetzen, an denen Entscheidungen getroffen werden, wie Bürgermeisterämter und Sitze im Kongress.

CODECA-Jugend: Empowerment durch gesellschaftspolitische Schulungen

„Die Aktivitäten von CODECA folgen den Grundsätzen: Plurinationalität, Interkulturalität, Kollektivität, Anerkennung und Verteidigung der Menschenrechte und der Mutter Erde sowie Intergenerationalität“, betont Villagrán. Außerdem organisiert die CODECA-Jugend regelmäßig gesellschaftspolitische Schulungen zur Anerkennung und Verteidigung von Rechten, darunter spezielle Schulungen von Frauen für Frauen, plurinationale Jugendtreffen und Workshops zur Aufbereitung digitaler Inhalte für soziale Netzwerke und das Radio. Für Villagrán geht es darum, „dass die Jugend als gesellschaftspolitischer Akteur anerkannt wird und lernt, sich selbst als solchen zu verstehen. Dass wir die Kluft zwischen den Generationen überwinden und der plurinationalen Jugend unsere Interkulturalität als etwas Bereicherndes vermitteln und Diskriminierung und Rassismus beseitigen.“ Dazu Villagrán: „Wir müssen deutlich machen, dass wir den gescheiterten Staat ablehnen, und uns an den Protestaktionen beteiligen: mit konkreten Vorschlägen für strukturelle Veränderungen in diesem Land.“

Was die Jugendarbeit angeht, gibt es in Guatemala noch viel zu tun, da sind sich beide Aktivistinnen einig.

 

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