Francia Márquez und das Recht auf ein Leben in Frieden

Mögliche Präsidentschaftskandidatin des Pacto Histórico, Francia Márquez / Foto: servindi

(Bogotá, 14. Februar 2022, servindi).- Die Präsidentschaftskandidatur von Francia Márquez in Kolumbien ist ein Hoffnungszeichen, meint der Soziologe Andrés Kogan*. Ein Hoffnungszeichen inmitten von Angst und Tod, in einem Land mit einer Demokratie, die von der Guerilla, dem Paramilitarismus, dem Drogenhandel, der Armee und einer fanatischen Ultrarechten unter der Führung von Álvaro Uribe verschleppt wurde, so dass es nur noch mehr Tote gab.

Weniger als einen Monat vor den Präsidentschaftswahlen in Kolumbien haben sich mehrere Kandidat*innen beworben, um die Wahl am 13. März anzutreten. Verschiedene politische Bündnisse stellten Kandidat*innen auf, darunter der Pacto Histórico, die Koalition Centro Esperanza und das Equipo por Colombia.

Beim Bündnis Pacto Histórico liegt Gustavo Petro als Kandidat in Umfragen zwar weiterhin vorn. Doch die Stellung von Francia Márquez wird immer stärker. Ihr Wahlsiegs würde einen Bruch mit der traditionellen Politik in Kolumbien bedeuten, wie es ihn noch nie gegeben hat.

Von der Umweltaktivistin zum Symbol des Kampfes gegen Rassismus und Patriarchat

Denn Márquez‘ Kampferfahrung gegen Rassismus, Patriarchat und Rohstoffabbau in Kolumbien machen sie zu einem Symbol für die Millionen von Kolumbianer*innen, die im Land unter Enteignung, Gewalt und der Todespolitik gelitten haben und sich während des Aufstands von 2021 so stark erhoben haben.

Geboren im Norden des Departements Cauca, hat Francia Márquez als Mutter und Familienoberhaupt, führende Aktivistin der afrokolumbianischen Bevölkerung und Anwältin buchstäblich ihr Leben als Aktivistin für die Menschen- und Umweltrechte geopfert. Und das in einem Land, das sich seit 60 Jahren in einem bewaffneten Konflikt befindet, der mehr als 200.000 Tote und acht Millionen Vertriebene gefordert hat. Ihr Kampf gegen den illegalen Bergbau und ihr Einsatz für die Flüsse und Berge des Cauca haben sie zu nicht nur in Kolumbien sondern weltweit zu einer sozio-ökologischen Bezugsgröße gemacht. Im Jahr 2018 wurde mit dem Goldman-Umweltpreis ausgezeichnet.

Ebenso ist Márquez für ihren engagierten Kampf für die Rechte der Frauen und der indigenen und afrokolumbianischen Bevölkerung bekannt. Bei diesen Bevölkerungsgruppen sind Diskriminierungsformen nach Aspekten ethnischer Herkunft, Geschlecht, Umwelt und Wirtschaft seit jeher ein gemeinsamer und miteinander verzahnter Aktionshorizont.

Für die Dekolonisierung des Lebens: „Ich bin, weil wir sind“

So ist es nicht verwunderlich, dass sich Francia Márquez für eine Dekolonisierung des Lebens einsetzt. Diese geht vom Pluriversum aus, wie es der kolumbianische Lehrer Arturo Escobar bezeichnet hat und bindet andere Philosophien, etwa die des Ubuntu, mit ein. Francia Márquez steht für den Satz: „Ich bin, weil wir sind“.

Wenn Márquez als Kandidatin des Pacto Histórico nominiert wird, tritt also eine Person an, die aus den Gemeinden, Gebieten und sozialen Bewegungen kommt und nicht aus den kolumbianischen Eliten, die durch ihr Tun und Unterlassen ein historisches und beispielloses Friedensabkommen in Kolumbien mit Hürden versehen haben. Ein Friedensabkommen, das jetzt zu scheitern droht. Der Krieg hat in Kolumbien leider nicht nachgelassen, ganz im Gegenteil, die Daten des Instituts für Entwicklungs- und Friedensstudien (INDEPAZ) zeigen, dass es allein in diesem Jahr bereits 19 Massaker und 82 Todesopfer gab.

Wie die Berichte von Global Witness Jahr für Jahr zeigen, ist Kolumbien außerdem weiterhin das Land mit der weltweit höchsten Mordrate an Umweltschützern, sogar noch vor Ländern wie Mexiko und den Philippinen.

Für ein Ende der Gewalt, der Vertreibungen, der Morde

Die Kandidatur von Francia Márquez ist also ein Hoffnungszeichen inmitten von Angst und Tod, in einem Land mit einer Demokratie, die von der Guerilla, dem Paramilitarismus, dem Drogenhandel, der Armee und einer fanatischen Ultrarechten unter der Führung von Álvaro Uribe verschleppt wurden, so dass es nur noch mehr Tote in Kolumbien gab.

Vor diesem Hintergrund sind ihre Vorschläge zur notwendigen Beendigung des Krieges gegen Drogen und Terrorismus zu sehen, der von den Vereinigten Staaten mit dem Plan Colombia 1999 brutal angezettelt wurde und das Blutvergießen in den Gebieten nur noch vergrößert hat, wobei vor allem Frauen, Indigene, Afrokolumbianer*innen und die kleinbäuerliche Bevölkerung vertrieben und ermordet wurden.

Wandel ist auf vielen Ebenen nötig, etwa bei Landwirtschaft und Klimakrise

Damit der Hunger in den Territorien endgültig nachlässt, muss die Bio-Landwirtschaft gestärkt und die Nahrungsmittel-Souveränität gefördert werden. Diese Maßnahmn müssen mit der Beseitigung rassistischer und patriarchaler Strukturen einhergehen. Nur so kann, wie Francia Márquez es ausdrückt, „den Kolumbianern ein gutes, friedliches, ruhiges, glückliches und erfülltes Leben” ermöglicht werden.

Außerdem ist Kolumbien ein Land, das angesichts der aktuellen Klimakrise für die Zukunft der Erde von großer Bedeutung ist. Es gehört zu den Ländern mit der größten biologischen Vielfalt auf unserem Planeten. Schon allein deshalb ist es nicht nur eine Option, sondern eine Notwendigkeit, eine unentbehrliche Lebensbefürworterin wie Francia Márquez bei den nächsten Präsidentschaftswahlen zu unterstützen.

* Andrés Kogan Valderrama ist Soziologe mit Diplom in nachhaltiger Entwicklungspädagogik, einem Magister in Kommunikation und Gegenwartskultur sowie einem Promotionsstudium in lateinamerikanischen Sozialwissenschaften. Er arbeitet in der chilenischen Gemeinde Ñuñoa und ist Mitglied des wissenschaftlichen Komitees der Revista Iberoamérica Social und Direktor des Plurinationalen Wasserobservatoriums.

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