Flüchtlingswelle nach bewaffneten Angriffen auf Gemeinde in Chiapas

Am 19. August trat die bewaffnete Gruppe von Chenalhó erstmals mit einem Video an die Öffentlichkeit. Quelle: Rompeviento

(Aldama, 24. August 2020, amerika21).- Eine bewaffnete Gruppierung aus der Gemeinde Chenalho hat im Hochland des südmexikanischen Bundesstaates Chiapas zum wiederholten Mal Dörfer der Nachbargemeinde Aldama angegriffen. Über tausend Indigene mussten fliehen.

Die Eskalation ist vordergründig ein Konflikt um 60 Hektar Land, die durch eine falsche Grenzfestlegung des Staates ausgelöst wurde. Doch der seit mehreren Jahren immer wieder aufflammende Konflikt hat auch andere Motive. Die unabhängige Journalistin Ángeles Mariscal betont indes, dass die umstrittene Zone ein „strategisches Territorium“ sei, insbesondere als Korridor für Waffen- und Drogenschmuggel.

Schon kurz nach dem Aufstand der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (Ejército Zapatista de Liberación Nacional, EZLN) von 1994 wurden in Chenalhó paramilitärische Verbände zur Aufstandsbekämpfung gebildet. Diese vertrieben erst mehrere tausend Personen und ermordeten 1997 im Dorf Acteal, Chenalhó, 45 intern Vertriebene der basiskirchlichen Organisation „Las Abejas„. Obwohl einige der Täter dieses Massakers festgenommen und verurteilt wurden, sind sie, nach der juristischen Verteidigung durch evangelikale Anwälte, wegen angeblicher Verfahrensfehler zwischen 2009 und 2013 wieder freigelassen worden.

Bis zu 5.000 Menschen auf der Flucht

Seit 2017 hat eine bewaffnete Gruppe die Territorien der Nachbargemeinden Chalchihuitán und Acteal ins Visier genommen. Zeitweise waren bis zu 5.000 Personen vor ihnen auf der Flucht.

Die Lokalregierung unter dem Gouverneur Rutilio Escandón Cadenas von der Bewegung der Nationalen Erneuerung (Movimiento Regeneración Nacional, Morena) hat bisher keine Schritte zur Beendigung der Straflosigkeit unternommen.

Aldama dokumentiert bisher 350 bewaffnete Angriffe, die zu sieben Toten und 16 Verletzten führten. Die Bäuer*innen mehrerer Dörfer der Gemeinde können nicht mehr auf ihre Kaffee- und Maisfelder, viele der Familien leiden unter zunehmender Unterernährung und unter den psychischen Folgen der ständigen Bedrohung.

Nichtangriffspakt nicht eingehalten

Am 9. August war Alejandro Encinas Rodríguez, Staatssekretär für Menschenrechte des mexikanischen Innenministeriums, in Chiapas. Er traf sich mit Vertreter*innen beider Gemeindebezirke, die einen Nichtangriffspakt unterschrieben ‒ ohne jedoch diese Waffenruhe durch die Entsendung von Sicherheitskräften zu sichern.

Nur Stunden später intensivierten sich die Angriffe auf Aldama, und über tausend Indigene aus den Dörfern Chivic, Yetón, San Pedro Cotsilnan, Tabak, Cocó und Xuxchen mussten in die Berge und improvisierte Lager fliehen.

Am 19. August trat die bewaffnete Gruppierung von Chenalhó erstmals und überraschend mit einem Video an die Öffentlichkeit, wo sie sich, nach dem Tod eines Bewohners von Chenalhó, als Opfer darstellt.

Viele Beobachter*innen, darunter Pedro Faro, Direktor des Menschenrechtszentrums Fray Bartolomé de Las Casas, mahnen eindringlich, dass die völlige Straflosigkeit und die Vertreibungen sie an die Monate vor dem Massaker von Acteal erinnert.

Die Organisation „Las Abejas“ ihrerseits, die inzwischen vor dem Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof um Gerechtigkeit im Falle des Massakers von Acteal kämpft, betont, dass die historischen paramilitärischen Gruppierungen „nie entwaffnet und aufgelöst wurden“ und warnt, dass heute in der Region mehr Waffen vorhanden seien als in den 1990er Jahren.

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