Coronavirus im Gefängnis: Romantisierung und Repression

(Buenos Aires, 30. März 2020, LARETAGUARDIA).-Innerhalb von zwei Wochen hat sich die Welt gehörig verändert. Menschen, die Tag für Tag in den sozialen Medien Witze über den Coronavirus COVID-19 gepostet hatten, begannen plötzlich, die Gefahr ernst zu nehmen. Ähnliches ließ sich auch bei den Regierungen beobachten: Innerhalb kurzer Zeit wurden die Sicherheitsmaßnahmen aufgestockt und Einschränkungen in Italien, Spanien und Argentinien deutlich verschärft. In einer Gesellschaft, die sich aus unterschiedlichen Altersgruppen sowie sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Schichten zusammensetzt, waren auch die Reaktionen auf die Situation sowie das Verhalten der Bürger*innen sehr unterschiedlich. Gleichzeitig sind sich viele der Probleme weniger privilegierter Menschen nicht bewusst.

Eine soziale Abstellkammer – romantisch ausgeleuchtet

In sozialen Medien und den Nachrichten wurde die Situation von Gefangenen in der letzten Zeit enorm romantisiert. Es häuften sich Berichte darüber, wie Inhaftierte in einigen Gefängnissen  beschlossen, vorerst freiwillig auf Besuche zu verzichten. Gefängnismitarbeiter*innen teilten in den sozialen Medien, wie Gefangene Atemschutzmasken herstellen – für „die Außenwelt“, wie man dort sagt. Paradox ist jedoch, dass auch in Zeiten der allgemein geltenden Quarantäne das Leben in zwei parallelen Welten stattfindet. Durch die Romantisierung der Situation gerät die kritische Betrachtung der Gefängnisse, denen die Funktion einer gesellschaftlichen Abstellkammer zukommt, völlig aus dem Fokus. Statistiken zeigen, dass die Inhaftierten mehrheitlich einer bestimmen sozialen Schicht angehören. Zwei Drittel sind junge Menschen ohne Sekundarschulabschluss, die aus benachteiligten Bevölkerungsschichten stammen. Doch wie kann man dem Problem besonders unter einem menschenrechtlichen Gesichtspunkt begegnen? Vor diesem Hintergrund haben wir uns einen Überblick der Situation in den Gefängnissen gemacht und sprachen mit Inhaftierten in mehreren Ländern, die uns zeigten, wie sie leben.

Die Situation in argentinischen Gefängnissen

Im Dezember 2019 hat das Oberste Gericht in Buenos Aires mit der Resolution 3341 – 19 den Staat dazu verpflichtet, Maßnahmen gegen die Überbevölkerung zu ergreifen, die derzeit in allen Gefängnissen des Strafvollzugsdienstes von Buenos Aires (Servicio Penitenciario Bonaerense, SPB) herrscht. Darüber hinaus sieht die Resolution vor, die Situation und die Haftbedingungen der Gefangenen zu verbessern und Folter zu unterbinden. Auch soll die willkürliche Anordnung von Untersuchungshaft stärker überprüft werden. Derzeit sind in Argentinien 60% aller Gefangenen Untersuchungshäftlinge.

Terror, Unmenschlichkeit und Überfüllung

Situationen wie in Buenos Aires findet man überall in Argentinien, in Gefängnissen des SPB genauso wie in den nationalen Gefängnissen (Servicio Penitenciario Federal, SPF). Auch wenn der SPB in Buenos Aires als der schlechteste im ganzen Land gilt, ist die Situation in argentinischen Gefängnissen insgesamt erschreckend und zeichnet ein Bild von Terror und Unmenschlichkeit hinter hohen Mauern. Mit Blick auf die Überbevölkerung in den Haftanstalten bedeutet das, dass in einigen Einrichtungen die doppelte oder sogar dreifache Anzahl der maximal erlaubten Gefangenen leben. In einer Zelle, die eigentlich für vier Personen ausgelegt ist, sind häufig bis zu acht Inhaftierte untergebracht. Durch Überbevölkerung und extreme Enge bieten Gefängnisse ideale Bedingungen für die Ausbreitung jedes Virus. Die Mitarbeiter*innen und Behörden, die täglich mit der Situation der Gefangenen konfrontiert sind, betonen in ihren Berichten und rechtlichen Beschwerden die unmenschlichen Bedingungen, unter denen die Inhaftierten leben und sterben müssen. Dass die Gefängnisse nicht die Vorschriften der argentinischen Verfassung und des Strafgesetzes erfüllen, spielt sich jedoch völlig abseits der öffentlichen Debatte ab. Rechtlich müssen auch während des Strafvollzugs grundlegende notwendige Bedingungen gewährleistet sein. Dies ist jedoch weltweit in der Mehrheit der Länder nicht der Fall. Heute ist aufgrund der globalen Pandemie die Situation der Haftanstalten in aller Munde, obwohl viele das Thema lieber im Dunkeln gehalten hätten. Die Gefängnisse sind heutzutage eine Brutstätte für Tuberkulose, die „Krankheit der Armen“ – und benötigen dringend eine bessere Gesundheitsversorgung. Die Mehrzahl der Einrichtungen verfügt weder über die hygienischen Vorkehrungen noch über die nötigen Kapazitäten für ärztliche Behandlung. Doch dies ist nur eins der alltäglichen Probleme. Wir haben mit unterschiedlichen Gefangenen gesprochen, deren Identität wir teils aus Sicherheitsgründen nicht preisgeben.

Ibuprofen für alle

Zum Thema Gesundheit berichtet ein Mitarbeiter Folgendes: „Es ist immer das gleiche Problem – es fehlt an Material, Personal, Ressourcen und Medikamenten. Aber dazu stellt sich noch die große Frage, wie man überhaupt Zugang zu medizinischer Versorgung bekommen soll. Wenn du in einem Gefängnis lebst, an den kein Werkstatt- oder Schulbetrieb oder andere Aktivitäten angeschlossen sind, kommst du so gut wie nie aus dem Haftbereich heraus. Um eine Sprechstunde im Gesundheitszentrum zu bekommen, muss man zuerst einen Antrag ausfüllen, diesen an die Stationsleitung geben, die das Papier anschließend dem Gefängnispersonal übergibt. Erst dann leitet das Personal den Antrag an die medizinische Station weiter. Doch meistens warten die Gefangenen vergebens auf einen Rückruf zur Bestätigung ihres Arzttermins. Wenn man keine ernsthafte Verletzung oder Krankheit hat, versucht schon keiner mehr, einen Termin in der Klink zu bekommen. Inzwischen machen wir Witze, dass für jedes Problem und jeden Schmerz einfach Ibuprofen genommen wird, denn das ist das einzige, was es gibt. Doch mittlerweile gibt es auch kein Ibuprofen mehr. Wenn man einen medizinischen Eingriff benötigt, muss man dies schriftlich beim Gericht einreichen, und dieser Prozess dauert in der Regel sehr lange.“ Der Bericht gibt einen alarmierenden Einblick in die Gesundheitsversorgung, doch dies ist nicht das einzige Problem, das die Gefangenen, ihre Familien und die Mitarbeiter*innen täglich erleben.

Besuche im Gefängnis: psychische Stärkung und Nahrungsmittelversorgung

Nach romantisierenden Medienberichten über die Opferbereitschaft der Gefangenen wurden schließlich in einem der Gefängnisse ab dem 19. März alle Besuche verboten. In diesen Tagen wird viel über Gesundheit gesprochen, aber auch mentale Gesundheit muss hier berücksichtigt werden. Unter den unmenschlichen Bedingungen der Haft ist jeder Kontakt zur Außenwelt viel wert und bildet einen Teil der Grundversorgung für die Inhaftierten, da ihre Familien ihnen Pakete mit Essen bringen. In vielen Gefängnissen sind die Inhaftierten auf die Versorgung durch ihre Angehörigen angewiesen, um zu überleben. Ausreichend Nahrung ist wichtig, um bei Kräften zu bleiben. Ein Gefängnismitarbeiter, der in einem der schlimmsten Gefängnisse des Landes tätig ist, erzählt uns: „Heutzutage fehlt es nicht an Essen. Doch noch vor einigen Jahren mussten die Gefangenen hungern, wenn ihnen die Familien keine Essenspakete vorbeibrachten. Heute wird zwar Essen an die Inhaftierten ausgeteilt, allerdings von schlechter Qualität und häufig verdorben, sodass man die Lebensmittel zunächst waschen und kochen muss. Einmal brachte man den Inhaftierten eine Kiste mit Hühnerfleisch, das schon grün geworden war. Noch immer kommt es zu internen Absprachen, und diejenigen mit guten Beziehungen zur Leitung bekommen besseres Essen, aber zumindest muss keiner der Gefangenen mehr hungern.“

Romantisierung statt Vorsorge

Mit dem Besuchsverbot wird die Situation in den Gefängnissen immer angespannter. Die Vorsichtsmaßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus wurden bislang nicht umgesetzt und die Stimmung der Gefangenen droht zu kippen. Für das Wachpersonal wurden einige Plakate aufgehängt mit Hinweisen zur Ansteckungsgefahr und den Quarantänevorschriften, besonders für diejenigen, die vor kurzem gereist sind oder Symptome zeigen. Viel mehr passierte allerdings nicht. Als Teil der öffentlichen Kampagne trat der für den Strafvollzug in Buenos Aires zuständige Staatsekretär persönlich in den sozialen Medien auf. Der Bericht zeigte die Inhaftierten beim Nähen von Atemschutzmasken, was als positives Zeichen in der humanitären Krise verstanden werden sollte. Wie immer scheint es, dass absolut niemand die Entwicklung hat voraussehen können. Bislang bestätigen alle Einrichtungen, mit denen wir gesprochen haben, dass die Mehrheit der Mitarbeiter*innen im Strafvollzug und auf den Gesundheitsstationen und auch die Inhaftierten nicht über die notwendige Ausstattung verfügen. Sie haben weder Handschuhe noch Alkohol, Chlorreiniger oder Vergleichbares.

Resolution zur Reduzierung der Häftlingsdichte

Am 19. März verabschiedete der Oberste Gerichtshof von Buenos Aires eine Resolution, die Strafverteidiger*innen dazu anweist, Hausarrest oder Strafmilderung für ihre Angeklagten zu beantragen, sollten diese der Risikogruppe angehören oder individuelle Versorgung benötigen. Laut der Nationalen Strafvollzugsstatistik (SNEEP) gehören aktuell mindestens 9,5% der Inhaftierten der Risikogruppe an. In einem weiteren Artikel der Resolution werden auch die Staatsanwaltschaft, das Jugendamt sowie die Ministerien für Justiz und Verteidigung angewiesen, der Resolution eine hohe Priorität einzuräumen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, um beispielsweise Minderjährige, die bei ihren Müttern im Gefängnis untergebracht sind, aus den Haftanstalten herauszuholen.

Pandemie trifft auf repressiven Haftalltag

Schnell breiteten sich Wut und Frustration über das eingeschränkte Besuchsrecht in den Gefängnissen überall in Argentinien aus. Als Reaktion darauf wurden am 20. März im Gefängnis Bouwer in der Provinz Córdoba repressive Maßnahmen verhängt. Wie in allen anderen Haftanstalten herrschen auch dort schlechte Bedingungen, die den Kampf gegen die Pandemie zusätzlich erschweren: Im vergangenen Jahr kam es innerhalb weniger Wochen zu zwei Todesfällen und schweren Repressionen. Am Sonntag den 3. Februar 2019 starb die Insassin Elsa Medina unter unmenschlichen Bedingungen, da ihr die notwendige medizinische Versorgung vorenthalten worden war. Wenig später, am 23. Februar, wurde Janet López erhängt am Fensterkreuz ihrer Zelle aufgefunden, angebliche Todesursache: Selbstmord. Daraufhin initiierten die anderen Insassinnen des Frauengefängnisses einen Aufstand, der sofort durch das Wachpersonal niedergeschlagen wurde. Angesichts der angespannten Stimmung wurden Besuche verboten und auch Menschenrechtsaktivist*innen wurde der Zutritt untersagt. Die Angehörigen demonstrierten gegen diesen Zustand vor dem Gerichtsgebäude, doch von all dem wurde in der nationalen Presse kein Wort berichtet.

Wut und Frustration im ganzen Land

Nun rebellierten im Männertrakt mehrere Inhaftierte gegen das Besuchsverbot; der Aufstand wurde gewaltsamniedergedrückt. Dabei ist die Kritik der Inhaftierten nachvollziebar: Sie beklagen die mangelnde medizinische Versorgung und Hygiene, fehlende Kontrollen durch das Gefängnispersonal und dass der Staat die Situation völlig vernachlässigt.

Am 21. März geriet die Situation in der Haftanstalt Unidad penitenciaria 3 in Bariloche außer Kontrolle. Eine Kontaktperson berichtet: „Aus Protest gegen die unzureichenden Bedingungen zum Schutz gegen die Corona-Pandemie haben die Gefangenen einige Bettdecken in Brand gesteckt. Zur Niederschlagung des Aufstands wurden Gummigeschosse eingesetzt, einige Häftlinge erhielten Verletzungen. Die Verteidigerin erklärte, die Staatsanwaltschaft werde am Morgen die Strafanzeigen aufnehmen, am darauffolgenden Abend hieß es jedoch, es sei erneut zu Auseinandersetzungen und weiteren Verletzten gekommen. Man habe sich nur per Whatsapp verständigen können, um die Betroffenen zu beruhigen. Wir haben eine Spezialermittlung gefordert, um den Ursachen des Konfliktes nachzugehen. Warum musste Repressionen angewendet werden? Warum ist die Situation derart eskaliert? Verschiedene Behörden sind aufgefordert, die Ermittlungen zu unterstützen und zu gewährleisten, dass Zeug*innen für ihre Aussagen keine Strafen zu befürchten haben. Außerdem sind wir dabei, ein Protokoll für die Gefängnisleitungen zu verfassen, die auf dieser Situation basiert. Es gibt immer frühzeitige Mechanismen, die eingeleitet werden können, um eine Situation aufzulösen, bevor es zum Gewaltausbruch kommt. Doch dieser Prozess wird noch lange dauern und auch nicht leicht werden, am wenigsten für die Gefangenen.“

24. März, Nationaler Gedenktag. In den Gefängnissen von Coronda und Las Flores de Santa Fe häufen sich die Konflikte. Die Probleme hatten im vergangenen Jahr begonnen, als die Besuchszeiten auf die Tage unter der Woche gelegt und die Besuche am Wochenende gestrichen wurden. Viele Familien der Häftlinge kommen jedoch von weit her und können daher wochentags nur schwer einen Besuch einrichten und den Inhaftierten Essen bringen.

Auch im Gefängnis in Magdalena wächst die Sorge, auch wenn zunächst noch alles ruhig erscheint und die Lage dort nicht mit der „brodelnden“ Situation in den restlichen Gefängnissen zu vergleichen ist. Zwar mangelt es dort ebenfalls an Hygieneprodukten, doch bislang geht alles seinen gewohnten Gang, als sei es ganz normal, dass es im besten Fall gerade einmal einen Arzt oder eine Ärztin sowie einen Krankenpfleger oder eine Krankenpflegerin im ganzen Gefängnis gibt. „So sieht der Alltag hier aus. Besonders gefährdete Personen haben keine Möglichkeit, sich zu isolieren. Daher versuchen die Inhaftierten selbst, so gut wie möglich mit der Situation umzugehen und sich in den Zellen zu organisieren. Der zuständige Minister hat erst letzte Woche Chlor und Seife geschickt. Doch das Virus könnte durch das Wachpersonal oder die Verlegungen von Gefangenen, die nicht verschoben werden können, in das Gefängnis gelangen. Mindestens zwei neue Häftlinge bringen die Polizeibeamt*innen täglich hierher, und das lässt sich auch nicht verhindern. Zunächst werden sie aber 14 Tage lang isoliert, bevor sie zu den anderen Häftlingen kommen, was jedoch mit großem Aufwand verbunden ist. Überall wird gegen die Sicherheitsmaßnahmen verstoßen, und es sind die Gefangenen selbst, die dem Wachpersonal sagen: „Bitte tragen Sie einen Mundschutz, benutzen Sie Handschuhe“. Das Wachpersonal antwortet darauf nur, dass sie nicht die nötige Ausstattung haben.“

Gelder für Hilfsmittel versickern, Proteste stoßen auf Repression

Die Regierung investierte Gelder in Millionenhöhe, um die Gefängnisse mit allen notwendigen Materialien auszustatten, jedoch kam davon nur wenig bei den Häftlingen an. Quellen aus Regierungskreisen erklärten, wenn die Hilfe nicht da ankäme, wo sie gebraucht würde, werde sie wohl an irgendwelchen Zwischenstellen versickern. Die Forderungen der Häftlinge sind eine logische Folge angesichts der Situation in den Gefängnissen und der Bedrohung durch die Pandemie, und doch kam es bisher zu fünf bestätigten Todesfällen in den Gefängnissen. Die offiziellen Stellungnahmen weichen immer von den Schilderungen der Häftlinge ab, doch nun erklärte der zuständige Sekretär für Angelegenheiten des Strafvollzugs Walter Gálvez, keiner der Todesfälle gehe auf Konfrontationen mit dem Gefängnispersonal oder der städtischen Polizei sondern allein auf interne Gefängnisschlägereien zurück. In Buenos Aires wurden angesichts der kritischen Situation Dialogmöglichkeiten geschaffen, die zwischen den einzelnen Abteilungen, dem Gefängnisdienst und den politisch Verantwortlichen vermitteln sollen. Angesichts dieser alarmierenden Situation, in der sämtliche Quellen über mangelnde Hygiene und unzureichenden Sicherheitsmaßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie berichten, können die Verantwortlichen die Inhaftierten nicht auch noch für ihr eigenes Versagen mit Repressionen bestrafen.

Was passiert in anderen Ländern?

Brasilien: Der erste Ausbruch ereignete sich in Brasilien in der Stadt Sao Paulo: Als Reaktion auf Besuchsverbot und die vorübergehende Aussetzung der Ausgänge flohen am Montag den 16. März mehr als 1350 Häftlinge aus insgesamt drei Gefängnissen.

Chile: Am 19. März, am Besuchertag, spitzte sich die Situation im Gefängnis Santiago 1 der chilenischen Hauptstadt zu, denn aufgrund der Pandemie sollten auch dort Besuche in Kürze verboten werden. Es kam zu einem Gefängnisaufstand, den das Sicherheitspersonal als Fluchtversuch einstufte, um ein großes Polizeiaufgebot in der Haftanstalt zusammenziehen zu können. „Crespa“, eine Kontaktperson aus Chile, erzählt: „In verschiedenen Modulen brachen Unruhen aus, wobei zwischen 26 und 30 Personen verletzt wurden. Einige brachte man in das städtische Krankenhaus, andere kamen in die Krankenstation des Gefängnisses. Die exzessive Gewalt zeigt, wie mit den Chilen*innen umgegangen wird. Aber zu dieser Situation kam es überhaupt erst aufgrund der schlechten hygienischen und medizinischen Versorgung. Die Forderungen der Inhaftierten richten sich auf die Grundversorgung wie permanenten Zugang zu Wasser. Aber das Sicherheitspersonal lässt nicht zu, dass sie Hygieneprodukte wie Desinfektionsgel oder Atemmasken erhalten. Wenn wir ihnen das nicht geben, haben sie nichts, um sich zu schützen, und durch die Überbevölkerung ist die Situation in den Gefängnissen noch schwieriger. Diese Haftanstalt ist eine Zumutung für die Inhaftierten. Das Gefängnispersonal hält sich nicht an die Quarantänevorschriften, sie kommen und gehen, während es gleichzeitig an medizinscher Versorgung mangelt. Insgesamt waren mehr als 3.000 Gefangenen an den Aufständen beteiligt, die meisten davon sind hier inhaftiert. Nun soll Hausarrest eine Alternative darstellen. Es wird gegen die Beteiligten ermittelt, und die zahlreichen Häftlinge in Untersuchungshaft verdeutlichen, wie der Staat und die Justiz hier arbeiten.“

Positiv getestetes Personal arbeitet weiter

Als ob das noch nicht genug wäre, ist auch das Gefängnispersonal, das positiv auf COVID-19 getestet wurde, weiterhin im Dienst. Bislang hat die Regierung nicht mitgeteilt, in welchem Gefängnis die Infizierten tätig sind. Das Besondere an der Situation in Chile ist, dass sich das Land nun seit mehr als fünf Monaten im gesellschaftlichen Ausnahmezustand befindet. Gleichzeitig fordert die Mehrheit der Bürger*innen eine strikte Quarantäne, doch die Regierung hat die Situation bislang nur dazu genutzt, weitere repressive Maßnahmen zu ergreifen. Piñera rief den Notstand für 90 Tage aus und verhängte eine Ausgangssperre von 22:00 Uhr abends bis 05:00 Uhr morgens. Anscheinend ist der Präsident der Auffassung, dass sich das Virus nur nachts verbreite. Tatsächliche hat die Ausgangssperre aber nur zur Folge, dass die öffentlichen Verkehrsmittel morgens noch stärker überlastet sind, wie zahlreiche Anwohner*innen berichten. Abschließend sagte der chilenische Gesundheitsminister Jaime Mañalich in einem Interview: „Vielleicht müssen wir uns alle keine Sorgen machen, weil das Virus mutieren und einer von den Guten werden könnte.“

In das Frauengefängnis in San Miguel drangen Polizeibeamt*innen ein, angeblich den Anweisungen des COVID-19-Protokolls folgend, um die minderjährigen Angehörigen der Inhaftierten aus dem Mutter-Kind-Bereich mitzunehmen. Die Aktion sollte weitgehend unbemerkt in den frühen Morgenstunden durchgeführt werden, denn das Gesetz schreibt vor, dass Minderjährige bei ihren Müttern bleiben oder anderenfalls Hausarrest verhängt werden sollte. Doch die Regierung ordnete an, die Minderjährigen in die Erziehungsheime von SENAME, dem Nationalen Jugendamt in Chile, zu bringen. Dazu Crespa: „Die Insassinnen waren verzweifelt, sie hatten ihre Babys bei sich, weil es ihnen das Gesetz erlaubt. Eine von ihnen hat uns kontaktiert, und wir begannen, die Nachricht öffentlich zu machen. Noch am selben Tag kamen zahlreiche Menschen zu dem Gefängnis und sorgten für großen medialen Druck. Die Polizeibeamt*innen stritten alle Vorwürfe ab und sagten, sie befolgten nur das Sicherheitsprotokoll zum Schutz der Kinder. Anwälte und Menschenrechtsorganisationen eilten ebenfalls zu dem Gefängnis und machten darauf aufmerksam, dass die Sicherheitsbeamt*innen nur für die Inhaftierten zuständig seien, jedoch keine Verfügungsgewalt über die Minderjährigen hätten. Daher könnten sie die Kinder nicht einfach ohne die Erlaubnis ihrer Mütter mitnehmen.“

Uruguay: Präsident Lacalle ordnete am 21. März ein Besuchsverbot an. Nicht alle Gefängnisse sind genau gleich organsiert. Ein Inhaftierter berichtete uns exemplarisch über die Haftanstalt Unidad no. 6 des Nationalen Resozialisierungsinstituts (INR): „In einigen Gefängnissen ist die medizinische Versorgung Aufgabe der des Nationalen Gesundheitssystems (ASSE). In anderen Haftanstalten wiederum ist dafür das Gesundheitsministerium (MSP) zuständig. So gibt es große Unterschiede. Dieses Gefängnis liegt in der Verantwortung des ASSE. Hier gibt es eine ziemlich gut ausgestattete Poliklinik, medizinischen Dienst rund um die Uhr, und obwohl der Platz nicht für isolierte Behandlungen im Fall einer COVID-19-Infektion ausreicht, gibt es einen Erste-Hilfe-Bereich und die Möglichkeit, Patient*innen in ein Krankenhaus zu verlegen. Wir wissen nicht, inwiefern man dem Gefängnispersonal klare Anweisungen gegeben hat, aber wir organisieren uns mithilfe psychologischer Beratung selbst. Bei allen Personen, die das Gefängnis betreten, wird die Körpertemperatur gemessen. Theoretisch sollten alle Häftlinge mit Hygieneprodukten versorgt werden.“

Besuchsverbote sind eine große emotionale Belastung für Inhaftierte

Wir sprachen auch mit Turco, einem Arzt der Organisation „Nada Crece a la Sombra“ (Nichts kann im Schatten gedeihen), die mit Inhaftierten in uruguayischen Gefängnissen arbeitet. Er erklärt: „Die Situation in den Gefängnissen begünstigt die Ausbreitung des Virus, denn es fehlt an guter Belüftung und Sonnenlicht, und die Menschen leben eng zusammen. Solange der Staat nicht die Grundbedürfnisse der Inhaftierten sichert, ist es unverantwortlich, die Besuche grundsätzlich zu verbieten, denn die Familien sind eine wichtige emotionale Stütze für die Gefangenen. Trotzdem haben sie aus Sicherheitsgründen die Besuche für die Risikopersonen ausgesetzt.“

Wir erfahren, dass es in Uruguay schon vor der Krise gute Maßnahmenpläne gegen die Ausbreitung der Tuberkulose gab, inklusive Isolierungsmöglichkeiten für Erkrankte, um die Ansteckung zu verhindern. Eine umfangreiche Studie über die Situation inhaftierter Frauen in Uruguay, für die sämtliche Haftinsassinnen befragt wurden, veranschaulicht die allgemeine Situation von Häftlingen: „Eine von fünf Frauen versuchte, Selbstmord zu begehen. 70% der Transgender-Frauen wurden positiv auf HIV und Syphilis getestet. 34% der Insassinnen verbringen mehr als zehn Stunden ihres Tages sitzend oder liegend.“

So sieht die Situation der Gefangenen in den Haftanstalten aus. Doch in den Nachrichten wird darüber nur selten berichtet, außer es kommt zu einem Gefängnisaufstand. Dann jedoch wird die Schuld vor allem bei den Gefangenen gesucht.

Gefängnisse, in denen es seit Ausbruch der Corona-Krise zu Aufständen kam:

Argentinien: Brouwer – Córdoba, Coronda – Santa Fe, Las Flores – Santa Fé, Batan – Provinz Buenos Aires, Varela – Provinz Buenos Aires, Unidad N3 – Bariloche, Olmos – Provinz Buenos Aires, Devoto –Buenos Aires

Chile: Santiago 1- Santiago de Chile, San Miguel – Santiago de Chile

Kolumbien: La Modelo – 23Totoe, 82 Verletzte, El Buen Pastor, La Picota de Bogotá, Bellavista, Pedregal, Puerto Berrío, Itagüí, Antioquia, Picaleña, Cómbita, Jamundí
Brasilien: Mongaguá, Mirandópolis, Taubaté, Oswaldo Cruz, Hortolandia, Pemano, Tremembé, São José dos Campos, Franco da Rocha, Sao Vicente, Valparaíso, Campinas, Osasco

Fotos: Infobae- RCN Radio- Unidad 30

Übersetzung: Claudia Bothe

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