Lokale Hypermaskulinität und globale extreme Rechte

Hypermaskulinität
Das Original: El tigre
Foto: João Afonso Sousa Canelas via wikimedia
CC BY-SA 4.0

(Bogotá, 20. Juni 2026, Lanzas y Letras).- Der Aufstieg der extremen Rechten lässt sich nicht allein anhand ihrer Programme oder Wahlergebnisse verstehen. Es geht auch um bestimmte Formen von Subjektivität, Autorität und Macht, mit denen er einhergeht. Am Beispiel Abelardo de la Espriella zeigt sich die Entstehung einer nationalistisch fokussierten Hypermaskulinität als politisches Instrumentarium, das inmitten des aktuellen globalen Aufschwungs der extremen Rechten Patriarchat, Militarismus, Nationalismus und Rohstoffausbeutung miteinander verknüpft.

 

Krieger, Held, Vater und Messias

Abelardo de la Espriella ist nicht einfach nur ein Typ. Er repräsentiert eine rechtsextreme Männlichkeit, einen transnationalen Trend, der mit Symbolen, Gesten und Ordnungsversprechen überzeugt und nationale Erlösung predigt. Die wichtigsten Werte sind Sicherheit und Familie, Autorität ist die Lösung für soziale Konflikte, das Gemeinschaftsleben soll von hierarchischen Formen der Organisation getragen werden. Die Stützpfeiler seiner Idee von Erlösung sind militarisierte Sicherheit, die traditionelle heterosexuelle Familie und eine extraktivistisch fokussierte Wirtschaft. Sie dominieren in allen Fragen zu Gender, Ethnie, Klasse und Nation. Die Leitfigur muss Krieger, Held, Vater und Messias in einer Person sein, darum der militärische Gruß, der Blick zum Horizont, die ständige Anwesenheit von Frau und Töchtern und der prophetische Ton seiner Reden. Das von de la Espriella zur Schau gestellte Männlichkeitsbild wird vervollständigt durch ein eigens konzipiertes Accessoire aus der Herrenbekleidung (Hüte mit seinem Namen), seine Auftritte als Tenor und sein selbstgewählter Spitzname „El Tigre“: De la Espriella sieht sich als einzelgängerisches elegantes Raubtier, das seinen Platz in der Hackordnung nicht aushandelt, sondern durchsetzt und dafür auch bereit ist zu töten. Es ist ein Bild, das Stärke ohne Verletzlichkeit, Führung ohne Gegenseitigkeit und Autorität ohne Abwägung verspricht. Diese symbolische Konstruktion ist darauf ausgelegt, unterschiedliche Zielgruppen durch Merkmale anzusprechen, die spontan oder emotional wirken sollen, jedoch einer präzisen politischen Strategie folgen. Jedes Publikum bekommt eine passende Figur: das Trikot der kolumbianischen Fußballnationalmannschaft für die nationale Identifikation, den Tiger als Symbol für Konfrontation und Stärke; religiöse Symbole und die Anlehnung an „König Kyros den Großen“ für konservative, katholische und christliche Kreise; das Bild des Familienvaters für diejenigen, die die traditionelle heterosexuelle Familie verteidigen, und die Ästhetik des erfolgreichen Mannes, sorgfältig gekleidet und körperlich diszipliniert für diejenigen, die Erfolg mit sozialem Prestige und Karrierestreben verbinden.

Bemerkenswerter Einklang von symbolischem Konstrukt und politischen Leilinien

Auch wenn diese Dinge eher die Oberfläche betreffen, sind sie dennoch keine Nebensache, sondern Teil einer politischen Strategie, die Emotionen mobilisiert: Es werden wiedererkennbare Symbole etabliert und das Bild eines Führers vermittelt, der eine bestimmte Vorstellung von Nation verkörpert. Wesentliche Aspekte sind de la Espriellas „Weißheit“, die Autorität, Erfolg und nationale Zugehörigkeit mit historisch verfestigten rassischen und klassenbezogenen Privilegien verbindet und die Rechte von Menschen mit unterschiedlichen Identitäten infragestellt, und sein unumstößliches Bekenntnis zur Heteronormativität, das sich in der Ablehnung der Rechte von Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten und im ständigen Beweis seiner Männlichkeit manifestiert. Stärke siegt über Empathie, Autorität über Verhandlungswillen und Hierarchie über Gleichheit. Der Autonomie von Frauen begegnet er mit der Forderung nach traditionellen Geschlechterrollen. Seine politischen Vorschläge, Abbau des Staates und Schwächung von Institutionen und Maßnahmen in den Bereichen Soziales, Kultur und Friedensförderung, stehen in bemerkenswertem Einklang mit dieser Identität. Das Thema Sicherheit wird zu einer militärischen Angelegenheit, es wird die Lockerung der Waffengesetze diskutiert und eine intensive Ausbeutung der Natur gefördert, wobei das Wirtschaftswachstum zum wichtigsten Entwicklungsziel erklärt wird. Maskulinität fungiert hier nicht als Beiwerk der politischen Kommunikation, sondern als Instrument, das eine bestimmte Vision des Landes in konkrete Politik umsetzt.

De la Espriellas Maskulinität ist mehr als nur seine Inszenierung

Bei der Konstruktion dieser Figur erscheint der Staat häufig als Hindernis, wohingegen das Vaterland das legitime politische Subjekt darstellt. Das rettende Subjekt spricht nicht im Namen der Institutionen, sondern im Namen einer Nation, einer bedrohten Gemeinschaft, die Schutz benötigt. So rechtfertigt sich die Verherrlichung von Stärke, die Bewunderung für den Militarismus und das Versprechen, eine angeblich verlorene Ordnung wiederherzustellen. Zentrale Elemente sind Männlichkeit und Jugend. Vorbild ist nun nicht mehr ausschließlich die väterliche und strenge Figur, die Álvaro Uribe verkörperte, sondern neuere Vorbilder autoritärer Führung wie Bukele: ein Retter, der an die Logik der sozialen Netzwerke angepasst ist, der sich als volksnaher Außenseiter und als Alternative zur traditionellen Politik präsentiert, jedoch die Dynamiken der Macht in vollem Umfang weiterführt. In diesem Sinne repräsentiert Abelardo de la Espriella ein patriarchales, autoritäres und ausbeuterisches Weltbild, das heute im Rahmen der globalen Hinwendung zur extremen Rechten an verschiedenen Orten der Welt Ausdruck findet. Was wir als „Ultra-Männlichkeit“ bezeichnen, umfasst Elemente, die bereits in anderen Kontexten vorhanden sind: die von Bolsonaro vereinnahmten nationalen Symbole; die von Trump und Bolsonaro genutzte Mobilisierungsfähigkeit religiöser Kreise; der Punitivismus und die personalistische Führung von Bukele oder die Mileis Bewunderung für Tiere, denen Stärke und hierarchisches Bewusstsein zugeschrieben werden. De la Espriellas Männlichkeit ist mehr als nur seine Inszenierung. Sie ist ein politisches Versprechen von Ordnung und nationaler Erlösung, das militarisierte Sicherheit, die Verteidigung der traditionellen Familie und eine extraktivistische Wirtschaftsvision miteinander verbindet. Ihre Bedeutung liegt gerade darin, dass sie eine lokale Figur mit einem sich ausweitenden globalen politischen Repertoire verknüpft.

Uns geht es mit diesem Text nicht darum, eine Einzelperson zu verteufeln, sondern eine politische und kulturelle Maschinerie zu verstehen. Wenn Sicherheit zur Ideologie und Vielfalt zur Bedrohung wird, stehen die demokratischen Möglichkeiten nicht mehr im Raum. Diese Formen der Macht kritisch zu lesen und sich ihnen entgegenzustellen ist unverzichtbar, um für eine gleichberechtigtere, pluralistischere und gerechtere Zukunft für Kolumbien einzutreten.

CC BY-SA 4.0 Lokale Hypermaskulinität und globale extreme Rechte von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nachrichtenpool Lateinamerika
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.