Wir dokumentieren – Zum Gedenkstättenkonzept Colonia Dignidad

So sieht die ehemalige Colonia Dignidad heute  aus – ein Hotel im bayrischen Stil. Von einer Gedenkstätte keine Spur / Foto: Ute Löhning

(Berlin, 19. Oktober 2022, taz/npla).- Anlässlich des Besuchs des scheidenden Bundesratspräsidenten Bodo Ramelow in der Ex Colonia Dignidad am 14. Oktober 2022 ist die öffentliche Debatte um die Einrichtung eines Gedenk-, Dokumentations- und Lernortes in der deutschen Siedlung in Chile neu entfacht. Ein deutsch-chilenisches Expert*innenteam hatte im Auftrag beider Regierungen ein Konzept dafür entwickelt und dieses im Juni 2021 erstmals öffentlich vorgestellt. Aus diesem Anlass dokumentieren wir einen Bericht vom 7. Juli 2021 aus der taz:

Am 29. Juni 2017 beschloss der Deutsche Bundestag einstimmig, die Bundesregierung solle die Verbrechen der Colonia Dignidad aufarbeiten. Zentrale Forderungen dieses Beschlusses waren: die Beförderung juristischer und historischer Aufklärung, die Entwicklung eines Hilfskonzept für Opfer der Sekte, die Klärung der Besitzverhältnisse der Ex-Colonia Dignidad und die gemeinsame Errichtung eines Gedenk-, Dokumentations- und Lernortes zusammen mit der chilenischen Regierung.

Denn seit der Gründung der deutschen Sektensiedlung in Chile 1961 gehörten sexualisierte Gewalt,  Freiheitsberaubung sowie unentlohnte Zwangsarbeit zum Alltag vieler der rund 300 Bewohner*innen. Chilen*innen aus der Umgebung wurden teils unter Zwang adoptiert und denselben Bedingungen unterworfen. Andere Familien von Landarbeiter*innen wurden aus dem Gebiet vertrieben. Die Sektenführung um Paul Schäfer kooperierte eng mit der Pinochet-Diktatur (1973-1990) und ihrem Geheimdienst DINA. Hunderte Oppositionelle wurden in der Colonia Dignidad gefoltert, Dutzende ermordet, ihre Leichen verscharrt, später wieder ausgegraben und verbrannt, wie Aussagen von Siedlungsbewohnern belegen. Die Bundesregierung wusste um Folter, Missbrauch und Zwangsarbeit in der Colonia Dignidad. Sie verhinderte die Verbrechen nicht. Oftmals unterhielt sie sogar gute Beziehungen zur Sektenführung.

Seit 2016 stehen Teile der Villa Baviera, wie sich die Siedlung seit 1988 nennt, unter Denkmalschutz. Doch bis heute prägt ein Tourismusbetrieb mit Hotel-Restaurant im bayerischen Stil das Bild. Nach dem Bundestagsbeschluss von 2017 bildeten die deutsche und die chilenische Regierung auch eine bilaterale „Gemischte Kommission zur Aufarbeitung der Colonia Dignidad“. In deren Auftrag erstellte ein vierköpfiges deutsch-chilenisches Expert*innenteam ein Konzept für eine Gedenk- und Dokumentationsstätte, in der die Geschichte der verschiedenen Opfergruppen abgebildet werden soll. Am 17. Mai 2021 beriet die Gemischte Kommission über dieses Konzept . Am 24. Juni 2021 stellten die Autor*innen Elke Gryglewski, Elizabeth Lira, Jens-Christian Wagner und Diego Matte es in einer gut besuchten Online-Veranstaltung nun erstmals öffentlich vor.

Demnach soll ein moderner, nach wissenschaftlichen Standards erstellter Gedenk-, Dokumentations- und Lernort am historischen Ort der ehemaligen Colonia Dignidad errichtet werden. „Nur hier kann der Opfer angemessen gedacht werden“, erklärt der Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner. Da die Leichen der in der Colonia Dignidad ermordeten Gefangenen nie gefunden wurden, gebe es für ihre Angehörigen keinen anderen Ort zum Trauern als die Massengräber auf dem Siedlungsgelände.

Mittels historischer Zeugnisse und Ausstellungen müsse die Geschichte außerdem dokumentiert und erklärt werden, betont der Historiker Wagner. Dazu sollten Gebäude, Gräber sowie Dokumente vor Ort konserviert, ausgestellt und möglicherweise zur juristischen Aufklärung herangezogen werden. Spätere Generationen sollten aus der Auseinandersetzung mit der Geschichte am historischen Ort lernen können. Das Ziel sei, „historisches und demokratisches Bewusstsein zu fördern“.

Angehörige von Opfern und in der Colonia Dignidad Verschwundenen prangern die Verantwortung des deutschen Staates bis heute an / Foto: Jorge Soto

Die Leiterin der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Elke Gryglewski, erläutert den dezentralen Konzeptvorschlag des Expert*innenteams. Demnach sollen „die Geschichte und das spezifische Leid der einzelnen Opfergruppen an unterschiedlichen Orten“ des Geländes mit kleinen Ausstellungen dargestellt werden. Das entspreche auch den Wünschen der Betroffenen, betont Gryglewski, die seit 2014 mit Opfern der Colonia Dignidad Seminare und Workshops zum Thema organisiert.

„Mahnmale und Gedenkorte leisten einen Beitrag zu Anerkennung und moralischer sowie psychologischer Wiedergutmachung für die Opfer“, erklärt Elizabeth Lira. Die Leiterin der psychologischen Fakultät an der chilenischen Universidad Alberto Hurtado betont, darüberhinaus müsse die Suche nach Überresten von in der Colonia Dignidad ermordeten Gefangenen und die strafrechtliche Aufklärung weiter betrieben werden. Die Staaten seine dabei verpflichtet, alle Personen, die in der Colonia Dignidad zu Opfern wurden, einzubeziehen.

Der Leiter der Kulturabteilung der Universidad de Chile, Diego Matte, fordert eine Erhebung aller Verbrechen der Colonia Dignidad. „Wir glauben immer, was geschehen ist, wird sich nicht wiederholen. Aber wer sichert uns das denn zu?“, fragt Rechtsanwalt Matte. An diesem besonderen Ort, sollten Besucher*innen sich direkt und intensiv mit der Geschichte auseinandersetzen und daraus tiefgreifende Lehren ziehen. Die chilenische und die deutsche Regierung sollten sich klar zur Errichtung der Gedenkstätte bekennen und formelle Dinge wie die nötigen Verhandlungen um das Gelände vorantreiben, so Matte.

Mehrere Organisationen von Angehörigen ermordeter und verschwundener Gefangener erklärten ihre weitgehende Zustimmung zum Gedenkstättenkonzept der Expert*innen. In einer öffentlichen Erklärung fordern sie die zügige Umsetzung seitens der deutschen und der chilenischen Regierung und ein Ende des bayerischen Folkloretourismus auf dem Gelände der früheren Colonia Dignidad.

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