Wir dokumentieren: Bundestagsdelegation besucht erstmals die Colonia Dignidad

Vom Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika

Gedenkzeremonie am Massengrab in der Colonia Dignidad. Im Vordergrund Myrna Troncoso. Dahinter die Abgeordnete Renate Künast und weitere Delegationsmitglieder. Foto: AFDD Talca
Gedenkzeremonie am Massengrab in der Colonia Dignidad. Im Vordergrund Myrna Troncoso. Dahinter die Abgeordnete Renate Künast und weitere Delegationsmitglieder. Foto: AFDD Talca

(Parral, Chile, 3. November 2016, fdcl).- Sieben Mitglieder des Bundestagsausschusses für Recht und Verbraucherschutz haben am Mittwoch, 2. November die Colonia Dignidad in Chile besucht. Die von der Ausschussvorsitzenden Renate Künast geleitete Delegation gedachte den vermutlich über hundert chilenischen Widerständler*innen, die dort während der Pinochet-Diktatur von deutschen Siedlern und chilenischen Militärs ermordet wurden. Danach führten sie Gespräche mit Mitgliedern der chilenischen Angehörigenverbände, sowie mit deutschen Opfern der Siedlung. Es war das erste Mal nach der Festnahme des inzwischen verstorbenen Sektenführers Paul Schäfer im Jahr 2005, dass eine Delegation des deutschen Bundestages die Siedlung besucht. Dort wurden fast ein halbes Jahrhundert hindurch schwerste Menschenrechtsverletzungen begangen.

Bundesaußenminister Steinmeier hatte in einer Rede im vergangenen April eingeräumt, dass der Umgang mit der Colonia Dignidad „kein Ruhmesblatt“ in der Geschichte des Auswärtigen Amtes sei. Deutsche Diplomaten hätten dort jahrzehntelang „bestenfalls weggeschaut“. Der Besuch der Abgeordneten sollte nun als Informationsbasis für die Erarbeitung von Vorschlägen für konkrete deutsch-chilenischen Aufarbeitungsmaßnahmen dienen.

Colonia Dignidad „kein Ruhmesblatt“

Die Abgeordnetendelegation war bereits auf der Busreise zur Siedlung von dem Opferanwalt Winfried Hempel über die derzeitige Situation der Siedlung informiert worden. Zum Auftakt des Besuches fand eine Gedenkzeremonie in einem Waldstück innerhalb des Siedlungsgeländes statt, wo ein chilenischer Ermittlungsrichter im Jahr 2006 Massengräber gefunden hatte. Dort waren dutzende politische Gefangene nach ihrer Hinrichtung verscharrt worden waren.

In Anwesenheit von drei Vertreterinnen der Angehörigenorganisation der Verschwundenen (AFDD) legten die Abgeordneten weiße Rosen zu den Fotos der Verschwundenen am Rand des Massengrabes. Die Vorsitzende der AFDD der nahegelegenen Stadt Talca, Myrna Troncoso, sprach in ihrer Rede von einem „historischen Moment“, da zum ersten Mal hochrangige deutsche Politiker*innen den chilenischen Opfern der Deutschensiedlung gedachten. Sie forderte die Abgeordneten dazu auf, sich nach ihrer Rückkehr für bilaterale Aufarbeitungsmaßnahmen einzusetzen. Besonders wichtig seien eine Beschleunigung der strafrechtlichen Untersuchungen seitens der deutschen und chilenischen Justiz, ein Ende des Folkloretourismus in der Siedlung sowie die Errichtung eines Gedenkortes.

Im Anschluss an die Zeremonie besuchten die Abgeordneten im Beisein von Opfervertretern verschiedene Orte innerhalb der Siedlung. Darunter waren das Siedlungskrankenhaus, in dem Sektenmitglieder misshandelt wurden und der Kartoffelkeller, in dem chilenische Gefangene verhört und gefoltert wurden. Nach verschiedenen Gesprächen in der Colonia Dignidad traf die Delegation am Abend in Talca erneut mit Vertreter*innen der Angehörigen der Verschwundenen zusammen.

Nach Abschluss des Besuches zeigte sich Renate Künast von dem Austausch mit Opfervertretern sehr bewegt. Am folgenden Tag wollte die Delegation in Santiago de Chile mit politischen Entscheidungsträger*innen zusammentreffen, sowie das Menschenrechtsmuseum Museo de la Memoria besuchen.

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