Widerstand im Exil – damals und heute

Sandra Feferbaum Siemsen mit einem Foto ihres Großvaters, Pieter Siemsen. Foto: Archiv Sandra Feferbaum

(Berlin, 16. Juni 2022, npla).- Argentinien und andere südamerikanische Länder haben den Ruf, Zufluchtsort für deutsche Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen zu sein. Doch es gab auch die anderen Deutschen, die zuvor vor den Nazis geflohen waren. Zwei von ihnen waren August Siemsen und sein Sohn, Pieter Siemsen. August Siemsen gründete 1939 in Argentinien die Zeitung „Das Andere Deutschland“, sein Sohn arbeitete an der Zeitung mit. Beide versuchten, aus dem Exil ihren Beitrag im Kampf gegen den deutschen Faschismus zu leisten. Nach dem Krieg kehrten beide nach Deutschland zurück – und mussten feststellen, dass ihr Engagement weder in West-, noch in Ostdeutschland ausreichend gewürdigt wurde.

Zwei junge argentinische Aktivist*innen verbinden nun diese Erinnerungen von Exil und generationsübergreifender Migration auch mit ihren eigenen Erfahrungen als Nachkommen der Opfer der argentinischen Militärdiktatur. Die Argentinierin Sandra Feferbaum Siemsen ist die Urenkelin von August Siemsen und die Enkelin von Pieter Siemsen. „Als ich 2014 nach Berlin gekommen bin, habe ich die Unterlagen meiner Familie in einem Sommerhaus gefunden, das mein Großvater besaß, Dokumente und Fotos“, erzählt Feferbaum, die inzwischen in Deutschland lebt. „Also stellte sich die Frage: Was mache ich damit? Wie kann ich das sichtbar machen? Daraus entstand unsere Idee zu einem Projekt zum Kampf um die Erinnerungskultur. Das Projekt heißt Jetztzeit – Lebenserinnerungen.“

Jetztzeit – Lebenserinnerungen zu Migration

Mit diesem Familienarchiv begann für Sandra Feferbaum nicht nur die Arbeit an der Rekonstruktion der Geschichte ihres Großvaters und der deutschen Antifaschist*innen im argentinischen Exil, sondern auch an ihrer eigenen Geschichte. Sie fragte sich: Was ist mit den Menschen passiert, die Deutschland verlassen mussten, weil sie vom Nationalsozialismus verfolgt wurden? Was haben sie im Exil gemacht? Sind sie zurückgekehrt?

Dazu hat sie in Berlin die Ausstellung „Eindrücke – Lebenserinnerungen“ organisiert – gemeinsam mit dem Menschenrechtler und audiovisuellen Künstler Ezequiel Monteros. Monteros ist Mitglied der argentinischen Menschenrechtsorganisation HIJOS und arbeitet unter Anderem zur Erinnerungskultur. „Wir kommen aus Argentinien und sind Nachkommen der Großmütter und Mütter der Plaza de Mayo. Die Militärdiktatur ist ein Teil unserer Lebenserfahrung“, so Monteros, der inzwischen ebenfalls in Deutschland lebt. „Angesichts der Inaktivität des Staates, für Gerechtigkeit zu sorgen, waren wir dazu gezwungen, selbst zu recherchieren und Aktivist*innen, Forscher*innen und Anwält*innen zu werden. Aber viele Söhne und Töchter von Verschwundenen sind noch immer Opfer. Sie haben die Möglichkeit, Fragen zu stellen und einen kritischen Blick auf die Kämpfe der vorherigen Generationen zu werfen.“ Es gehe aber auch darum, die deutsche Erinnerungskultur kritisch unter die Lupe zu nehmen, fährt Monteros fort: „Die Exilierten aus der Weimarer Republik übten ja schon damals deutlich Kritik am Kapitalismus, an der Gesellschaft, am Erstarken des Faschismus, der uns heutzutage wieder große Sorgen macht. Deswegen gab es viele Anknüpfungspunkte.“

August Siemsen und „Das andere Deutschland“

August Siemsen, 1884 geboren, war linkes SPD-Mitglied und Reichstagsabgeordneter. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, erhielt er Todesdrohungen. Bereits im April 1933 verließen seine Frau Christa und er Deutschland und gingen 1936 ins Exil nach Argentinien; ein Jahr später kam ihr 1914 geborener Sohn Pieter nach.

Insgesamt flohen etwa 40.000 Deutsche, zumeist Jüd*innen, vor dem Nationalsozialismus nach Argentinien, doch nur ein kleiner Teil wurde auch im Ausland gegen die Nazis aktiv. In Buenos Aires organisierte sich die Familie Siemsen mit anderen deutschen Vertriebenen und Opfern des Nationalsozialismus. August Siemsen gründete die Zeitung „Das Andere Deutschland“, die in ganz Lateinamerika vertrieben wurde; sein Sohn Pieter Siemsen veröffentlichte dort die Jugendbeilage „Heute und Morgen“. Sie wollten zeigen, dass es ein anderes, demokratisches und nicht faschistisches Deutschland gab. Beide Zeitschriften spielten eine wichtige Rolle im Kampf der Exilierten gegen den Nationalsozialismus.

Eine Ausgabe der Jugendzeitschrift Heute und Morgen. Quelle: Archiv Sandra Feferbaum

„Die bessere Welt von morgen erkämpfen“

Anfang der 1940er Jahre schrieb Pieter Siemsen in „Heute und Morgen“: „Hunderte isolierter junger Menschen, junge deutsche Nazigegner, warten in geisttötender Einsamkeit auf Verbindung mit Gleichgesinnten. An sie alle wollen wir uns wenden. (…) Wir wollen uns aussprechen darüber, wie wir mithelfen können, die Ungerechtigkeit, die Unfreiheit und den Krieg zu besiegen und und die Gerechtigkeit, die Freiheit und den Frieden auf Erden zum Siege zu führen. Wir wollen durch unsere Zeitschrift eine Gemeinschaft gleichgesinnter Menschen schaffen, die imstande sind, die unzulängliche Welt von heute zu erkennen und die bessere Welt von morgen zu erkämpfen.“

Im Sommerhaus ihres Großvaters fand Sandra Feferbaum sämtliche Ausgaben der Zeitschrift Das Andere Deutschland, von 1938 bis zur letzten Ausgabe am 1. Januar 1949: „Allein der Name und der Titel der Zeitschrift Das Andere Deutschland, der ist so beeindruckend und gleichzeitig so simpel, man muss nicht mehr viel dazu sagen, um ihn zu verstehen“, erzählt sie. „Es hat mich wohl auch deshalb so beeindruckt, weil es in Argentinien Leute gibt, die mich dafür kritisiert haben, dass ich nach Deutschland gehen wollte, weil dieses Land doch das Land der Nazis sei. Und ich musste dann immer sagen: Nein, es ist nicht das Land der Nazis. Ja, das war es und ja, die gab es, aber es gab und gibt auch das andere Deutschland. Und diese Zeitschriften zu finden, zu sehen und dann auch zu zeigen, sichtbar zu machen, darüber zu reden – das hat mich stolz gemacht.“

Der Kampf der Familie Siemsen mit Hilfe der Zeitschrift Das Andere Deutschland sei ja genau ein Kampf gegen die Nazis gewesen, ergänzt Ezequiel Monteros: „Aber unabhängig von den Aktivitäten der Familie Siemsen und anderer deutschen Sozialist*innen in Argentinien wird ja immer noch behauptet, dass alle Deutschen Nazis seien oder alle Deutschen, die nach Argentinien gekommen sind, Nazis waren.“ Dieses Bild sei in der argentinischen Gesellschaft immer noch sehr präsent. Aber obwohl das zum Teil auch stimme, konzentrieren sie sich auf die Erinnerung an die Deutschen, die gegen die Nazis gekämpft haben: „Für uns, die wir jetzt in Deutschland leben, ist es wichtig, diese Erinnerung zu bewahren. Auch um den Argentinier*innen zu zeigen: Nicht alle Deutschen waren Nazis, und auch jetzt sind nicht alle Deutschen Nazis! Denn ansonsten würden wir nicht in Berlin oder in diesem Land leben“, betont Monteros.

Enttäuschung über BRD und DDR nach Rückkehr aus Exil

Die Ausgabe „Das andere Deutschland“ vom Juli 1939. Quelle: Sandra Feferbaum Siemsen

Nach dem Krieg kehrte die Familie Siemsen nach Deutschland zurück. Dort stellten August und Pieter Siemsen relativ schnell fest, dass sich die alten Nazis wieder breitmachten, vor allem in der Justiz. Pieter Siemsen siedelte 1953 in die DDR über, sein Vater folgte 1955, starb jedoch wenige Jahre später. In der DDR schlug die anfängliche Euphorie bald in Ernüchterung und Bitterkeit um. Wie sein Vater war Pieter Siemsen ein undogmatischer Sozialist, der dem Stalinismus kritisch gegenüber stand und vom real existierenden Sozialismus der DDR schnell enttäuscht wurde. In der Ausstellung wird er mit den Worten zitiert:

„Der größte Mist ist der Mist der Erfahrungen, die einen Optimisten zum Pessimisten machen.“

Pieter Siemsen versuchte, das antifaschistische und demokratische Erbe seiner Familie zu veröffentlichen und weiterzuführen, doch in der DDR durften nur Kommunist*innen als „echte“ Antifaschist*innen gelten. Er starb 2004. Seine Enkelin, Sandra Feferbaum Siemsen, wurde erst später zur Aktivistin: „Ich habe die Familiengeschichte erzählt bekommen, dass sie Sozialisten waren, mir wurde vom Nationalsozialismus berichtet, uns wurde gesagt, dass ein Teil meiner Familie ins Exil gehen musste, weil sie Juden waren. Das wurde bereits von klein auf Teil meiner Geschichte. Und danach wurde es auch Teil meines eigenen Weges.“

„Wir gehen den Weg weiter“

„In der Diktatur wurde meine Eltern zu Opfern gemacht, aber wir gehen den Weg weiter“, ergänzt Monteros: „Und wir wollten auch, dass dieses Material bekannt gemacht wird, denn inzwischen gibt es neue Generationen, die diese Thematik der Exilierten und die Aktivitäten von Das Andere Deutschland nicht kennen, denn darüber lernt man nichts in der Schule.“

Die Ausstellung „Eindrücke“, die nur kurz in einer kleinen Berliner Galerie zu sehen war, dreht sich nicht nur um die NS-Zeit und das Exil in Argentinien. Ein zweiter Teil der Ausstellung behandelt die argentinische Militärdiktatur von 1976 bis 1983 und ihre Auswirkungen bis heute. So beinhaltet die Ausstellung auch Fotos vom Escrache al Kyburg. Monteros erklärt: „Das war eine Demonstration gegen einen Mörder der argentinischen Diktatur, der in Deutschland in Freiheit lebt – obwohl gegen ihn ein internationaler Haftbefehl besteht und er in Argentinien lebenslang im Gefängnis sitzen würde. Aber hier in Berlin läuft er frei herum! Wir wollen, dass er verhaftet wird, deswegen haben wir das auch in die Ausstellung mit eingebracht. Wir sind zwar selbst nicht im Exil, aber wir sind dennoch Migrant*innen und haben viele Sachen gemeinsam.“

Ohne Erinnerung keine Zukunft

Die Ereignisse der Vergangenheit sind für die beiden Aktivist*innen Anlass genug, auch im Hier und Jetzt politisch aktiv zu sein. „Es ist wichtig, dass die Erinnerung präsent bleibt, denn ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft“, beschreibt Feferbaum. „Es kann wieder passieren, wie wir jetzt sehen und deshalb kämpfen wir gegen rechte Tendenzen, die wieder stärker werden, die jedes Mal mehr Gehör und Wählerstimmen haben. Denn das ist wichtig: Mit Hilfe der Erinnerung können wir erreichen, dass etwas nicht wieder passiert. Und das gilt für alle Kämpfe, Menschenrechte, Feminismus, einfach alles!“

Sandra Feferbaum Siemsen recherchiert momentan zu Feminismus in Deutschland von 1921 bis 1945, mit einem Schwerpunkt auf der feministischen Publizistin Anna Siemsen, ihrer Urgroßtante. Ezequiel Monteros arbeitet an einem Projekt über Postkolonialismus. Beide hoffen, ihre Ausstellung noch einmal in weiteren deutschen Städten oder sogar in Buenos Aires zeigen zu können. Zunächst aber ist eine Broschüre zum Projekt erschienen. Sie ist nicht im Handel erhältlich, aber gegen eine Spende über eine E-Mail-Adresse zu beziehen: info.jetztzeit@gmail.com. Mehr Infos findet ihr auf der Website: Jetztzeit-Lebenserinnerungen.com.

Zu diesem Artikel haben wir auch einen Audiobeitrag bei Radio onda.

CC BY-SA 4.0 Widerstand im Exil – damals und heute von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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