Volkswagen, die Rinderzucht und Menschenrechtsverletzungen

Foto: Brasil de Fato

(Berlin, 11. Juli 2022, npla).- Volkswagen wird derzeit von seiner dunklen Vergangenheit eingeholt. Nach jahrelangem Stillstand nimmt die brasilianische Justiz wieder Ermittlungen gegen den Konzern auf. Es geht um seine Mitschuld an einem System von Sklavenarbeit, Ausbeutung und Mord an Tausenden von südamerikanischen Leiharbeiter*innen.

Als größter Privatkonzern in Brasilien entwickelte Volkswagen neben der Autoproduktion mit dem Aufbau einer riesigen Rinderfarm mit industrieller Verwertung im brasilianischen Amazonasgebietein über 15 Jahre ein zweites Standbein.

Als Vertreter des Großinvestors waren die führenden Manager von Volkswagen der Meinung: Was mit Autos funktioniert, müsse mit Steaks ebenfalls funktionieren. 1973 kaufte VW do Brasil das dafür notwendige Areal von 140.000 Hektar Regenwald vom brasilianischen Staat.

Großflächige Rodungen für das Vorzeigeprojekt

Für den Einstieg ins Fleischgeschäft wurde dann der Urwald am äußersten Südrand des Amazonasbeckens großflächig gerodet. Die Rodungsarbeiten wurden über einen Zeitraum von zwölf Jahren durchgeführt, bei dem bis zu 10.00 Leiharbeiter*innen pro Saison als Arbeitskräfte eingesetzt wurden. Über 200 Wasserteiche und 175 Kilometer Straßen wurden angelegt. Die Musterfarm bekam den Namen „Companhia Vale do Rio Cristalino“, und wurde Besucher*innen des Multis gern als Vorzeigeobjekt vorgeführt. Das Projekt im Nordosten des südamerikanischen Landes war lange Zeit der ganze Stolz des Managements. In ganzseitigen Zeitungsannoncen wurde für das Projekt geworben. Das Motto, mit dem Foto eines Rindes geschmückt, lautete: „Dieser VW läuft auf Gras“. VW wollte sich als mutiger und innovativer Investor darstellen.

Rinder wurden aus Kleinflugzeugen überwacht, ein Computer wertete die Daten von Weiden und Herden aus. Professionelles Weidemanagement und modernste Agrartechnik sorgten so für die Werterhaltung des Bodens. Forscher*innen der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich überwachten und entwickelten die Qualität des aus Indien stammenden Nelore-Rinds. Der Bestand der VW-Farm belief sich auf 70.000 Rinder. Der wirtschaftliche Plan war, das Fleisch der fetten Nelore-Rinder ab Oktober auf den Markt zu bringen, da in dieser Zeit in Brasilien nur mageres Vieh vorhanden war. Der Fleischpreis war dann am höchsten.

Direkte Zusammenarbeit zwischen Militärdiktatur und VW

Die brasilianischen Gesetze schrieben dem Multi-Konzern vor, Teile ihres Gewinns wieder in Brasilien zu investieren. Die Pionier-Farm war insofern eine gute Kapitalanlage, die zudem satte Gewinne versprach. Unterstützt wurden die Aktivitäten von VW durch die Machtübernahme des Militärs in der Zeit von 1964 bis 1985. Spätestens 1969 begann nachweislich eine direkte Zusammenarbeit zwischen Militärdiktatur und Konzern. In seinem 116-seitigen Bericht stellt der Historiker Christopher Kopper klar, dass Volkswagen zwar die Machtübernahme durch das Militär nicht aktiv unterstützte. „Es beurteilte den Militärputsch jedoch eindeutig positiv, da es eine stabilere und vor allem unternehmensfreundliche Politik erwartete“.

Da Brasilien Mitte der 1980er Jahre von einer gigantischen Inflation betroffen war, rechneten sich die immensen Investitionskosten nicht mehr und das Großprojekt kam zum Erliegen. Das Fleisch konnte nicht mehr zu erschwinglichen Preisen verkauft werden, trotz hoher Subventionen und Steuervergünstigungen der brasilianischen Regierung schaffte es die Musterfarm nicht mehr in die schwarzen Zahlen. Aber es blieb bei weitem nicht nur bei bis heute sichtbaren Landverwüstungen durch großflächige Brandrodungen und Zerstörung wertvollen Regenwaldes.

Das Elend der Leiharbeiter*innen

Zur Bewältigung dieser gigantischen Rodungsarbeiten engagierte VW Subunternehmer, die Tausende Arbeitskräfte aus der Region anheuerten, ihnen gute Verdienstmöglichkeiten versprachen und sie vor Ort in den Regenwald brachten. Schnell erkannten diese, wo sie gelandet waren. Im Bundesstaat Matto Grosso leben bis heute ehemalige Leiharbeiter*innen, die Auskunft geben: „Kein Mensch sollte so etwas erleben müssen. Nicht einmal ein Tier darf man so behandeln. So vollkommen unmenschlich“, erklärt José Liborio, ehemaliger Arbeiter auf der Farm. Die Arbeitsvermittler berechneten die LKW-Anfahrt sowie das Essen zu vollkommen überteuerten Preisen. Nachdem 100 Hektar gerodet waren, waren für die Arbeiter*innen horrende Schulden aufgelaufen, die durch Arbeit abgearbeitet werden mussten. Selbst die Übernachtung in Hängematten musste bezahlt werden. Schwerkranke wurden mit vorgehaltener Waffe zur Arbeit gezwungen. Die Arbeitskräfte saßen in der Falle. Es wurde geschlagen und mit Spanngurten wurden die Männer zur Arbeit gezwungen. „Ein Junge hat zu fliehen versucht, die Aufpasser sind hinter ihm her und haben ihm ins Bein geschossen“ erklärte José Ribamar. „Wenn man von alleine gesund wurde, war es gut, wenn nicht, dann starb man halt. So was haben wir oft gesehen.“ „Tote wurden in den nahegelegenen Fluss entsorgt“, erzählen Arbeiter.

Dutzende Protokolle und Aussagen von Betroffenen, Polizeiberichte und Interviews mit Leiharbeiter*innen belegen dieses brutale System bewaffneter Überwachung. Gewalt und Misshandlungen waren üblich auf der Cristalino-Farm, in Einzelfällen sollen Flüchtende erschossen worden sein. Es herrschten sklavenähnliche Bedingungen. Es gab nur unzureichende medizinische Versorgung. Die Leiharbeiter*innen mussten sieben Tage in der Woche arbeiten, und dass bei zehn Stunden und mehr pro Tag. In einem Video-Bericht des ARD von 1983 berichten Arbeiter*innen von grausamen Arbeitsbedingungen, bei denen sie mit Peitschenhieben zur Arbeit gezwungen wurden. Bei Flucht drohte Folter oder Ermordung. Die Arbeiter*innen wurden zwischen den Subunternehmen ge- und verkauft. Der Historiker Christopher Kopper hält es für erwiesen, dass es sich „im Prinzip um Schuldknechtschaft“ handelte, und dass VW do Brasil über die Machenschaften diese kriminellen Arbeitsvermittler sehr wohl in Kenntnis war, aber weiterhin Aufträge vergab.

Konzern nahm Menschenrechtsverletzungen billigend in Kauf

Im Gegensatz zu den Tagelöhnern lebten VW-Mitarbeiter*innen auf dem Hauptsitz der Farm unter gänzlich anderen Bedingungen. Hier gab es Strom und Wasser, Wohnhäuser und angenehme Zustände. „Für den Manager war die Farm ein Paradies, für die Arbeiter die Hölle.“ SWR, NDR und Süddeutsche Zeitung deckten diese Form von Menschenhandel, Sklavenarbeit und Verbrechen in den 70er und 80er Jahren bereits auf. Der Spiegel berichtete bereits 1986 über „sklavenähnliche Arbeitsbedingungen“ auf der VW-Musterfarm.

Die Zustände vor Ort konnte der Konzernleitung nicht entgangen sein, die Vorwürfe sind alles andere als neu. Zwar wurde der Einsatz billiger Arbeitskräfte von Mitarbeiter*innen von Volkswagen selbst nicht organisiert, aber der Konzern nahm die Menschenrechtsverletzungen billigend in Kauf. Im Jahr 1987 schloss die Rinderfarm, die erhofften Profite wurden nicht erwirtschaftet. Das menschenverachtende System erinnert stark an koloniale Zustände oder an Romane von B. Traven, die von Ausbeutung der ärmsten Landbevölkerung in Südamerika aus dem vorherigen Jahrhundert handeln.

Es muss davon ausgegangen werden, dass die Konzernspitze spätestens seit 1983 über die unhaltbaren Zustände informiert war. Eine Aufklärung, geschweige denn eine Wiedergutmachung ist schlichtweg nirgendwo festzustellen. Der ehemalige Manager der Rinderfarm, der Schweizer Friedrich-Georg Brügger, streitet bis heute jegliche Mitschuld und Verantwortung ab und hält die Verhältnisse auf der Farm für unvermeidbar.

Neue Ermittlungen

In den 90er Jahren verurteilte ein brasilianisches Arbeitsgericht Volkswagen dazu, die Leiharbeiter*innen, die die Rodungsarbeiten aufführten, nachträglich zu entlohnen. VW zahlte dann 1997, also 13 Jahre später, eine Entschädigung für drei Monate Schwerstarbeit unter menschenverletzenden Arbeitsbedingungen von 250 Real pro Arbeiter. Der Betrag stellt lediglich einen zweifachen gesetzlichen Monatslohn von 1997 dar – ein Betrag, der erzwungen und nicht freiwillig gezahlt wurde und weit unter gängigen Niveau liegt. Eher ein Sich-Freikaufen als eine ernstzunehmende Aufarbeitung der Zustände, an denen VW Mitverantwortung trägt. „Was ich jetzt von der Firma erwarte, ist eine Entschädigung. Für die Erniedrigung, die wir erleben mussten, die Respektlosigkeit. Für das, was wir durchmachen mussten. Das ist das Mindeste, was wir von VW erwarten…“, sagt José Liborio. Eine Gruppe ehemaliger Arbeiter*innen fordert jetzt Entschädigung für ihr unmenschliches Leiden.

Mit amtlicher Zustellung vom 19. Mai 2022 setzten die brasilianischen Ermittlungsbehörden Volkswagen nun davon in Kenntnis, dass gegen VW do Brasil ein Verfahren eröffnet wird. Die Vorwürfe lauten auf Sklavenarbeit, Menschenhandel und Menschenrechtsverletzungen in Hunderten Fällen im Zeitraum von 1974 bis 1986, erklärte der zuständige Staatsanwalt Rafael Garcia Rodrigues. Grundlage dafür ist eine 2.000-seitige Ermittlungsakte, die eine Vielzahl von Vergehen und Verbrechen dokumentiert. Damit stehen für VW weitere Anhörungen, Verhandlungen und voraussichtlich Entschädigungszahlungen aus. Volkswagen ist zu einer Anhörung am 14. Juni 2022 vor dem Arbeitsgericht in der Hauptstadt Brasília geladen und muss sich äußern. Volkswagen ist es nicht gelungen, seine Mittäterschaft unter den Teppich zu kehren. Auf eine umfangreiche Wiedergutmachung ihrer erduldeten Leiden haben die Betroffenen Anspruch. Man kann ihnen nur den Erfolg ihrer Bemühungen wünschen.

CC BY-SA 4.0 Volkswagen, die Rinderzucht und Menschenrechtsverletzungen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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