Keine Hoffnung auf Überlebende

Acht Jahre lang haben Angehörige gefordert, ihre Liebsten lebend zurückzubekommen.
Foto: Ginnette Riquelme / CIDH via flickr
CC BY 2.0

(Oaxaca, 19. August 2022, taz).- Das Militär trägt eine Mitverantwortung im Fall der 43 Studenten des Lehrerseminars Ayotzinapa, die 2014 in Mexiko verschleppt wurden. Zu diesem Schluss kommt eine Wahrheitskommission, die am Donnerstag ihren ersten Bericht in Mexiko-Stadt vorgestellt hat.

Alles deutet auf eine Mitverantwortung des Militärs

„Ihre Taten, ihre Unterlassungen und ihre Beteiligung ermöglichten das Verschwindenlassen und die Hinrichtung der Studenten sowie den Mord an sechs weiteren Personen,“ erklärte der Leiter des Gremiums Alejandro Encinas. Die Kommission geht zudem davon aus, dass keiner der jungen Männer noch lebt. „Alle Zeugenberichte und Beweise deuten darauf hin, dass sie heimtückisch verschwunden gelassen und umgebracht wurden“, erklärte der Staatssekretär für Menschenrechte. Das habe er den Angehörigen in einem „schwierigen, schmerzhaften Treffen“ mitgeteilt. Dem Bericht zufolge hatte das Militär einen Informanten in die linksradikale Lehrerschule eingeschleust. Der Spitzel wurde ebenfalls in jener Nacht vom 26. auf den 27. September Opfer des Angriffs, bei dem Polizisten und Mitglieder der kriminellen Organisation „Guerreros Unidos“ die Männer in der südmexikanischen Stadt Iguala verschleppt haben. Die Studenten hatten zuvor mehrere Busse gekapert, um damit zu einer Demonstration nach Mexiko-Stadt zu fahren. Die Armeeführung der Region sei dazu verpflichtet gewesen, ihren Soldaten zu schützen und nach ihm zu suchen, sagte Encinas. Durch den Informanten seien auch alle bundesstaatlichen und föderalen Kräfte immer über die Bewegungen der Studenten informiert gewesen, hätten jedoch nichts getan, um deren Verschleppung zu verhindern. Zu derselben Schlussfolgerung kam bereits eine internationale Expertengruppe (GIEI), die sich mit dem Fall beschäftigte.

„Historische Wahrheit“ diente Vertuschung

Die Wahrheitskommission wurde nach dem Amtsantritt des Präsidenten Andrés Manuel López Obrador ins Leben gerufen. Der Staatschef hatte die Aufklärung des Falles zur Chefsache erklärt, nachdem die Strafverfolger der Vorgängerregierung alles dafür getan hatten, zu verhindern, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Der Bericht gibt auch der „historischen Wahrheit“ eine deutliche Absage, mit der die damalige Generalstaatsanwaltschaft das Verbrechen ad acta legen wollte. Dieser Version vom Tatverlauf zufolge sollen die Kriminellen die Studenten auf einer nahegelegenen Müllhalde verbrannt haben. Dies sei die „historische Wahrheit“, hatte der damalige Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam erklärt und wollte die Ermittlungen wenige Monate nach jener Herbstnacht einstellen. Recherchen der GIEI und der Wahrheitskommission bestätigten jedoch, dass diese Version vom Tatverlauf bewusst konstruiert wurde, um weitere Ermittlungen zu verhindern. So zeigten Videos, wie Beamte Behälter über den Müllplatz schleppten und ein Feuer entzündeten. „Föderale und bundesstaatliche Behörden auf höchster Ebene waren nachlässig und gleichgültig“, so Encinas, „es existieren Faktoren, die zu der Annahme führen, dass Tatsachen und Umstände bewusst beeinträchtigt wurden, um eine Schlussfolgerung zu ziehen, die fernab des realen Geschehens lag“. Die „historische Wahrheit“ sei eine konzertierte Aktion des Machtapparats auf höchster Regierungsebene gewesen, die verdecken sollte, dass es bei der Tat eine Verbindung zwischen Behörden, Sicherheitskräften und Kriminellen gegeben habe, resümierte Encinas. Der Staatssekretär sprach deshalb von einem „Staatsverbrechen“.

Eine schlimme Nachricht für die Hinterbliebenen

Bis heute ist unklar, warum die Studenten angegriffen wurden. Recherchen der GIEI zufolge spricht jedoch einiges dafür, dass sich in einem der von den Männern gekaperten Busse Heroin befunden hat, das in die USA geschmuggelt werden sollte. Das würde erklären, warum Sicherheitskräfte auf verschiedensten Ebenen in das Verbrechen involviert waren und so massiv reagiert haben. Häufig arbeiten kriminelle Kartelle, Militärs und Polizeieinheiten in Mexiko eng zusammen. Für die Angehörigen ist die Aussage, dass ihre Liebsten definitiv tot sind, eine sehr schlimme Nachricht. Bislang hatten sie trotz aller Unwahrscheinlichkeit immer gehofft und gefordert, sie lebend zurückzubekommen. Angesichts der Komplexität und der Härte des Ergebnisses werde man den Bericht analysieren und sich dann zu Wort melden, schrieben sie in einer Stellungnahme. Sie hatten von Anfang an kein Vertrauen in die damaligen Strafverfolger.

CC BY-SA 4.0 Keine Hoffnung auf Überlebende von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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