Der Fall Dimar Torres: Zahl ermordeter ehemaliger FARC-Kämpfer steigt auf 130

Dimar Torres wurde erschossen, seine Leiche verstümmelt. Nur dem beherzten Eingreifen der Anwohner*inenn ist es zu verdanken, dass die Tat so schnell ans Licht kam. Foto: Colombia Informa

(Medellín, 5. Mai 2019, colombia informa).- Am 22. April wurde der Kleinbauer Dimar Torres Arévalo von dem Unteroffizier Daniel Gómez, einem Mitglied der Militäreinheit „Tarea Vulcano“ nahe der Gemeinde Convención im kolumbianischen Department Catatumbo ermordet. Das ehemalige FARC-Mitglied war nach der Teilnahme am Friedensprozess ins zivile Leben zurück gekehrt.

Torres war auf seinem Motorrad zwischen den Weilern Campo Alegre und Miraflores unterwegs, um einige Werkzeuge zu kaufen, als er auf dem Rückweg an einem Kontrollpunkt des Militärs aufgehalten wurde. Als die Bewohner*innen der angrenzenden Gemeinde die Schüsse hörten und merkten, dass Torres nicht nach Hause zurückgekehrt war, beschlossen sie, einen Suchtrupp zu bilden. Zwar konnten sie das Militärkommando ausfindig machten, erhielten jedoch keine Antworten über den möglichen Aufenthaltsort Torres und setzen die Suche fort. Wenig später entdeckten sie dessen Leiche. Das von den Zeug*innen aufgenommene Video zeigt seinen halbnackten Körper, mit heruntergezogenen Hosen. Die Leiche wies neben vier Schusswunden auch offensichtliche Spuren von Folter auf. In einem weiteren von den Mitgliedern der Gemeinde aufgenommenen Video ist eine frisch ausgehobene Grube nahe des Tatorts zu sehen.

Gefoltert und ermordet

Die Mitglieder der Gemeinde gehen davon aus, dass der Unteroffizier Gómez, der Torres ermordete, die Absicht hatte, den Körper verschwinden zu lassen. Sie warteten auf die Ankunft der zuständigen Beamten, um eine Manipulation des Tatorts zu verhindern. Zwar ordnete der zuständige Staatsanwalt Martínez die Festnahme von Gómez an, allerdings nicht die der anderen Militärs, die bei dem Versuch, den Körper verschwinden zu lassen, anwesend waren und für die Gemeindemitglieder als Komplizen gelten.

Am 27. April kam eine Überprüfungsmission nach Campo Alegre im Verwaltungsbezirk San José de Pitas de Convencíon, um den Tatort zu besichtigen und den Tathergang festzustellen. An der Anhörung nahmen neben mehreren Senator*innen auch verschiedene Vertreter*innen sozialer Organisationen teil, wie das Komitee für soziale Integration des Catatumbo CISCA, die Bauernorganisation von Catatumbo ASCAMCAT, sowie Vertreter*innen der OAS, der UNO, der Bürgerbeauftragten des nationalen Menschenrechtsbüros und der Gemeinde Convención.

Überraschendes Schuldeingeständnis des Generals

An der öffentlichen Anhörung auf dem Sportplatz der Gemeindevertretung nahmen über als eintausend Personen aus den umliegenden Gemeinden teil. Darunter waren neben den Senator*innen auch Angehörige des Opfers und Mitglieder der nationalen Streitkräfte. General Diego Luis Villegas Muñoz, gegen den aktuell in einem Fall der „Falsos Positivos“ ermittelt wird, gestand während der Anhörung die Schuld der Militärkräfte ein: „Sie haben nicht irgendeinen Zivilisten getötet; sie haben ein Mitglied der Gemeinde getötet. Mitglieder des Militärs haben ihn getötet und dafür muss der zuständige Kommandeur gerade stehen. Ich bedauere das zutiefst, und im Namen der 4.000 Männer, die zu kommandieren ich die Ehre habe, bitte ich um Verzeihung. Das hätte nicht passieren dürfen und folgte keinem militärischen Befehl.“

Verteidigungsminister Guillermo Botero veröffentliche zwei unterschiedliche Versionen des Mordes. Hatte er zuerst noch verlauten lassen, Torres sei während einer Auseinandersetzung gestorben, änderte er später zwar seine Version, missbilligte aber die Äußerungen des Generals der Einheit Vulcano und erklärte, dies sei nicht der offiziellen Position der Armee.

Verteidigungsminister Botero redet sich raus

Senator Antonio Sanguino sagte daraufhin, der Verteidigungsminister versuche, die Tatsachen zu vertuschen und zu entkräften. Die empörten Anwohner*innen nutzen die Anhörung dazu, auch von anderen Übergriffen seitens der Militärangehörigen zu berichten. So wurden zwei Mädchen mit Schusswunden auf die Bühne geführt.

Angesichts dieser akuten Gefahr für den Friedensprozess und die Gemeinden im ganzen Land erklärte der Vertreter der CISCA: „Das Militär beschuldigt uns andauernd, Aufständische zu sein. Während wir von Menschenrechten sprechen, legt die Regierung die Kugeln zurecht, um uns umzubringen. Wenn das so weiter geht, werden wir da nicht mehr mitmachen; wir werden nicht zulassen, das man uns weiterhin umbringt.“ Auch Delmis Antonio Palacio, Präsident des Nachbarschaftsrats (Junta de Acción Communal) von Campo Alegre, betonte: „Die Gemeinde fühlt sich mit der Militärpräsenz unsicher, denn sie stigmatisieren und töten uns.“.

Anwohner*innen beobachten Restrukturierung der Paramilitärs

Nach Aussagen der Gemeindemitglieder tauchen wieder vermehrt Parolen an den Wänden auf, die von den paramilitärischen AUC (Autodefensas Unidas de Colombia) unterzeichnet sind. Und das in einer der am meisten militarisierten Gegenden des Landes. Sie sehen darin einen Zusammenhang mit der Restrukturierung paramilitärischer Gruppen in dem Gebiet und fürchten einen Anstieg der „Falsos Positivos“. Hinter diesem Begriff verbergen sich mehr als 10.000 Menschen, die in den vergangenen Jahren vom Militär ermordet wurden: Einerseits um die Statistiken der Aufstandsbekämpfung zu schönen, andererseits um militärische Aktivitäten der USA auf kolumbianischen Gebiet zu rechtfertigen.

Dimar Torres hatte sich sich der sozialen Arbeit gewidmet. Der als fleißig und tatkräftig geltende Torres arbeitete an seiner Wiedereingliederung in das zivile Leben. Der Mediator war vom Büro des Hohen Kommissars für den Frieden als demobilisierter und wiedereingegliederter Ex-Kämpfer anerkannt. Zuvor hatte er in der 33. Front der FARC gekämpft. Der UN-Beobachtermission zufolge war Dimar Torres der 130. ehemalige Farc-Kämpfer, der seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens im November 2016 ermordet wurde.

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