„Wir Indigenen brauchen unsere eigenen Medien“

Bild: indymedia

(Guatemala-Stadt, 26. November 2022, ANRed).- Vom 22. bis 25. November 2022 wurde in Guatemala-Stadt die zweite Tagung des Abya Yala Soberana-Netzwerks[1] abgehalten. Zum Ende der Tagung am Internationalen Tag für die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen fanden in verschiedenen Ortschaften des zentralamerikanischen Landes Protestaktionen gegen die staatliche Diskriminierung von Garifuna-Gemeinschaften statt. Die Protestierenden forderten die sofortige Freilassung der Staatsanwältin Virginia Laparra. Laparra, die sich mit ihrem entschlossenen Vorgehen gegen Korruption in der Regierung von Alejandro Giammattei einige Feinde gemacht hat, sitzt seit sechs Monaten im Gefängnis. Frauendemos forderten außerdem ein Ende der sexuellen Gewalt und riefen Parolen wie „Hoch leben die Maya-Frauen und ihre Gemeinschaften! Schluss mit Vergewaltigung und Rassismus“.

  • Was habt ihr inhaltlich von dem Treffen erwartet?

Der indigene Aktivist und Campesino Jubenal Quispe hatte das Treffen mitorganisiert. Zu den Erwartungen der Veranstalter*innen erklärte er: „Wir haben uns gewünscht, mindestens so viele Organisationen und Länder zusammenzubringen wie bei der ersten Tagung 2021. Damals hatten wir zwischen 120 und 140 Stimmen von verschiedenen Organisationen aus 14 Ländern versammelt. Diesmal waren es 189 Vertreter*innen aus 16 Ländern, die meisten davon aus Guatemala. Wir wollten die Aufmerksamkeit der Teilnehmer auf das Thema Dekolonisierung zu fokussieren. In dieser Hinsicht sind wir zufrieden, weil die eingeladenen Redner viel Aufmerksamkeit erregt haben. Auch die Podiumsdiskussionen über dekoloniale Kommunikation und über Bewegungen, Volksgemeinschaften und eine neue Geopolitik aus der Perspektive der Dekolonialität waren gut besucht.

  • Wer hat vorgetragen?

„Nachmittags gab es verschiedene Inputs, zum Beispiel von dem bekannten portorikanischen Soziologen Ramon Grosfoguel, der mit der mexikanischen Feministin, Akademikerin und Aktivistin Karina Ochoa über aktuelle Bewegungen in urbanen Gesellschaften diskutierte.“ Zum Thema Soziale Kommunikation erklärte Jubenal Quispe: „Initiativen wie die indigene Landbewegung CODECA (Comité de Desarrollo Campesino – Ausschuss für ländliche Entwicklung) hier in Guatemala sind ein Störfaktor für rechte und linke Neoliberale. Über unsere Arbeit wird sozusagen der Mantel des Schweigens gebreitet. Über das, was wir hier gerade gemacht haben, wurde in der nationalen Presse mit keinem Wort berichtet. Und dabei haben wir hier bei uns NGO-finanzierte Presseorgane, von denen war aber niemand hier. Angesichts dieser offenkundigen Ignoranz durch die Presse, sogar durch die alternative Presse der traditionellen Linken, haben wir beschlossen, die Kommunikation selbst in die Hand zu nehmen. In diesem Punkt haben wir etwas dazugelernt: Wenn wir Menschenrechtsverteidiger uns nicht selbst um die Kommunikation kümmern, sind unsere Kämpfe zum Scheitern verurteilt, selbst wenn wir noch so kraftvoll dabei sind. […] Auch wenn die traditionellen korporativen und alternativen Medien radikale Bewegungen wie CODECA als geschlossen und sektiererisch, manchmal sogar als subversiv stigmatisieren, trifft das nicht zu. Ganz im Gegenteil sind sie sehr offen für die Begegnung, für das Gespräch, deshalb haben sie auch schon viel schwierigere Zeiten als die Heutigen überlebt.“

  • Kernthema Plurinationalität 

„CODECA steht im Austausch mit Gruppen, die seit drei Jahren zum Thema Plurinationalität arbeiten. Die traditionelle politische Linke und die NGOs zögern jedoch, sich an dieser Diskussion zu beteiligen“, bemerkt Aktivist Jubenal Quispe. „Die Botschaft des zweiten kontinentalen Treffens über souveränes Leben ist, dass es dringend einen Austausch aller Bewegungen  geben muss. Allein kommen wir weder voran noch können wir die Debatte über politischen Machthaber führen. Und uns ist auch klar: Wenn die Feinde tiefgreifender Veränderungen Destabilisierungen anzetteln, dann sind wir dagegen machtlos, selbst wenn wir alle Organisationen und Initiativen des Landes zusammentun würden. Da sind wir auf die Unterstützung aus anderen Ländern unseres Kontinents angewiesen, um uns zu verteidigen und den an der Wahlurne zum Ausdruck gebrachten Willen der Bevölkerung durchzusetzen“.

  • Was ist eigentlich mit Dekolonisierung gemeint? 

„Dekolonisierung ist ein Konzept zur Überwindung der westlichen kapitalistischen Modernität, und aus politischer Sicht ist sie im Wesentlichen plurinational, sie ist anti-nationalstaatlich. Man kann nicht in irgendeiner Ecke von Abya Yala oder Amerika von Dekolonisierung sprechen, wenn die Fähigkeit, Nationalstaaten zu überwinden, nicht gegeben ist. [Nationalstaaten sind] die Motoren der Herrschaft und des inneren Kolonialismus seitens der Agenten der Zivilisation des Todes. Jene Republikaner oder Zweihundertjahrfeiernde, die angesichts des Zerfalls der Nationalstaaten den Weg der Dekolonisierung gehen wollen, müssen den typischen monokulturellen Staat des Nationalstaats, der unseren Völkern so viel Schaden zugefügt hat, überwinden und sich auf ein anderes Staatsmodell einlassen. Und das ist der plurinationale Staat. Die grundlegende Frage ist: Wie können wir, die auf den Strukturwandel auf dem Kontinent setzen, uns als Kollektiv und als Individuen dekolonisieren? Denn so gut unsere Intentionen auch sein mögen: Wenn dieses Thema nur als Forderung an den heutigen Staat behandelt wird, reproduzieren wir am Ende multinationale Republiken mit nationalen Inhalten, die der Modernität verpflichtet bleiben. Wie verstehen wir Wohlstand im Zusammenhang mit den neuen Veränderungsmodellen, egal, ob diese durch neue Verfassungen oder durch neue Institutionen als Folge einer neuen kontinentalen Konjunktur entstehen? Modernität kann nicht das Ziel der dekolonisierten  Gesellschaften, Gemeinschaften oder Institutionen sein. Worauf wir hinarbeiten, muss weit über die heutige Vorstellung von Modernität hinausgehen.“

[1] Abya Yala Soberana, etwa souveränes Gebiet “Abya Yala”, Name eines Gebiets in Zentralamerika auf Guna-Sprache.

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