Fundamentalistische Pfingstbewegung gegen Geschlechtergerechtigkeit

Der Salomon-Tempel in Sao Paulo. Foto: Karl-Ludolf Hübener

(Montevideo, 21. April 2020, npla).- „Keine Angst“ tönte es aus Pfingstlerkreisen in Sao Paulo, als Covid-19 im März in der größten Stadt Brasiliens um sich griff. Tempel blieben geöffnet, obwohl Versammlungen von mehr als 500 Personen verboten waren. Dennoch füllte sich der „Tempel Salomons“ der einflussreichen Universalkirche, in dem 10.000 Gläubige Platz finden. Edir Macedo, Oberhirte der Pfingstkirche, sieht in der Pandemie eine Taktik Satans, um unter den Menschen Angst und Panik zu verbreiten. Jede Person die an Gott glaube, sei gegen die Viren geschützt, versuchte ein anderer evangelikaler Bischof seine Herde zu beruhigen.

Bis in die 1960er Jahre waren praktisch alle Brasilianer*innen Katholik*innen. Nur weniger als vier Prozent der Bevölkerung bekannten sich damals zur Pfingstbewegung. Heute sind es mehr als 25 Prozent. Tendenz: weiter steigend. Der Anteil der Katholik*innen ist auf unter 60 Prozent gesunken.

Einfluss der Pfingstbewegung wächst stetig

Die Anhängerschaft der Pfingstbewegung hat im bevölkerungsreichsten Land Lateinamerikas zügig zugenommen. Und ihr Einfluss auf Gesellschaft und Politik in Brasilien wächst stetig. Kritiker*innen warnen allerdings davor, alle Evangelikalen in einen konservativ-reaktionären Topf zu werfen. Die einen sind fundamentalistischer, andere wiederum pragmatischer. Es gibt inzwischen in der Pfingstbewegung Kirchen für Schwule und Lesben, gar evangelikale Kulte für Feministinnen. Doch tonangebend sind fundamentalistische Pfingstler. Sie eint ein antifeministisches, homophobes Familienbild. Lesbische Frauen, Trans*personen und alle anderen, die nicht zur Zwei-Geschlechter-Norm passen, werden bekämpft.

Der Name Pfingstler oder Pfingstkirche weist auf das Pfingstfest hin. Pfingstler feiern den fünfzigsten Tag nach Ostern als den Tag, an dem der Heilige Geist auf die Jünger Jesu „ausgegossen“ worden sei, wie sie sagen.

Heidnischer Karneval und Hexerei

„Das ist das Lied der Bekehrten, getauft mit dem Wasser des Heiligen Geistes“ heißt es im Gospelgesang von Marcelo Crivella. Der Gospelsänger und Komponist ist Bischof der evangelikalen Kirche „Igreja Universal do Reino de Deus“, der „Universal-Kirche des Reiches Gottes“. Seit Anfang 2017 ist er Bürgermeister von Rio de Janeiro. In seiner Antrittsrede bedankte er sich „für die unendliche Güte und unerklärliche Liebe, die Gott uns allen zeigt und die mich, ganz nach seinen Plänen, in dieses Amt geführt hat.“ Den Wahlsieg verdankt Crivella – so einige Umfrageinstitute – zu 90 Prozent evangelikalen Wähler*innen, die für ihn gestimmt haben.

Zu den Evangelikalen zählen auch Protestanten. Doch das Gros der Evangelikalen machen die Pfingstkirchen aus. Die Pfingstbewegung ist keineswegs homogen. Es gibt eine verwirrende Vielfalt von Kirchen und Kulten, großen, kleinen und winzigen. Für alle Richtungen hat allerdings das Wirken des Heiligen Geistes zentrale Bedeutung. Auf dem so genannten „Markt des Glaubens“ konkurrieren traditionelle Pfingstler und Neopfingstler. Die größte traditionelle Pfingstkirche ist die „Asambleia de Deus“, die „Versammlung Gottes“. Ihre Gläubigen sind angehalten neben Alkohol, Zigaretten und Drogen auch Kino und Tanz zu meiden. Homosexualität und Abtreibung werden entschieden abgelehnt, Geschlechtergerechtigkeit ist ein Fremdwort. Auch bei den Neopfingstler*innen. Tonangebend ist dort die „Universalkirche“ von Marcelo Crivella.

Im Wahlkampf hatte Crivella betont: Er wolle in der Politik nichts mit Religion zu tun haben. Doch dann verhinderte er die queere Kunstausstellung „Queer-Museu“ und kürzte den Zuschuss für den weltweit berühmten Karneval in Rio, den er als heidnisch verurteilt. Dieser ist stark von Kultur und Kulten der Afrobrasilianer*innen beeinflusst.

Gegenüber Religionen, die sich nicht auf die Bibel berufen, verhalten sich viele Pfingstler*innen unduldsam. Sie versuchen das Menschenrecht auf freie Religionsausübung auszuhebeln. Für sie sind indigene Spiritualität, aber vor allem Umbanda und Candomblé, die wichtigsten Afroreligionen in Brasilien, Aberglaube und Hexerei. „Das sind bösartige Anrufungen, das sind satanische Anrufungen“ regt sich Elizier Morais, Pastor der „Versammlung Gottes“, auf: „Wer sich einmal eine Person, die an diesen Kulten teilnimmt, ansieht, dem wird klar: die ist besessen.“

Die Gesetze Gottes über alles

Für Pfingstler*innen war Politik lange Zeit ein Tabu. Sie sei des Teufels, hieß es. Doch das änderte sich mit dem Aufkommen der Neo-Pfingstler*innen in den 1980er Jahren. Diese wollen sich durchaus in die Politik einmischen. Allen voran die „Universalkirche des Reiches Gottes“. Sie ist die größte, aber auch umstrittenste Neopfingstler-Vereinigung und hat nach eigenen Angaben rund acht Millionen Anhänger*innen in Brasilien. „Die Gesetze Gottes stehen über den Gesetzen der Republik!“, behauptet Edir Macedo, Bischof und Gründer der „Igreja Universal“. Er ist der Onkel von Rios Bürgermeister Marcelo Crivella.

Edir Macedo stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Seine Laufbahn als Prediger begann er auf den Straßen Rio de Janeiros. Heute gebietet er über 5000 Tempel in über 100 Ländern der Welt. Ein wahrhaft multinationales Unternehmen.

Oberhirte Edir Macedo hat mit seinem frommen Imperium geschätzt eine Milliarde Dollar verdient. Foto: Jeso Carneiro/Flickr (CC BY-NC 2.0)

Vor allem auf Massenmedien und Marketingstrategien bauen Edir Macedo wie auch andere Pfingstler. Edir Macedo kaufte 1990 „TV Record“. Das ist inzwischen die zweitgrößte Fernsehanstalt Brasiliens, nach dem Globo-Konzern. Dort werden neben Nachrichten, Telenovelas mit biblischem Hintergrund, Shows und Fußball oder auch Teufelsaustreibungen und Wunderheilungen übertragen. Zum „Universal“-Imperium in Brasilien gehören außerdem: über 60 Radiosender, sowie Verlage, Zeitungen, Reiseagenturen, Banken und Immobilien. Es sind nicht die einzigen Einnahmequellen: Den so genannten „Zehnten“ – also ein Zehntel der Haushaltseinkünfte – treiben Macedo wie auch andere Pfingst-Pastoren unerbittlich ein, auch und gerade in den Armenvierteln. Ein moderner Ablasshandel, denn je höher die Spende, desto größer die Chance auf Heilung. Kritiker*innen wimmelt der geschäftstüchtige Kirchenfürst ab: „Das Geld ist für die Kirche das Gleiche wie das Blut für den Körper.“

Die US-Zeitschrift „Forbes“ schätzt das Vermögen Macedos auf über eine Milliarde Dollar. Er ist damit der reichste Prediger in der evangelikalen Welt.

Pfingstler vertrösten nicht auf das Jenseits

Neo-Pfingstler halten für die Gläubigen die „Theologie der Prosperität“ bereit. Wohlstand und sozialer Aufstieg werden als Zeichen der Liebe Gottes interpretiert. Pfingstler vertrösten nicht auf das Jenseits. Sie seien vielmehr mit dem Diesseits verbunden, so Marilene de Paula „Gott mischt sich die ganze Zeit über in das Leben ein – ob es nun um den Erfolg im Finanziellen geht oder um Erfolg bei der Gesundheit“, erklärt de Paula. Sie hat an einer Untersuchung über „Religion und Politik“ mitgearbeitet, unterstützt vom ISER-Institut, dem wissenschaftlichen „Institut für Studien der Religion“ in Rio de Janeiro: Erfolg sei auf Gott zurückzuführen, auf das göttliche Handeln im menschlichen Leben.

In Brasilien sind die Pfingstkirchen allgegenwärtig, wie hier am Amazonas. Foto: Karl-Ludolf Hübener

Wer sich in Favelas der größeren Städte Brasiliens umsieht, wird zwischen Hütten, unverputzten Ziegelbauten und Rohbauten ohne Dach häufiger schlicht weiß getünchte Bauten entdecken: Winzige Kirchen evangelikaler Kulte und Sekten. Der Sozialwissenschaftler Matheus Tancredo stellte fest: „Die Predigt kommt von einem Pastor, der sowohl Pastor als auch Nachbar ist. Er stammt aus dem Viertel. Sie kennen sich, sie sind miteinander aufgewachsen. Das verbindet. Das bedeutet Nähe.“ Tancredo hat an einer Untersuchung der „Fundação Perseu Abramo“- Stiftung in den Favelas São Paulos mitgearbeitet. Der Erfolg sei auch auf die praktische Arbeit der Pfingstler*innen zurückzuführen: „Oft ist sind evangelikale Kirchen dort präsent, wo der Staat nicht hinkommt. Sie haben einen Apparat, um zu helfen.“ Nahrungsmittel würden auf diesem Weg verteilt. Es würde versucht, dem arbeitslosen Gläubigen einen Job zu verschaffen. Einer Hausfrau würde geholfen, damit der Sohn von Drogen loskommt. Die Universalkirche habe sogar einen Gesundheitsdienst, betont Tancredo.

Die politische Fraktion der Evangelikalen

Der Heilige Geist ist längst in fast alle Parteien Brasiliens eingezogen. Der Einfluss vor allem fundamentalistischer Pfingstler*innen ist spürbar größer geworden. 1982 gab es gerade mal zwei evangelikale Parlamentarier. Inzwischen zählt die so genannte „Fraktion der Evangelikalen“ fast hundert Abgeordnete von insgesamt 513. Henrique Viera, Baptistenpastor und linker Politiker, resümiert: „Die ‚Fraktion der Evangelikalen Parlamentarier‘ ist sehr konservativ. Sie ist ein Hindernis für die Menschenrechte, für die Demokratie und den laizistischen Staat. Für die Kämpfe verschiedener fortschrittlicher Gruppen, die etwa für die Rechte von Frauen, Schwarzen, Lesben, Schwulen oder Trans*personen kämpfen.“ Ihr Einfluss wachse auch dadurch, so Viera, dass sie sich systematisch mit den konservativsten Abgeordneten, „mit Leuten aus dem Agrobusiness etwa oder der Waffenindustrie“ abstimme.

Brasiliens Präsident Bolsonaro gab sich bei seiner medienwirksamen Taufe im Jordan den zweiten Vornamen „Messias“. Foto: Archiv

„Brasilien über alles. Doch Gott über alle.“ Mit diesem Motto ging Jair Messias Bolsonaro auf Stimmenfang. Der rechtsradikale Hauptmann der Reserve ist seit Anfang 2019 Präsident Brasiliens. Schon vor der Wahl hatte er angekündigt: Seine Präsidentschaft würde er als „Mission Gottes“ auffassen. Gewählt wurde Bolsonaro nicht zuletzt, weil er von evangelikalen Pastoren und Kirchen massiv unterstützt wurde. In seinem Kabinett ist er umgeben von Militärs und erzreaktionären Pfingstlern, die es mit Menschenrechten und Rechten von Minderheiten nicht so genau nehmen.

Für manchen vielleicht überraschend: Zur Amtseinführung flog Israels Premier Benjamin Netanjahu nach Brasilia. Er blieb fünf Tage und traf sich auch mit evangelikalen Politikern. Israel ist für die meisten Pfingstler*innen das Heilige Land der Bibel, ein Groß-Israel, das vom Mittelmeer bis zum Jordan-Fluss reicht.

Gegen „Gender-Ideologie“ und für die Macho-Familie

Auch in anderen Ländern Lateinamerikas drängt die evangelikale Lobby in die Politik. Nicht nur in Parlamente. Sie gründen Nichtregierungsorganisationen und soziale Bewegungen wie beispielsweise „Pro Vida“ und „Pro Familia“, um Druck auf die Politik auszuüben. Abtreibung, Sexualunterricht in der Schule, gleichgeschlechtliche Ehen, unterschiedliche Geschlechterrollen und -identitäten lehnen die meisten Pfingstler*innen strikt ab. Das sei Gender-Ideologie, kritisieren sie. Genderpolitik habe das herkömmliche Bild der Familie zerstört. Marilene de Paula sieht das als Grundlinie der Pfingst-Bewegung: „Es ist ein Modell von Familie, deren Norm die Hetero-Familie ist. Es ist eine Familie, in der der Mann das Sagen hat.“

Zu diesem Artikel gibt es auch einen Podcast bei Radio onda. 

CC BY-SA 4.0 Fundamentalistische Pfingstbewegung gegen Geschlechtergerechtigkeit von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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