Ibero-Amerikanisches Institut für indigene Sprachen eröffnet

Pressekonferenz zur feierlichen Eröffnung des Instituts
Foto: FILAC

(La Paz, 10. Februar 2022, pressenza).- In Lateinamerika und der Karibik werden aktuell noch über 550 indigene Sprachen gesprochen. Am 10. Februar 2022 hat das Iberoamerikanische Institut für indigene Sprachen (IIALI) seine Tätigkeit aufgenommen, um den Erhalt, die Wiederbelebung, Verbreitung und Entwicklung dieser Sprachen zu fördern.

Ein international besetztes Institut

Volles Initiativrecht besitzen künftig neben Bolivien auch Kolumbien und Mexiko. Dazu beteiligen sich Ecuador, El Salvador, Guatemala, Nicaragua, Panama, Paraguay und Peru an der Initiative. An der Seite der Vertreter*innen aus den einzelnen Ländern nahmen Mitglieder des Fonds für die Entwicklung der indigenen Völker Lateinamerikas und der Karibik (FILAC), des Iberoamerikanischen Generalsekretariats (SEGIB) und der Organisation Iberoamerikanischer Staaten für Bildung, Wissenschaft und Kultur (OEI) an der feierlichen Eröffnung teil. Die Anwesenden wählten einstimmig die ersten drei Vorsitze des Gremiums, das die Arbeit des IIALI bestimmen wird. Die Posten werden für einen Zeitraum von zwei Jahren vergeben (ohne unmittelbare Wiederwahl). Bolivien, Kolumbien und Mexiko werden sich mit dem Vorsitz abwechseln; bis 2024 übernimmt Bolivien die Präsidentschaft der IIALI, danach Kolumbien und dann Mexiko. Rogelio Mayta, Außenminister des Plurinationalen Staats Bolivien, dankte den anderen Staaten für das in sein Land gesetzte Vertrauen, sowohl was die Übernahme des ersten Vorsitzes anging, als auch dafür, dass sie Bolivien als Sitz des Instituts akzeptieren. „Wir sind ein Zusammenschluss von Völkern mit der Vision einer inklusiven Welt. Wir bedanken uns herzlich, dass Sie uns Ihr Vertrauen entgegenbringen, und wir versprechen, uns allen Aufgaben und Herausforderungen, die die Zukunft für uns bereithält, kollektiv zu stellen, so wie es die indigenen Völker tun. Unser Leitgedanke ist immer das ‚Wir‘, das für uns mehr Bedeutung hat als der Einzelne“, so Mayta.

Gravierendes Verschwinden indigener Sprachen erfordert dringende Maßnahmen

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat die Internationale Dekade der indigenen Sprachen 2022-2032 ausgerufen, um auf das gravierende Verschwinden der indigenen Sprachen aufmerksam zu machen, für ihre Erhaltung, Wiederbelebung und Förderung zu werben und um deutlich zu machen, dass auf nationaler und internationaler Ebene dringend Maßnahmen ergriffen werden müssen. Mit ihrer Initiative will die UN die Situation der indigenen Sprachen und die kulturellen und sprachlichen Rechte der indigenen Völker in den Fokus rücken und die Verwendung und Verbreitung, das Erlernen und die Wiederbelebung der indigenen Sprachen fördern. Entsprechend will das neugegründete Institut technische Unterstützung bei der Formulierung und Umsetzung sprach- und kulturpolitischer Maßgaben leisten und fundierte Entscheidungen über den Gebrauch und die Lebendigkeit indigener Sprachen erleichtern.

Kulturelle und sprachliche Heterogenität stärker würdigen

Die Gefahr des Aussterbens besteht für einige Sprachen mehr, für andere weniger; Fakt ist jedoch, dass das gesamte sprachliche Vermächtnis der First Nations akut gefährdet ist. In ganz Lateinamerika haben die überwältigende Hegemonie des Spanischen und die einseitige, homogenisierende Politik der einzelnen Staaten von jeher den Erhalt und die Entwicklung der indigenen Sprachen blockiert. Die Schulen folgen bis heute einem klaren „zivilisatorischen“ und an der spanischen Sprache und Kultur orientierten Bildungsauftrag. Die heutige Wirtschafts-, Sozial-, Kultur- und sogar  Militärpolitik hat die Bedrohung, der die indigenen Völker ausgesetzt sind, sogar noch verschärft. Zwar wächst auf globaler Ebene ein Bewusstsein für die kollektiven und individuellen Rechte dieser Völker, während ethnische, kulturelle und sprachliche Vielfalt zunehmend Wertschätzung erfährt. In Lateinamerika herrschen jedoch weiterhin Ideologien und Vorstellungen, die der charakteristischen kulturellen und sprachlichen Heterogenität des Kontinents kaum eine Chance lassen. Eurozentrismus, Diskriminierung und Rassismus führen dazu, dass die spanischsprachige Bevölkerung gegenüber der sprachlichen Vielfalt in ihren Ländern nicht offen ist und das Erlernen einer der zahlreichen indigenen Sprachen nicht in Betracht zieht.

Das Überleben einer Sprache geht alle etwas an

Das Überleben indigener Sprachen zu sichern ist nicht allein Sache der Sprecher*innen, der indigenen Familien und Communities, sondern aller Bewohner*innen der Region: Kinder, Jugendliche, junge Menschen und Erwachsene. Das zur Zeit der Kolonisierung entstandene Machtgefälle hat bis heute nicht vollständig aufgehört zu existieren und prägt alle Aspekte des Sprechens, des Wissens und des Seins im Allgemeinen.  Der ideologisch fundierte Argwohn der Spanischsprechenden gegenüber Indigenen und ihren Sprachen bestimmt die Situation der indigenen Sprachen bis in die Familien und Gemeinschaften hinein. Wenn die hegemonialen Sektoren ihre ablehnende Haltung gegenüber indigenen Völkern, ihren Kulturen und ihren Sprachen ändern, wird sich dieser Wandel auch auf die Entscheidungen auswirken, die Familien und Gemeinschaften bezüglich der Sprachen ihrer Ältesten treffen. Mit anderen Worten: Je weniger Rassismus und Diskriminierung, desto besser stehen die Chancen für eine allgemeine Wiederverbreitung und Neubelebung indigener Sprachen. Um demokratische Voraussetzungen für die Verwendung und den Erhalt indigener Sprachen zu schaffen, bedarf es vieler verschiedener Maßnahmen in ebenso vielen verschiedenen Bereichen.

Der Staat und seine Institutionen sind gefragt

Der Staat und seine Institutionen müssen alles tun, damit die Kommunikation in den indigenen Sprachen genauso möglich ist wie die Kommunikation auf Spanisch. Das bedeutet, es muss Beamt*innen geben, die die regionalen Sprachen beherrschen, sowie Dolmetscher*innen, Übersetzer*innen und indigene Kulturvermittler*innen. Sehr gut können dabei auch die vorhandenen technologischen Ressourcen eingebunden werden: So könnte man z. B. Telefondienste mit verschiedenen Serviceschwerpunkten in indigenen Sprachen einrichten. Rassismus und Diskriminierung müssen abgebaut und, hier kommen die Bildungssysteme ins Spiel, spanischsprachige Schüler*innen motiviert werden, eine indigene Sprache zu erlernen und das kulturelle Erbe ihrer Länder zu würdigen. Dazu ist es dringend erforderlich, die Gleichung indigene Sprachen=Vergangenheit aufzubrechen und die Sprachen in einen aktuellen und zukunftsorientierten Zeitbezug einzubinden. Dafür müssen unter anderem die Methoden des Spracherwerbs erneuert und erweitert werden, zum Beispiel durch Videos, interaktives Material, Spiele und Lieder, um den Sprachunterricht attraktiver zu gestalten. Um hinsichtlich der vorherrschenden ideologisch bedingten Positionen zum Thema Sprache etwas zu bewegen und so die herrschende Bedrohung der Gegenwart und Zukunft indigener Sprachen zu entschärfen, bedarf es der Unterstützung der Medien, die in diesem Bereich eine Schlüsselrolle einnehmen. Vielleicht wäre es eine Idee, Unterhaltungssendungen für Radio und Fernsehen zu produzieren, die für das Erlernen einer indigener Sprachen und ihre Verwendung eintreten und die sozialen und kognitiven Vorteile der Zweisprachigkeit vermitteln könnten.

Jede Sprache ist ein Fenster

Wir Lateinamerikaner*innen müssen die ideologischen Barrieren gegen die indigenen Gesellschaften, ihre Kulturen und Sprachen überwinden. Insofern wäre es großartig, sich mit Neugier und Interesse zu nähern und eine indigene Sprache zu lernen. Jede Sprache ist ein Fenster, das es uns erlaubt, eine unbekannte Welt zu betreten. Indem wir eine neue Sprache lernen, können wir erfahren, wie ihre Sprecher*innen denken und fühlen, und es eröffnet sich uns die Möglichkeit, uns neues Wissen anzueignen. So können demokratisches Zusammenleben, Verständnis und Verständigung zwischen den verschiedenen Völkern gefördert werden.

Übersetzung: Lui Lüdicke

CC BY-SA 4.0 Ibero-Amerikanisches Institut für indigene Sprachen eröffnet von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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