Gemeinschaftsradio als Zugang zum Öffentlichen Raum

Indigene Gruppen blicken in Argentinien auf eine lange Geschichte von Konflikten und gewaltsamer Verdrängung zurück. Seit der Kolonialzeit wurden indigene und afro-argentinische Kulturen systematisch ausgegrenzt. Die argentinische Nation wurde im Jahr 1853 als ein Land von und für weiße Europäer gegründet, mit seinem demonstrativen Machtzentrum Buenos Aires. Die nicht-europäischen Gruppen bekamen die Rolle der „barbarischen Wilden“, die „den Fortschritt des Landes verhinderten“. In den Geschichtsbüchern konnte sich die Vorstellung durchsetzen, Indigene seien irgendwann einfach „ausgestorben“.

Doch es gab und gibt sie noch heute. Laut einer Volkszählung von 2010 fühlen sich fast eine Million Personen in Argentinien einer der indigenen Gruppen zugehörig. Und es ist wahrscheinlich, dass es noch viel mehr Menschen sind. Da die Diskriminierung gegen sie anhält, gibt es viele Personen die ihre indigene Herkunft verheimlichen. Fest steht: in Argentinien gibt es heute noch über 30 verschiedene indigene Gruppen die eigene Sprachen sprechen. Seit Generationen kämpfen sie darum, dass die Regierung ihre Existenz anerkennt und ihre Territorien, ihre Sprachen und ihre Kultur gesetzlich schützt. Erst seit dem Jahr 1994 erkennt die argentinische Verfassung die Existenz indigener Gruppen offiziell an und schreibt ihren besonderen Schutz gesetzlich fest.

Indigene Migration zwischen Stadt und Land

Die bestehenden Gesetze werden jedoch bis heute weiter missachtet und die Ländereien indigener Gemeinschaften durch flächendeckenden Sojaanbau für den globalen Markt genutzt. Der Soja- Boom garantiert Grundbesitzer*innen horrende Erträge, die dann in den Großstädten wie Buenos Aires und Rosario in den Bau von Immobilien fließen. Währenddessen ziehen mehr und mehr Menschen vom Land und Indigene in diese Städte, um bessere Lebensbedingungen und Arbeit zu finden. Die Zugezogenen arbeiten für geringste Löhne auf den Baustellen der urbanen Wolkenkratzer oder als Haushälter*innen in den Wohnungen im Stadtzentrum. Meistens leben sie selbst in extrem armen Verhältnissen, in entlegeneren Stadtteilen an denen es am Nötigsten mangelt: Würdiger Wohnraum; Anbindung an städtische Infrastrukturen wie Busse und Bahnen; Dienstleistungen wie Wasser- und Stromversorgung; medizinische Behandlungsmöglichkeiten; Arbeitsplätze; Schulen; Spielplätze und andere öffentliche Orte.

Zu den materiellen Bedingungen dieser Stadtviertel kommt hinzu, dass sie mit einem territorialen Stigma belegt sind, welches von den hegemonialen Kommunikationsmedien verbreitet wird: Arme Stadtviertel werden dabei ausschließlich als Orte des Mangels, der Gewalt, Unsicherheit und Straftaten, wie dem Drogenhandel repräsentiert. Auch indigene urbane Gemeinschaften sind von dieser Stigmatisierung und ihren Implikationen betroffen. Das was durch die hegemonialen Medien über diese Räume gesagt wird, und somit im doppelten Sinne den öffentlichen Raum ausmacht, schreibt den Gebieten eine begrenzte Identität zu und ihre Bewohnerschaft hat keine eigene Stimme, um ihre Lebensrealität selbst zu beschreiben. Eigene Kommunikationsmedien, wie ein Gemeinschaftsradio, befähigen indigene und nicht-indigene Gemeinschaften gleichzeitig zur Selbstdefinition und zur Repräsentation nach Außen – ohne dabei auf die stereotype Vorstellungen zurückzugreifen.

Oscar Talero ist 57 Jahre alt und lebt als Qom-Indigener im Barrio Los Pumitas am Rande der Großstadt Rosario. Im Jahr 1986 ist er, wie viele andere Bewohner*innen des nördlichen Argentiniens, in die Großstadt gezogen. Denn nach Jahrzehnten des massiven Landraubs, anhaltender Abholzung und den damit verbundenen Umweltkatastrophen und der Mechanisierung der Baumwollernte ist das Leben im nördlichen Chaco für viele Menschen nicht mehr lebenswert. Während des Bau-Booms in Rosario arbeitete Oscar zunächst auf Baustellen im Stadtzentrum. Später organisierte er sich mit anderen indigenen Bewohner*innen des Barrios Los Pumitas, die gemeinsam für eine Verbesserung ihrer Lage eintreten. „Wir fordern dass wir gleichwertige Bürger dieser Stadt sein können, dass wir als Indigene unsere Steuern, Strom, Wasser oder den Stadtbus bezahlen können.“ sagt er.

„Unsere Gemeinschaft ist die Basis unserer Kämpfe“

Im Jahr 2004 gelang es den Bewohner*innen von Los Pumitas als indigene Gemeinschaft staatlich anerkannt zu werden, welche seither den Namen Qadhuoqte trägt. Auf der Sprache der Qom (Qomlaqtaq) bedeutet Qadhuoqte „unsere Basis“ oder „unser Fundament“. Die Eintragung ihrer Gemeinschaft war ein wichtiger Schritt, denn sie sichert den im Barrio lebenden Familien rechtlichen Schutz und finanzielle Unterstützung durch den Staat. Die Stadtverwaltung begann daraufhin zwar mit der Urbanisierung des Barrios, vollendete jedoch den Straßenbau und den Anschluss an das Netz der Strom- und Wasserversorgung bis heute nicht.

Oscar, der Vorsitzende der indigenen Gemeinschaft Qadhuoqte, berichtet, dass das koloniale Erbe des „Unsichtbar-Machens“ der indigenen Bevölkerung Argentiniens längst nicht überwunden ist. So kommt es, dass das Wappen der Provinz Santa Fe, deren Hauptstadt Rosario ist, noch heute den Triumph über die hier lebenden indigenen Gruppen symbolisiert. Dargestellt wird dies durch eine siegreiche Lanze und zwei nach unten zeigende Pfeile, wie Oscar erklärt. „Wenn wir darauf warten, dass die Regierungen etwas für uns tun, führt das zu gar nichts. Das wissen wir nun schon. Deshalb haben wir selbst angefangen Verbesserungen zu fordern, zu fordern und zu fordern. Und wir haben verstanden, dass wir uns zusammentun müssen, um uns Gehör zu verschaffen.“ Auch deshalb betreibt die Gemeinschaft heute einen eigenen Radiosender.

Gemeinsam mit Unterstützer*innen anderer freier Radios sammelte sie über 15 Jahre lang die nötigen Gelder für technische Apparate und ein Studio im Kulturzentrum Qadhuoqte. Ende des Jahres 2018 konnte so der Sender FM QADHUOQTE auf der Frequenz 94,5 entstehen. Seit dem sendet das Radio sein eigenes Programm. Nachdem eine höhere Antenne aufgetrieben werden konnte, erreicht der Sender nicht mehr nur einen Radius von 500 Metern, sondern ganze sechs Kilometer. Die Bewohner*innen der umliegenden Barrios Rouillón, Villa Banana und Travesia, die in ähnlichen Verhältnissen leben, können so über Radiogeräte oder Smartphones die selbst gemachten Sendungen hören. Folklore-Musik untermalt die Programme „von der Gemeinschaft für die Gemeinschaft“. Eine Nachbarin aus Los Pumitas sagt: „Ich bin stolz dass wir in unserem Barrio nun einen Radiosender haben! Weil er interkulturell ist, also auf Qom und auch auf Spanisch sendet.“

Von Montag bis Freitag wird morgens der Online-Radiosender ALER Satelital aus Ecuador zugeschaltet, der Nachrichten aus ganz Lateinamerika bringt. Darüber hinaus gibt es verschiedenste Programme die von Bewohner*innen des Barrios selbst gemacht werden. Montags besprechen Krankenschwestern Themen der Gesundheitsvorsorge. Dienstags diskutieren die indigenen Radiomacherinnen und feministischen Aktivistinnen Graciela Castro und Eufelia Morales mit ihren Gästen die Rolle indigener Frauen in dem Programm „Las voces de las mujeres originarias“. Jeden Mittwoch bespricht der junge Qom-Indigene und Autor Ronaldo in seinem Programm „Voces al Aire“ Themen von und für indigene Jugendliche. Donnerstags verlagert die Lehrerin Andrea ihren Unterricht mit Schüler*innen des Barrios aus dem Klassenraum ins Radio. Am Samstag Abend gibt es im Programm „La Pasión Norteña“ vier Stunden Folklore-Musik aus dem Norden Argentiniens zu hören, wie Cumbia, Llamamé und Chacarera. Die Radiosprecher Carlos und Carlitos berichten von ihrer Jugend als Arbeiter auf den Baumwollplantagen im Chaco und ihrer Liebe zur Folklore- Musik. Zuhörer*innen können sie anrufen und Sprachnachrichten schicken, sich Musikstücke wünschen und ihre Liebsten grüßen.

Radio Comunitaria als Zugang zum Öffentlichen Raum der Stadt

Fotos und Zeichnungen: Tobias Mönch

So versucht das indigene Radio FM QADHUOQTE einen Raum zu schaffen, der offen und divers ist und der die tiefen Risse in der argentinischen Gesellschaft überbrückt. Sich in der Öffentlichkeit, in den Medien und in der Stadt Sichtbarkeit oder „Gehör“ zu verschaffen, ist für viele Indigene und andere von hegemonialen Medien ausgegrenzte Gruppen eine wichtige Erfahrung. Besonders für die jungen Bewohner*innen von Los Pumitas stellt das Radio eine Möglichkeit dar zu reflektieren, sich über Gutes und Schlechtes auszutauschen, über Diskriminierung zu sprechen und die eigene Stimme zu erheben.

Die Organisation Qadhuoqte ist in ihrer Arbeit auch auf Spenden angewiesen. Es fehlen Gelder für die Radio-macher*innen, für Technik-Workshops und für Besuche bei anderen indigenen und freien Radiosendern. Eine Erweiterung zum Internetradio wird angestrebt. Außerdem werden mobile technische Geräte zur Übertragung politischer Veranstaltungen wie Mikrofone, Fotokameras, Kabel und Stative benötigt.

Auf das PayPal-Konto »fm-qadhuoqte-spenden@gmx.de« können daher Geldspenden überwiesen werden. Die eingehenden Spenden gelangen über den Autor des Artikels direkt zur Organisation Qadhuoqte, um die Hürden unterschiedlicher Banksysteme und die hohen Gebühren für internationale Überweisungen bestmöglich zu umgehen.

Wer sich mit dem Radiosender FM QADHUOQTE in Verbindung setzen möchte, kann dies auf deren Facebook-Seite unter dem selben Namen tun.

Veröffentlichung des Artikel in Absprache mit dem Radiosender und der Erlaubnis Oscar Taleros, Vorsitzender der Gemeinschaft Qadhuoqte, Los Pumitas, Rosario. Der Autor Tobias Mönch realisierte dort zwischen März und Juni 2019 eine anthropologische Forschung im Rahmen des Studiums „Historische Urbanistik“ der Technischen Universität Berlin. Kontakt: tobi_moench@gmx.net

Spanische Version

CC BY-SA 4.0 Gemeinschaftsradio als Zugang zum Öffentlichen Raum von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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