Bangemachen gilt nicht – Kunst in Zeiten von COVID-19

Musikerin und Aktivistin Isa Deyabu / Foto: Támara Riffo

(Berlin, 9. November 2021, npla).- Kunst als Mittel zur Überwindung der Pandemie – auch das ist ein Teil der Neuen Normalität, die heute so sehr in aller Munde ist. Während die Lockerung der Beschränkungen oder die Impfung für Kinder vieldiskutierte Themen sind, spricht derzeit kaum noch jemand über Lockdown, social distancing, Händewaschen, Masken, Handdesinfektionsmittel, Einschränkung der Bewegungsfreiheit und Selbstisolierung. Doch was bedeutet es, unter heutigen Bedingungen als freischaffende*r Künstler*in zu arbeiten? Schon vor der Pandemie war die Situation der Kultur- und Kunstschaffenden oft prekär, insbesondere in den Ländern der südlichen Hemisphäre, wo keine staatliche Beihilfen zur Unterstützung der Kunst angedacht sind, geschweige denn gezahlt werden. Wir sprachen mit einigen Künstler*innen aus verschiedenen lateinamerikanischen Ländern über ihre Erfahrungen, Sorgen, Erwartungen und Hoffnungen im Zusammenhang mit COVID-19. Es sind Menschen, die selbständig arbeiten, Künstler*innen, die sich ihren Weg erst freischaufeln müssen und von denen man vieles lernen kann. Ihre Geschichten und Erfahrungen nehmen uns mit an verschiedene Orte: nach Guatemala-Stadt, Valparaíso, Medellín, Montevideo und Berlin.

Die Sorge um die psychischen Auswirkungen dominiert

Rebeca Lane ist Sängerin, Dichterin und feministische Aktivistin aus Guatemala. Während der Pandemie brachte sie ein Kind zur Welt, veröffentlichte ein Buch und brachte ihr Album „Llorando diamantes“ heraus. Während des Lockdowns weiterhin kreativ zu arbeiten ist ihr nicht leichtgefallen. “Ich denke, diese Situation stellt uns vor die Herausforderung, neue Wege zu finden, aber viele Sachen sind aus dem Bedürfnis heraus entstanden, auch unter den derzeitigen Bedingungen weiter produktiv zu sein.”

Isa Riffo, La Deyabu. MC, Nomadin, Fotografin. Während der Pandemie erschien ihr Album “Chakana”, das nach einem indigenen Festtag benannt ist. Die meisten Songs entstanden während des Lockdowns in der chilenischen Stadt Valparaíso. Seit Oktober 2019 befindet sich das Land in einem einzigartigen gesellschaftlichen und politischen Umbruchsprozess. Mit der Ausbreitung von COVID-19 kamen die Protestaktionen weitestgehend zum Erliegen. Lange Zeit herrschte Ausgangssperre. Dazu Isa: “Wir fallen wieder in die alten Strukturen zurück. Natürlich haben wir alle Angst, uns anzustecken und krank zu werden, aber mir persönlich macht es eigentlich mehr Angst, was das Ganze psychisch mit uns macht. Immerhin werden uns sämtliche Freiheiten genommen….”

Die Kunst nutzen, um Verbindungen zu schaffen

Henry Flores aus Montevideo arbeitet bei einem Radiosender und ist als Tontechniker bei Veranstaltungen tätig. Wie schätzt er die Situation ein? “Hier in Uruguay war die Lage ziemlich ernst. Mehr als 15.000 Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt im Bereich Unterhaltung, Musik und Kunst. Ich denke, dass Kultur in Krisenzeiten sehr wichtig ist, weil es einfach viel um soziale Fragen geht”.

Die Afrokolumbianerin Francy Alvarez ist Sängerin, Schauspielerin und Lehrerin in Medellín, Kolumbien. Zu der Frage, was es bedeutet, in Zeiten von Corona kreativ zu arbeiten, erzählt sie: “Wir haben gesehen, dass es möglich ist, in Krisenzeiten künstlerisch produktiv zu sein, und nicht nur das: Die Krise ist irgendwie auch eine Chance, andere Sachen zu machen, die digitalen Möglichkeiten zu nutzen, um uns näher zu kommen, die Kunst zu nutzen, um Verbindungen aufzubauen.“ Während der Pandemie hat sich Francy auf verschiedene künstlerische Projekte konzentriert, im Netz gestreamt, sich neue Räume erschlossen und vielfältige soziale Ausdrucksformen mit der kolumbianischen Bevölkerung geteilt. “Amalayá“ heißt ein Projekt, an dem sie zusammen mit der Musikerin Jacqueline Jaramillo arbeitet. Auf Palenquero, der Sprache des kolumbianischen Pazifik, steht “Amalayá“ für den intensiven Wunsch auf ein Wunder.

Auch in Berlin hat der Lockdown die prekäre Situation der Kultur und seiner Protagonist*innen überdeutlich gemacht. Aus der Metropole an der Spree berichtet Nicolas Coitiño, unabhängiger Fotograf und Produzent: “Das Problem ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die es liebt, sich zu amüsieren, auf Konzerte und ins Kino zu gehen, aber wenn sich für die Akteur*innen im kulturellen Bereich ein Problem auftut, bemühen sich alle, unbeteiligt in die Luft zu gucken.”

Das Positive am Lockdown: die viele freie Zeit

Neue Normalität. Neue Realitäten. Sich miteinander verbinden durch die Kunst. Musik und Kunst als Mittel zur Überwindung von Isolation, Lockdown und Einsamkeit. Paradoxerweise hat der Lockdown uns auch ein Geschenk gebracht: sehr viel Zeit. Das sei gar nicht so schlecht gewesen, findet Francy Alvarez: “Während des Lockdowns konnten wir uns Zeit nehmen, die wir sonst vielleicht nicht hatten, und daraus sind viele Kreationen entstanden. Das ist das Positive, was der Lockdown uns gebracht hat: viel freie Zeit.”

Auch das ist Neue Normalität: Kunst als Werkzeug des Widerstands

Um die Pandemie zu überstehen, sei es einfach notwendig gewesen, sich unter Nutzung der zur Verfügung stehenden Mittel beruflich und geistig neu zu erfinden, darin sind sich alle Befragten einig. Viele Dinge mussten von Grund auf erlernt werden, vom Streaming über die Videobearbeitung bis hin zum Erstellen von Plakaten. Die Devise: DIY, mach es selbst! Die Situation barg viele Herausforderungen, aber eben auch Gelegenheiten, zu wachsen und voranzukommen. Und auch das ist Neue Normalität: Kunst als Werkzeug des Widerstands. Oder wie Isa Deyabu es ausdrückt: Kunst als Waffe der Entfaltung und Revolution. “Das Schöne an der Kunst ist, dass sie uns menschlich macht. Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir uns erlauben müssen, so zu sein, wie wir sind. Ob wir nun gerade gut sind oder schlecht ‑  wir müssen uns erlauben, zu sein. Ich glaube, Kunst ist eine wunderbare Therapie, die wir lieben und respektieren müssen… Kunst als Waffe, mit der wir unseren Raum behaupten und die Gesellschaft revolutionieren.“

Hier gehts zum spanischen Audio-Beitrag vom Radio Matraca.

Und hier gehts zum deutschen Audio-Beitrag vom Radio Onda.

CC BY-SA 4.0 Bangemachen gilt nicht – Kunst in Zeiten von COVID-19 von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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