Almudena Grandes, Geschichtsschreiberin der Vergessenen

Foto: Fundación Cajasol via flickr
CC BY-NC-ND 2.0

(Madrid, 2. Dezember 2021, pressenza).- Am 27. November starb die spanische Schriftstellerin Almudena Grandes, eine der wichtigsten Erzählerinnen der spanischen Literatur. Die Schöpferin der Episodios de una guerra interminable (Episoden eines unendlichen Kriegs), einer historischen Aufarbeitung des Spanischen Bürgerkriegs und des Widerstand gegen Franco, wurde in zahlreichen Zeitungsartikeln und Nachrufen als „Geschichtsschreiberin der Vergessenen“ geehrt. An dem Literaturprojekt hatte die Autorin in den letzten zehn Jahren ihres Lebens gearbeitet. Ein besonderer Verdienst der Madrider Autorin besteht darin, dass sie den Frauen, die gemeinsam mit den Männern gekämpft haben, ihren rechtmäßigen Platz in der Geschichte zurückgeholt hat. In ihren Romanen schilderte Grandes den antifaschistischen Kampf, der nach der Niederlage der Republikaner noch mehrere Jahrzehnte andauerte, und insbesondere die Beteiligung der Frauen, ihre aktive Teilnahme an den Kriegskonflikten und die von ihnen geleistete Reproduktionsarbeit. Letztere, obgleich von immenser Bedeutung und fundamental für jede offene Konfrontation, wurde systematisch in die Bedeutungslosigkeit abgedrängt und als „Frauenarbeit“ entwertet.

Das kollektive Gedächtnis: historische und literarische Bedeutung der Episodios

Die unsterbliche Geschichte treibt seltsame Blüten, wenn sie sich mit der Liebe der sterblichen Körper kreuzt.“ So lautet die Botschaft des ersten Romans aus Grandes‘ Erzählzyklus. Wie eine Art Mantra dient sie als Erklärung für die scheinbar irrationalen Entscheidungen großer Persönlichkeiten der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die sich bis heute auf das Leben der Menschen auswirken, und verweist zugleich auf Grandes‘ Engagement für die Erinnerungsarbeit vor allem bezüglich der Frauen: Sie schufen und bewahrten die Grundlagen, die es überhaupt erst ermöglichten, Widerstand gegen das Franco-Regime zu leisten und das Weiterleben auch in den schwierigsten Situationen zu meistern. Grandes stellt Frauen und die Netzwerke ihrer Reproduktionsarbeit in den Mittelpunkt ihrer Romane und präsentiert uns damit eine Reihe von Fragen, die uns helfen, die Entwicklung des Krieges und seiner Folgen auf vielfältigere und umfassendere Weise zu verstehen. Indem sie auf die persönlichen Beziehungen fokussiert, gelingt es ihr, eine große Bandbreite unterschiedlicher Figuren lebendig werden zu lassen, die in der kollektiven Vorstellung von Krieg häufig nicht vorkommen: Menschen im Exil und im Nachkriegselend, LGTBIQ+-Personen, Waisen, die in von der Kirche kontrollierten Einrichtungen ausgebeutet wurden, Patienten in psychiatrischen Kliniken, unterschiedliche Verhältnisse in der Stadt und auf dem Land und vieles mehr. Dank der gewählten Perspektive wird die Darstellung des am Boden liegenden Landes nicht auf Leid und Armut reduziert. Auch die Netzwerke der Unterstützung, der Fürsorge und des Widerstands, die an den Rändern der franquistischen Gesellschaft entstanden, bekommen ihren Platz. So wird der traditionelle Mythos des Bürgerkrieges zugunsten einer realistischeren und gerechteren Sichtweise überwunden. Berücksichtigung finden auch die verschiedenen Faktoren, die zum Ausbruch des Krieges führten und für den Ausgang eine Rolle gespielt haben. In den Episodios de una guerra interminable erscheinen Krieg und Diktatur als historische Momente, in denen ökonomische und politische Fragen, Fragen der Geschlechtsidentität, der sexuellen Orientierung und Klassenfragen und vieles mehr nicht voneinander zu trennen sind.

Wiederbelebung der Erinnerungsbewegung

Über die Bedeutung ihres Erzählstils und den gesellschaftlichen Einfluss ihrer Romane hinaus liegt Grandes‘ großer Verdienst in der Bereicherung der spanischen Erinnerungsbewegung. Aus ihrem erzählerischen Werk spricht nicht nur ihr persönliches Engagement. Es ist gleichzeitig ein wichtiger Beitrag zum kollektiven Gedächtnis des Landes. Zur Erläuterung sei noch einmal kurz skizziert, was das Erscheinen einer Reihe wie der Episodios im Jahr 2010 bedeutete: Bereits zu Beginn der 2000er-Jahre setzte ein so genannter „Erinnerungsboom“ ein. Gleich einer kulturellen Explosion stieg das Interesse an der Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs sprunghaft an und führte zur Veröffentlichung einer Vielzahl von Romanen, Filmpremieren, Musikstücken, Theaterstücken usw. Im Jahr 2007 prophezeit der Schriftsteller Isaac Rosas mit seinem Werk ¡Otra maldita novela sobre la Guerra Civil! das Ende des „Erinnerungsbooms“. Die Konventionalisierung der Erzählung über den Krieg habe zu Erinnerungsmüdigkeit geführt. Mit der Verschärfung der weltweiten Wirtschaftskrise richtete sich die Aufmerksamkeit der Menschen um 2008 zurück auf die eigene Gegenwart mit ihren extremen Verwüstungen. Die Erinnerung an die Vergangenheit und ihre Wunden traten zurück in den Hintergrund. In diesem Spannungsfeld erschienen die Bücher von Almudena Grandes. Lange, komplexe Romane, die allen Opfern des Krieges und allen Menschen, die für das Ende des Franco-Regimes gekämpft haben, gewidmet sind. Die Episodios de una guerra interminable haben eine Literaturgattung wiederbelegt und zugleich deutlich gemacht, wie notwendig es ist, die Geschichten der Vergessenen und Marginalisierten zu erhalten. Grandes‘ Erzählungen haben die spanische Literatur nachhaltig beeinflusst. Ihr großer Erfolg hat deutlich gemacht, dass es noch viele Geschichten über den Krieg und den Widerstand zu erzählen gibt und die Geschichte der Frauen noch immer unvollständig aufgearbeitet ist.

CC BY-SA 4.0 Almudena Grandes, Geschichtsschreiberin der Vergessenen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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