Migration in der Pandemie

„Momente des Friedens auf einer traumatischen Reise“ / Foto: Pablo Allison

(Berlin, 21. April 2022, npla).- Von der Covid-19-Pandemie sind vor allem Menschen in prekären Lebensumständen betrofffen. So auch Migrant*innen und Geflüchtete: Für viele ist das Virus ein weiterer Grund, ihr Herkunftsland zu verlassen. In Mexiko, dem meistgenutzten Migrationskorridor der Welt, sitzen hingegen aufgrund der Pandemie Tausende Menschen seit zwei Jahren fest. Um mehr über die zentralamerikanische Migration Richtung Norden in Zeiten der Pandemie zu erfahren, hat Radio Matraca eine Ausstellung und eine Online-Veranstaltung organisiert. Hier haben wir einige Impressionen davon dokumentiert:

Berlin, Kottbusser Tor. In den quadratischen Fenstern des Kulturzentrums Aquarium sind große Fotografien zu sehen. Auf einem davon sieht man einen jungen Mann, der auf Bahngleisen sitzt. Sein Blick ist fest in die Ferne gerichtet. Auf einem anderen Foto ist eine Menschenmenge zu sehen, die voll beladen mit Rucksäcken, Plastiktüten und einem Kinderwagen auf einem Güterzug Platz nimmt. Auf einem weiteren Foto blicken Grenzpolizisten stoisch durch die Gitterstäbe eines riesigen Zaunes, über ihnen prangt ein Schild mit der Aufschrift „Willkommen in Mexiko“. Die Fotos sind Zeugnisse mehrerer Reisen des Künstlers und Fotografen Pablo Allison, der Menschen auf ihrem Weg aus mittelamerikanischen Ländern nach Mexiko und in die USA begleitet hat. Radio Matraca lud ihn gemeinsam mit der mexikanischen Soziologin Margarita Nuñez ein, bei einer Online-Veranstaltung ihr Wissen zu teilen.

Karte der Region. Mexiko ist „der meistgenutzte Migrationskorridor der Welt“ / Karte: WHAP Wiki

So berichtet Margarita Nuñez: „Mexiko gilt als der meistgenutzte Migrationskorridor der Welt, nicht nur für Menschen, die aus Mittelamerika kommen und Mexiko durchqueren, sondern auch für die mexikanische Bevölkerung selbst. Heute leben 11 Millionen Mexikaner*innen in den USA. Die Mehrzahl der Personen, die durch Mexiko reisen, sind Menschen aus dieser Region, die aus Honduras und El Salvador stammen. Seit längerem sehen wir mehr und mehr Leute aus Nicaragua, Haiti und Kuba und seit zwei Jahren auch sehr viele Menschen aus Kolumbien, Venezuela oder Ecuador, was sehr stark mit der Pandemie zusammenhängt.“

Diverse Formen der Gewalt als Gründe der Migrationen

Die Soziologin Nuñez aus Mexiko-Stadt hat mehr als zehn Jahre Erfahrung in der Begleitung von Migrant*innen in Mexiko. Ihr akademische Perspektive ergänzt der Fotograf Pablo Allison mit persönlichen Anekdoten. Durch die Präsentation seiner Fotos bringt er eine der vielfältigen Ursachen der Migration näher: die territoriale Kontrolle durch die Pandillas, wie die kriminellen Gangs Zentralamerikas genannt werden.

Pablos Fotos machen die Schicksale der Menschen auf dem Weg deutlich. Sie zeigen die schwierigen Umstände ihrer Entscheidung, ihr Land zu verlassen. Eines dieser Fotos zeigt einen salvadorianischen Jugendlichen mit einem Rucksack vor der Tür seines Hauses, während seine Mutter ihn umarmt und weint. Pablo Allison erklärt: „Dieser Junge wurde von der lokalen Pandilla in der Gegend, in der er lebte, belästigt. Sie wollten ihn rekrutieren, doch er weigerte sich und so versuchten sie, ihn zu töten, weil er nicht Teil dieser kriminellen Struktur sein wollte. Nach zwei Jahren beschloss seine Mutter, dass es das Beste für den Jungen sei, das Land zu verlassen“.

Keine passiven Opfer, sondern politische Akteur*innen

Pablo beschreibt, dass in den Ländern Zentralamerikas vor allem junge Menschen Opfer einer ständigen Stigmatisierung durch staatliche Stellen und repressive Gruppen wie der Polizei sind. Ein weiteres Foto vermittelt den Eindruck von Harmonie: Eine Gruppe von Teenagern steht an einem Fluss mit großen Steinen darin, einige von ihnen baden in der Sonne. „Dies ist eine Szene aus dem Jahr 2018, die zeigt, dass es auf einer so traumatischen Reise wie der Flucht aus der Heimat auch Momente des Friedens und des Glücks gibt (…). Dies war einer von ihnen“, beschreibt der Fotograf die Entstehung des Bildes.

Dazu ergänzt Margarita Nuñez: „Ich stimme Pablo zu, der sagte, dass die Menschen auf seinen Fotos häufig lächeln. Etwas, das auch ich in meiner Arbeit immer zu betonen versuche ist, dass die Menschen in diesen Situationen keine passiven Opfer sind – im Gegenteil: Sie sind politische Akteure und ihre Migrationsprozesse sind als Prozesse des Widerstands zu verstehen.“

„Migration ist eine Form des Widerstands“

Margarita Núñez betont, man solle „Migrationen als widerständige Prozesse“ begreifen / Foto: Pablo Allison

Angesichts der verschiedensten Bedrohungen, denen Menschen auf ihrem Weg nach Mexiko und an die Grenze der USA ausgesetzt sind, spricht Margarita Nuñez von „erzwungener Migration“ und erklärt ihr Verständnis der Migration „als eine Form des Widerstands“. Sie führt weiter aus: „Es ist wichtig, Migration aus diesem Blickwinkel zu betrachten. So können wir verstehen, dass der Umstand an sich, dass die Menschen ihre Länder verlassen müssen, eine Verletzung ihrer Menschenrechte darstellt. Und daher müssen wir uns für sie einsetzen und Gerechtigkeit und Wiedergutmachung fordern.“

Die Soziologin erklärt weiter, dass die Merkmale der Migration in Mexiko denen im Rest der Welt ähneln: Die Migration ist heute ein globales Phänomen und immer mehr Länder sind daran beteiligt sind, Migrant*innen auszuweisen, aufzunehmen oder durchreisen zu lassen. Diese Prozesse werden immer schneller und intensiver – und auch immer politischer. Gleichzeitig gibt es immer mehr Gründe zu migrieren: strukturelle Gewalt, geschlechtsspezifische Gewalt, häusliche Gewalt, Armut und seit einigen Jahren zunehmend auch der Klimawandel.

So meint Margarita Nuñez: „Das zeigt, dass die schlechten Lebensbedingungen in den Herkunftsländern bereits ganze Bevölkerungsgruppen vertreiben. Es ist einfach nicht mehr so, wie man noch vor ein paar Jahrzehnten dachte, dass nur junge Männer aufbrechen, um Arbeit zu finden. (…) Eine Sache, die sich geändert hat, ist die Art und Weise, wie Frauen heute migrieren. Früher wanderten sie aus Gründen der Familienzusammenführung aus, um ihren Ehemänner nachzureisen oder um ihre Kinder zusammenzubringen: Sie wanderten als Familie aus. Jetzt reisen Frauen immer häufiger allein oder mit ihren Kindern, da sie selbst das Familienoberhaupt sind und die Absicht haben, einen Arbeitsplatz zu finden.“

Unterwegs auf La Bestia – dem „Ungeheuer“

„La Bestia“ und ihre Passagiere / Foto: Pablo Allison

Pablo Allison berichtet von einem besonderen Phänomen der Migration in Mexiko: „La Bestia, das ist ein Zug, den die Migrant*innen selbst „das Ungeheuer“ genannt haben. Es handelt sich um einen Güterzug, der auf einer sehr langen Strecke zwischen Kanada und Südmexiko fährt.“ Aufgrund ihrer prekären Lage nutzten viele Migrant*innen aus mittelamerikanischen Ländern seit langem diesen Güterzug.

Vor zwei Jahren hat Pablo Allison ein Buch mit dem Titel „La luz de la Bestia“ veröffentlicht, in dem er diese oftmals gefährliche Art zu reisen fotografisch dokumentiert hat. Pablo erklärt, dass alle Routen durch Mexiko für Migrant*innen gefährlich sind, da die Drogenkartelle des Landes die Migrationsrouten kontrollierten. Er erläutert anhand eines weiteren Fotos: „Das ist ein Bild von der Spitze des Zuges. Wir waren etwa 600 Personen auf dem Zug, die an diesem Abend durch die Region Tierra Blanca im Bundesstaat Veracruz fuhren. Diese Region ist ebenfalls sehr stark vom Drogenhandel betroffen.“

„Wir sind weder Kriminelle noch Illegale – wir sind internationale Arbeiter“

Auf einem anderen Foto von Pablo ist ein Graffiti an der stark geschützten Mauer zwischen Mexiko und den USA zu sehen, auf dem zu lesen ist: „Wir sind weder Kriminelle noch Illegale – wir sind internationale Arbeiter“.

Margarita Nuñez spricht immer wieder von Mexiko als „Pufferland“ und verweist auf die Tatsache, dass die US-Grenze seit vielen Jahren nach außen verlagert wurde. Dies habe mit der Schaffung des nationalen Migrationsinstituts im Jahr 1993 begonnen, als Teil der Verhandlungen über das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA. Im Jahr 2019 dann setzte Donald Trump die Migrant Protection Protocols, kurz MPPs um, die gemeinhin als Programm „Quédate en México“ („Bleib in Mexiko“) bekannt sind. Die Soziologin Nuñez erläutert: „Das bedeutet, dass jede Person, die über die Grenze von Mexiko in die USA einreist und dort einen Asylantrag stellen möchte, ihr Verfahren vor einem Asylgericht in den USA beginnt. Aber während dieses gesamten Verfahrens, das ein halbes Jahr und seit 2019 bis zu zwei Jahre dauern kann, müssen die Leute in Mexiko bleiben.“

Illegalisierung von Menschen aus „Gründen der öffentlichen Gesundheit“

US-Ex-Präsident Trump hatte darüber hinaus die Militarisierung der Grenze zu Mexiko vorangetrieben, indem er die Nationalgarde der Vereinigten Staaten auf mexikanischem Gebiet stationierte. Margarita zufolge reguliert und kontrolliert diese Militärpolizei seither die Migration unter dem Vorwand der Verfolgung des Drogenhandels. Mit dem Ausbruch der Pandemie im März 2020 wurde eine weitere politische Leitlinie umgesetzt, die als „Titulo 42“ bezeichnet wird und „Gründe der öffentlichen Gesundheit“ betrifft.

Margarita Nuñez erklärt, dass dieses US-Gesetz über die öffentliche Gesundheit im Zusammenhang mit der Pandemie seither die Grenzen für „nicht essentielle“ Grenzübertritte von Menschen schließt. „Heute sind die „nicht essentiellen“ Übertritte an der Grenze zwischen den USA und Mexiko nur die Asylanträge. Es gibt Tourismus, es gibt natürlich Handelsübergänge, aber von den Asylbewerber*innen kann niemand formell die Grenze überschreiten. Und das sagt uns, dass (…) in Wirklichkeit die Bevölkerung illegalisiert wird“.

Angesichts der Bedrohungen in den Transitländern durch die zunehmende Militarisierung der Grenzen, den Gefahren des organisierten Verbrechens innerhalb Mexikos und seit zwei Jahren auch noch durch die Einschränkungen der Covid-19-Pandemie, sitzen sehr viele Menschen in Mexiko fest. Als politische und soziale Antwort auf diese komplizierte Situation bilden die Migrant*innen gemeinsam große Karawanen, in denen sie sich gegenseitig schützen, vernetzen und sich als Gruppe bewegen.

Die Pandemie machte migrierende Personen „unbeweglich“

Ausstellung mit Fotos von Pablo Allison am Kottbusser Tor in Berlin, Kulturzentrum Aquarium / Foto: NPLA

Margarita Nuñez arbeitet an einem internationalen Universitätsprojekt namens „Inmovilidad en América“. Wissenschaftler*innen, die durch die Pandemie nicht mehr in der Lage sind, Feldforschungsdaten zu erheben, versuchen dabei, in den Medien Informationen über die Migration zu sammeln.

Nuñez fasst zusammen: „Wegen der Pandemie sind die Grenzen geschlossen, die Büros sind zu. Die Haftanstalten werden ebenfalls zu Orten, an denen aufgrund der Überbelegung ein hohes Risiko besteht, Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit nehmen zu. All die Dinge, über die ich schon gesprochen habe, haben sich mit der Pandemie verstärkt und sind viel gewalttätiger geworden. Einerseits verstärken sich all die Maßnahmen des Ausschlusses und der Diskriminierung, andererseits werden aber auch alle Faktoren, die die Menschen zur Migration bewegen, verstärkt. Die Armut nimmt zu, der Mangel an Arbeitsplätzen nimmt zu, die Gewalt nimmt zu, und so werden die Migrant*innen zu unverzichtbaren Menschen, denn sie sind diejenigen, die die Arbeiten ausführen müssen, die die Wirtschaft des gesamten Planeten aufrechterhalten und ankurbeln: Landwirtschaft, Dienstleistungen usw.. Aber sie werden auch zu einer Art Wegwerf-Bevölkerung, deren Leben nicht wirklich wichtig ist.“

„Unmöglich, Prozesse zu stoppen, die so mächtig sind wie die Migration“

Am Ende der Online-Veranstaltung von Radio Matraca betonen die Referent*innen Pablo Allison und Margarita Nuñez nochmal, wie wichtig es ist, Migration als Akt des Widerstands zu verstehen, sei es in Mexiko oder dem Rest der Welt. Es handele sich schließlich um einen globalen Prozess, der heute überall spürbar ist. Zum Ende bleiben Margaritas Worte aus Mexiko stehen, die auch in Deutschland, wo gerade erneut viele Geflüchtete auf der Suche nach einem Leben in Frieden und Würde ankommen, ungemein wichtig sind: „Überall sehen wir zunehmende Spannungen zwischen mehr Migration und mehr Beschränkungen, aber in Wirklichkeit wird die Migration nie aufhören. Wir müssen Menschlichkeit als das begreifen, was sie ist: als die Stärke all dessen, was in menschlicher, kultureller und politischer Hinsicht auf dem Weg von Menschen aufgebaut wurde. Nur wenn wir das hervorheben und stärken, können wir als Menschheit in der Lage sein, uns zu bewegen, um wirklich bessere Menschen zu werden. Wir können nicht weiter ausschließen oder versuchen, Prozesse aufzuhalten, die so mächtig und so groß sind wie die Migration.“

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CC BY-SA 4.0 Migration in der Pandemie von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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