Im Sarg kehrten sie zurück

Foto: Embajada de México/Prensa Comunitaria

(Guatemala-Stadt, 3. Januar 2022, desinformémonos/prensa comunitaria).- Nachts konnte er nicht schlafen, die Angst schnürte ihm die Brust zu. Er hatte keine Arbeit, in seiner Gemeinde Patzité gab es kein freies Grundstück zum Bearbeiten mehr und die wenigen Unternehmen in der Gegend stellten niemanden ein. „Wie soll ich meinen Sohn ernähren?“ Diese Frage machte ihn fertig, sie war wie ein riesiger Felsblock auf seinem Körper. Also verließ er Guatemala. Am 30. Dezember 2021 kehrte seine Leiche in einem Sarg nach Patzité zurück.

Der 24-Jährige Marcos Tiu Ixcoy hatte beschlossen, in die USA auszuwandern, um eine Arbeit zu suchen, mit der er seine Familie ernähren könnte. Denn in Patzité im guatemaltekischen Department Quiché gibt es keine Jobs für junge Indigene mit ihren Bedürfnissen und Verpflichtungen. Deshalb machte sich Marcos auf den Weg und landete schließlich in einem Sattelschlepper, der im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas umstürzte. Bei diesem schweren Unfall am 9. Dezember verloren 37 Migrant*innen aus Guatemala ihr Leben.

Ein anderer Marcos teilt genau dasselbe Schicksal: Der 19-Jährige Marcos Orlando Quiná aus einer Gemeinde in San Juan Comalapa gehörte zur selben Gruppe von Migrant*innen und starb gemeinsam mit Marcos Tiu bei dem Unfall. Aus demselben Department kam auch Baldomero Sis Cun, aber im Gegensatz zu den beiden Marcos überlebte Baldomero das Unglück.

Die Menschen fliehen vor Perspektivlosigkeit und Gewalt

Bei dem Unfall in Chiapas starben Guatemaltek*innen aus den Departments Chimaltenango, Quiché, Quetzaltenango, Escuintla, Izabal und San Marcos. Im ganzen Land entscheiden sich junge Menschen, aus wirtschaftlichen Gründen und vor der Gewalt zu fliehen. Doch die Behörden scheinen kein Interesse an der Bewältigung dieses sozialen Problems zu haben.

Die US-Regierung von Joe Biden hatte versprochen, eine andere Migrationspolitik einzuführen und einige inhumane Gesetze der Trump-Administration außer Kraft zu setzen. Doch nichts davon ist geschehen; die Abschiebungen von Migrant*innen gehen weiter wie zuvor. Der einzige Unterschied ist, dass die Familien jetzt nicht mehr auseinander gerissen werden und die Kinder bei ihren Familien bleiben.

Laut Zahlen der Internationalen Organisation für Migration IOM wurden 58.462 Migrant*innen von Januar bis November 2021 zurück nach Guatemala deportiert. Grund ist die Migrationspolitik der USA, die eine sofortige Abschiebung vorsieht. Das guatemaltekische Department mit den meisten unfreiwillig zurückgekehrten Migrant*innen ist San Marcos.

Große Anteilnahme

Lange Fahrzeugkarawanen begleiten die Särge, in denen die jungen Menschen in ihre Heimatdörfer zurückkehren. Die Kinder, die Söhne und Töchter der Migrant*innen verstehen noch nicht so ganz die Szenen des Schmerzes, aber sie sehen den Kummer in den Gesichtern ihrer Mütter, die sich nun allein durchs Leben schlagen müssen.

Die Angehörigen und Witwen der Migrant*innen haben die Behörden um Hilfe gebeten, da sich ihre ökonomische Situation verschlechtert hat. Doch bislang hat noch keine staatliche oder lokale Behörde auf die Bitten der Witwen reagiert.

Noch konnten nicht alle Verstorbenen nach Guatemala zurückkehren. Nach einem langwierigen bürokratischen Prozess werden die Leichen per Flugzeug nach Guatemala überführt und von dort auf der Straße in ihre Gemeinden gebracht. Nach einem Geleit von Fahrzeugkarawanen werden die Migrant*innen der Erde zurückgegeben, auf der sie geboren wurden. Währenddessen macht sich ein weiterer junger Guatemalteke, eine weitere junge Guatemaltekin auf die Reise Richtung Norden, auf der Suche nach Arbeit, um die Träume ihrer Kinder zu erfüllen.

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