Auf der Flucht nach Rio

„In Brasilien, da spielt man Fußball“

Mireille ist auf dem Weg zum Sprachkurs. Die junge Frau aus dem Kongo ist spät dran, doch für einen Blick auf Rios berühmtes Maracana-Stadion ist immer Zeit. „In Brasilien, da spielt man Fußball“ – genau das sei ihr durch den Kopf gegangen, als sie vor sieben Monaten aus dem Flugzeug stieg, „denn ich wusste nichts von Brasilien, außer, dass gerade die Weltmeisterschaft vorbei war“, sagt sie lachend. Sie erwartete ein mehrsprachiges Land, so wie es im postkolonialen Afrika viele gibt. Stattdessen sprachen alle nur Portugiesisch und sie und ihre Schwester kein Wort davon, als sie ankamen.

Mireille musste aus Kongo fliehen / Foto: Caritas Rio de JaneiroSo geht es den meisten Flüchtlingen hier. Sind sie auf Übersetzer*innen angewiesen, um zu erzählen, warum sie in Brasilien um Asyl bitten. So wie Samir, der vor dem Wehrdienst in Syrien geflohen ist. So wie Carmen, die mit ihrem Mann und vier Kindern dem paramilitärischem Terror im ländlichen Kolumbien entkam.

Und so wie Mireille, die im Kongo nicht mehr sicher ist, seit sie und ihre Schwester sich mit einem Vorgesetzten anlegten. „Es ist zu gefährlich zurück zu gehen, denn wir haben die staatliche Misswirtschaft denunziert“, sagt sie und lässt ihre Handflächen auf den Tisch klatschen. „In der Folge wurde meine Tante vergewaltigt, es gab Morddrohungen. Es ging nicht mehr, wir mussten weg.“

Öffnet Brasilien seine Tore für Flüchtlinge aus aller Welt?

Brasilien habe seit dem Jahr 2013 seine Tore für Flüchtlinge aus aller Welt geöffnete, schrieb die britische Tageszeitung The Guardian unlängst euphorisch. Tatsächlich hat sich die Zahl der bewilligten Asylanträge in den beiden letzten Jahren verdreifacht. Allein aus Syrien wurden fast 2.000 Menschen aufgenommen. Die absoluten Zahlen hingegen relativieren diese liberale Flüchtlingspolitik ein wenig. Denn aktuell leben nur etwa 8.000 Flüchtlinge in Brasilien – viele europäische Großstädte beherbergen mehr Asylsuchende.

Dennoch will der Migrationsforscher Mohammed el Hajji von der Staatlichen Universität Rio de Janeiro (UFRJ) eine positive politische Konjunktur nicht bestreiten: „Die Regierung hat die Auslandsvertretungen veranlasst, vor allem die Einreise von Syrern und Syrerinnen zu erleichtern“ lobt er. Problematisch sei dagegen, dass nur jene Flüchtlinge „hier ankommen, denen es gelungen ist, sich aus Syrien in ein anderes Land, meistens Jordanien oder Libanon zu retten.“ Und von denen schaffen es nur jene nach Brasilien, die auf der Botschaft Papiere, ein Bankkonto und Geld für einen Flug vorweisen können.

Samir ist eine*r von denen, die es geschafft haben. Nun plagt er sich seit zwei Monaten im Sprachkurs der Hilfsorganisation Caritas mit portugiesischen Nasallauten. Doch anders als Mireille ist er nicht so recht überzeugt, dass sich die Mühe lohnt und träumt immer noch davon, seinem Onkel nach Deutschland zu folgen. Rio de Janeiro sei eine sehr schöne Stadt, aber er drücke sich ein bisschen davor Portugiesisch zu lernen: „Es ist eine nutzlose Sprache, denn in diesem Land gibt es keine vernünftige Arbeit für mich“ sagt Samir genervt und rechnet vor: „Ich kenne keinen Flüchtling, der in Rio bisher mehr als 1.000 Reales im Monat verdient hätte. Das ist die Hälfte meiner Miete.“

Freiheit, Gleichheit und Bürokratie

Aline Thuller, Koordinatorin des Flüchtlingsprogamms der Caritas in Rio de Janeiro, kennt dieses Problem. Zwar bekommen Flüchtlinge im Gegensatz zu Deutschland dort automatisch eine Arbeitsgenehmigung. Doch auch gut Ausgebildete verdienten selten mehr als den Mindestlohn von 250 Euro im Monat. Und bei sozialstaatlichen Ansprüchen herrsche in Brasilien für alle das Motto: Freiheit, Gleichheit, Bürokratie. „Im Allgemeinen können Flüchtling die gleichen staatlichen Leistungen einfordern wie Brasilianer. Sie haben Zugang zu kostenloser Gesundheitsversorgung, zu Bildung, Sozialprogrammen, zum Arbeitsmarkt“, sagt Thuller.

Aline Thuller von der Caritas Rio de Janeiro / Foto: Caritas Rio de JaneiroDoch es gäbe auch viele Defizite, lange Wartezeiten in öffentlichen Krankenhäusern oder bei der Bearbeitung von Anträgen. „Wir haben ganz gute Gesetze, aber es hapert an der Umsetzung“, resümiert Thuller, bevor sie den nächsten Flüchtling in die Sprechzeit ruft.

Migrationsforscher el Hajji beschäftigen derweil ganz andere Sorgen. Der Ton im Parlament sei seit den Präsidentschaftswahlen im vergangenen Jahr konservativer geworden. Gibt es für die lang geplante Reform des Migrations- und Flüchtlingsrechts derzeit eine Mehrheit? El Hajji hat Zweifel und das, obwohl erst im März eine parlamentarische Gruppe für Flüchtlinge und Humanitäre Hilfe gegründet wurde: „Um es ganz klar zu sagen: dieses parlamentarische Bündnis ist religiöser Natur“ kritisiert er, denn „es wird aufgebaut, um vor allem Christen aus dem Nahen Osten die Einreise nach Brasilien zu erleichtern.

Zweifellos bilden sie eine Gruppe, die auf extreme Weise verfolgt wird. Aber wäre es nicht viel interessanter, ein solche Initiative innerhalb einer republikanischen und laizistischen Perspektive zu entwickeln?“ Der humanistische Blick, der blind für Rasse, Geschlecht, Glauben oder philosophische Ansichten sei, beginne der brasilianischen Flüchtlingspolitik abhanden zu kommen.

Leben zwischen Stigma und Solidarität

Auch die öffentliche Meinung in Brasilien zum Thema Flucht und Migration ist nicht gefestigt. Bolivianische Einwanderer werden schikaniert. Während der Ebola-Epidemie im Jahr 2014 wurden afrikanische Flüchtlinge wiederholt Opfer von Übergriffen. Dem gegenüber stehen die Schilderungen vieler Flüchtlinge, die persönlich gute Erfahrungen gemacht haben, so wie Mireille aus dem Kongo. „Die brasilianische Bevölkerung schubst uns nicht herum, sie begrüßen einen nett“, meint sie und berichtet, von anderen Menschen, die wissen, wie die Dinge in ihrer Heimat stehen, oft Hilfe erfahren zu haben, einfach so: „Diesen Menschen erzähle ich dann von meinem Land, was man machen muss um das Übel dort zu beenden.“

Doch ein Ende des Übels ist derzeit nicht in Sicht. Samir und Mireille stellen sich darauf ein, so schnell nicht in ihre Heimatländer zurück zu können. Ob sie hier bleiben wollen? Samir tut sich schwer mit einer Antwort, er will erst mal sehen, ob er irgendwo eine Ausbildung als Journalist machen kann. Mireille, die seit kurzem als freie Übersetzerin arbeitet, hat sich dagegen schon entschieden: „Das Regime in meinem Land hat sich nicht geändert. Ich würde mein Leben aufs Spiel setzen, wenn ich zurückginge. Meine Entscheidung ist gefallen: Ich will mich hier einleben. Ich will hier wieder aufleben.“

onda

Den Audiobeitrag zu diesem Artikel findet ihr hier

 

 

Weitere Informationen zum Thema:

Podcast +1café zum Thema Migration in Brasilien und Deutschland http://bit.ly/1bb3nxn

CC BY-SA 4.0 Auf der Flucht nach Rio von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Das könnte dich auch interessieren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Webseite möchte Cookies für ein optimales Surferlebnis und zur anonymisierten statistischen Auswertung benutzen. Eine eingeschränkte Nutzung der Webseite ist auch ohne Cookies möglich. Siehe auch unsere Datenschutzerklärung.

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen