Plan B: Kinderschänder bleiben straffrei

Von Lydia Cacho

Kinderschänder sind häufig Bekannte: Väter, Lehrer, Priester.
Foto: Cimac/Efren SL

(Mexiko-Stadt, 7. März 2016, cimacnoticias).- Der Vater einer 13-Jährigen entschied, dass niemand seine Tochter entjungfern dürfe – niemand außer ihm. Freund*innen und Bekannte hätten niemals vermutet, dass er, der angesehene Architekt, ein Kinderschänder sein könnte. In Puebla vergriff sich ein katholischer Priester regelmäßig an einem der Messdiener. Für den Jungen, der bereits im Kinderheim gewalttätige Übergriffe erlebt hatte, war das Recht auf Schutz in einer von Erwachsenen dominierten Welt bis dahin ein Fremdwort. Eine Kirchgängerin wurde schließlich Zeugin der Übergriffe und beschloss, das eingeschüchterte Kind zu retten.

Ein Mann missbrauchte die unter seine Obhut gestellte Enkelin. Bei seiner Entdeckung erklärte der Mann, die Fünfjährige habe ihn mit ihrer Schönheit und ihrer Liebesbedürftigkeit verführt. Ein Zwölfjähriger zeigte seinen Karatelehrer an, nachdem dieser ihn ein Jahr lang gezwungen hatte, sexuelle Handlungen an ihm auszuüben mit dem Argument, nur so werde er „ein richtiger kleiner Mann“.

Nur ein Sechstel der Übergriffe von Priestern wird angezeigt

Neuesten Meldungen des Heiligen Stuhls zufolge gesteht der Vatikan mittlerweile ein, dass in einem Zeitraum von zehn Jahren 6.000 Anzeigen wegen sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen gegen katholische Priester gestellt wurden. Nach Aussagen internationaler Expert*innen wird nur etwa ein Sechstel der Übergriffe gegen Kinder und Jugendliche zur Anzeige gebracht.

Das New Yorker National Center for Victims of Crime NCVC (Staatliches Zentrum für Gewaltopfer) schätzt, dass etwa 20 Prozent aller Mädchen und fünf Prozent der Jungen vor ihrem 18. Lebensjahr sexuelle Gewalt erleben. Das kritischste Alter liegt zwischen sieben und 13 Jahren. In dieser Zeit entdecken Kinder ihre eigenen körperlichen Bedürfnisse und fühlen sich daher oft mitschuldig an den Übergriffen. Die Einschüchterung durch die Täter verläuft überall auf der Welt nach demselben Muster: Kinder werden bedroht, zum Schweigen gebracht und soweit manipuliert, dass sie glauben, den Übergriff provoziert zu haben und somit selbst an allem schuld zu sein.

Fast alle Kinder werden von Verwandten oder Bekannten missbraucht

93 Prozent der Kinder und Jugendlichen werden von Personen missbraucht, die sie kennen: Es ist der Vater, Bruder, Opa oder Onkel, der Hausarzt, Hausmeister, Lehrer, Priester oder Trainer, der Stadtrat oder der Bürgermeister. Um die Kinder und Jugendlichen mundtot zu machen, nutzen die Täter die ihnen zu Gebote stehende moralische, emotionale, wirtschaftliche und physische Macht. Gleichzeitig werden immer mehr Kinderschutzorganisationen gegründet; immer mehr an Kinder und Jugendliche gerichtete Kampagnen informieren über Kinderrechte, Schutzräume und Hilfsangebote.

Dennoch fehlt es weiterhin an öffentlichem Druck, an politischer Stellungnahme und vor allem an einer effektiven strafrechtlichen Verfolgung. Zu sehr fürchtet man in unserer Kultur die Konfrontation mit den Machthaber*innen und tendiert dann doch lieber dazu, aus Gewaltopfern Mitschuldige zu machen. Die herrschende Neigung zu Bagatellisierung und Tabuisierung sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche wird bisher nicht mit der gebotenen Entschlossenheit bekämpft.

Namen und Taten müssen benannt werden

Um das zu erreichen, müssten erst einige Namen und Tatsachen deutlich benannt werden: Es muss daran erinnert werden, dass es nach dem Auffliegen eines mexikanischen Kinderhandels-Rings nur einen einzigen Verhafteten gab: den wohlhabenden Geschäftsmann Jean Succar Kuri. Die führenden Politiker Emilio Gamboa Patrón und Miguel Ángel Yunes hatten wesentlichen Anteil an der Verschleierung der näheren Umstände.

Es muss daran erinnert werden, dass der Mexikaner Carlos Slim, einer der reichsten Männer der Welt, einen wesentlichen Beitrag zur Finanzierung der Legionäre Christi leistet. Die strafrechtliche Verfolgung der des sexuellen Missbrauchs schuldigen Sektenmitglieder war ihm keinen Peso wert, noch hat er je Stellung gegen die Übergriffe und Verschleierungstaktiken der Legionäre Stellung bezogen.

Es muss daran erinnert werden, dass die Partei PRI wie andere Parteien an Pädophilen und ihren Helfershelfer*innen festhält, die eigentlich im Gefängnis sitzen müssten, wie zum Beispiel Mario Martín.

Es muss daran erinnert werden, dass der Papst als Repräsentant des Vatikanstaats eher auf eine religiös fundierte Entschuldigung statt auf strafrechtliche Verfolgung setzt.

Es muss daran erinnert werden, dass Enrique Peña Nieto zwar ein Gesetz zum Schutz von Kindern erließ, aber der Streichung der Subventionen für Schutz- und Betreuungseinrichtungen für die Opfer von sexuellem Missbrauch zustimmte.

Es muss daran erinnert werden, dass diejenigen, die den Skandal um das “Mamá Rosa”-Kinderheim in Michoacán losgetreten hatten, nun zu der Wiedereröffnung des Heims schweigen und dazu, dass auch die misshandelten Kinder wieder dorthin verbracht werden.

Lange Liste von Mächtigen, die sich mitschuldig machen

Die Liste ist beliebig verlängerbar. Wenn jede*r nur einen Namen einer mächtigen Person nennen würde, die ihre Macht missbraucht, um Kriminelle zu schützen, dann hätten wir eine sehr sehr lange Liste.

Das Entscheidende ist: Inzest und sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen basieren auf Machtgefälle und Verschleierungstaktiken. Diese Verbrechen existieren aber vor allem deshalb weiter, weil die Mächtigen, die in der Lage wären, etwas daran zu ändern, ihren Einfluss nutzen, um die Straftaten geheim zu halten, totzuschweigen, zu ignorieren oder die Schwere der Verbrechen herunterzuspielen.

*Plan B ist eine Kolumne, die mit ihrem Namen die Überzeugung ausdrücken möchte, dass es immer eine andere Sicht der Dinge gibt. Plan B bietet Raum für Themen, die im traditionellen Diskurs (das heißt: im „Plan A“) nicht berücksichtigt werden.

 

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