Zuerst mächtige Frauen des Regenbogens, dann Feministinnen

(Rosario – Sta. Fe,21. November 2019, agenciadenoticias).-

Indigene Frauen verteidigen den Kampf des bolivianischen Volkes gegen den Staatsstreich und beziehen Stellung zum Beitrag der feministischen Anthropologin Rita Segato.

Foto: Conclusión

Wir, die Warmis, Zomo, Frauen aus dem Süden, Frauen aus den Gebieten unserer Vorfahren, grüßen unseren Präsidenten Evo Morales Ayma, den aufgrund der Volksabstimmung weiterhin rechtmäßigen Präsidenten des Plurinationalen Staats Bolivien.
Wir nehmen zur Kenntnis, dass Rita Segatos Positionen in (weißen?) feministischen Zusammenhängen Gehör finden, zu denen wir uns nicht zugehörig fühlen. Daher möchten  wir unser tief empfundenes Nichteinverständnis mit Ihrer Haltung zum neoliberalistisch motivierten Putsch in Bolivien zum Ausdruck bringen.

Evo zum Oberpatriarchen zu stilisieren ist zu platt

In Ihrer Stellungnahme sagen Sie: „Um ein anderes Führungskonzept zu schaffen, das sich deutlich vom Regiment der Kaziken abhebt, müssen wir eine ganz neue Werterhetorik entwickeln.“ Das ist sehr schön formuliert. Unsere Frage: Haben Sie das Regiment der Kaziken am eigenen Leib erfahren? Wir haben die Folgen der Conquista erlebt, wir kennen den bitteren Geschmack der Eroberung. Unsere Männer haben von kolonialen Machos gelernt und sich die schlechtesten Details ihres Sexismus zu Eigen gemacht. Wir haben nicht nur Rhetorik entwickelt, sondern  Widerstand und Wiederaufbau an uns selbst geleistet gegen die sexistische Herrschaft in unseren Nationen, die schon vorher bestanden hatten, und an jedem einzelnen Ort, der uns nach den Beutezügen zuwiesen wurde. Aber Evo zum Oberpatriarchen zu stilisieren ist einfach zu platt.
Auch wir sind nicht glücklich über Evos Äußerungen wie der mit der 15jährigen Geliebten, denn wir alle, Männer und Frauen, haben selbst erfahren, wie sich die Verdinglichung unserer Körper anfühlt: unserer physischen Körper, unserer anzestralen Körper, unserer geistigen und unserer emotionalen Körper. Trotzdem: Was in Bolivien passiert ist, war ein Staatsstreich.

Intellektuelles Geschwurbel

Die Situation in Bolivien zu analysieren ist viel einfacher, als Sie denken. Sie verschleiern die Fakten mit Ihrem intellektuellen Geschwurbel. Wer hat den Staatsstreich veranlasst und warum? Das sind zwei Fragen, die uns helfen, unsere Gedanken und Gefühle zu ordnen. Sie werden zugeben: Genutzt hat der Staatsstreich weder den Indios in Chiquitanía noch den bolivianischen Feministinnen, noch den „weiten Teilen der Bevölkerung”, die nach Ihren Worten den Glauben an die Regierung Morales verloren haben.
Donald Trump und sein hegemonialer Apparat wollen Lateinamerika mit dem messianischen Arm der Evangelisten zurückgewinnen. Dabei bedienen sie sich der Unterstützung der Medien, die ihre Lügen verbreiten, und der Hilfe von Polizisten und Militärs: Mit ihrem schmutzigen Geld haben sie es geschafft, die Seelen unserer Leute zu verwirren. Jeden Tag kommen neue Details ans Licht, die belegen, wie der Staatsstreich vorbereitet wurde.

Ihre Worte schmerzen

Ihre Stimme ist nicht irgendeine sondern die der Avantgarde der intellektuellen und feministischen Zusammenhänge in Argentinien. Deshalb, Rita, ist es für uns bitter, anderer Meinung zu sein, und deshalb müssen wir auch in aller Öffentlichkeit widersprechen.
Wir haben uns eine politische Ethik erarbeitet, die besagt, dass wir nicht schweigen, uns nicht lautlos aus den Bereichen der Privilegien weißer Frauen zurückziehen werden. Wir Frauen aus den südlichen Teilen der Welt, die in der Subalternität verortet sind, die „Anderen”, was gleichbedeutend ist mit „minderwertig”, möchten Ihnen sagen, dass Ihre Worte schmerzen. Uns in unseren Gefühlen und Gedanken nicht mehr auf Sie beziehen zu können, hinterlässt in uns eine große Leere.
Uns fällt nichts ein, was die Rolle der Frauen in diesem Staatstreich in irgendeiner Weise romantisieren könnte. Das war keine städtische, keine feministische oder indigene, ja nicht einmal eine demokratische Erhebung.

Das plurinationale Bolivien – eine einmalige Errungenschaft

Das Gefährliche an den so genannten „nicht-binären” Diskursen, wie Sie es nennen, ist, dass so getan wird, als gebe es zwei gleichwertige, dabei gegensätzliche Positionen. Für eine Indígena, deren Alltag von Sexismus und Gewalt geprägt ist, macht es einen Unterschied, wenn die staatliche Gesundheitsversorgung die Medizin der Vorfahren respektiert, oder wenn sie auf Ärzte angewiesen ist, die die Gesetze nicht respektieren und ihr mit Verachtung begegnen. Das steht hinter dem Begriff „Plurinationales Bolivien”. Wir müssen nicht weiter erklären, wieso wirtschaftliche Umverteilung andere Voraussetzungen für den Kampf um Frauenbefreiung schafft. Das ist bisher keiner entpolitisierten oder neutralen indigenen Gruppe in Lateinamerika gelungen. Das war allein das Verdienst des Neokonstitutionalismus, den Evo mit der Umwandlung des Kolonialstaats in einen plurinationalen Staat eingeführt hat.

Wir sind nicht objektiv, und wir wollen es auch nicht sein

Uns beunruhigt, dass Ihre Argumentation für eine neue Rhetorik eine schöne Verpackung, ein Euphemismus für den rassistischen Diskurs ist, der in den Bereichen vorherrscht, in denen man Ihnen zuhört. Auf einmal gibt es viele, die „nicht hautnah erleben”, wie sich eine Indígena fühlt, die statt von einem Staatsstreich von einem vorhersehbaren Verhängnis sprechen und  Evo zum Oberpatriarchen stilisieren. Das ist schon ganz schön prall, oder?
Die Asymmetrie der “objektiven” oder nichtobjektiven Gedankengänge passt zur Kolonie, und deshalb benennen wir sie. Was hier passiert, erleben wir hautnah und mit unseren Körpern. Wir sind nicht objektiv, und wir wollen es auch nicht sein.
Hier bei uns ist es das Herz, das die Gedanken ordnet. So war es schon immer, und so wird es auch bleiben. Ihre Behauptung: „Evo hat seinen Sturz selbst verschuldet“, und zwar durch Betrug, weisen wir zurück. Haben über 45% der Stimmen etwa kein Gewicht? Das Verfassungsrecht zu missachten wiegt mehr, als ein demokratisches Regime zu erhalten? Die Kugeln, mit denen unsere Brüder getötet werden, haben Sie die auch gewogen?
Was für uns am meisten Gewicht hat, ist die Ermordung unserer Leute.
Wir sprechen unsere eigenen Sprachen. Nun schreiben wir in der Sprache der Eroberer, damit Sie uns verstehen. Wenn Sie wollen, sagen wir es auf Mapuzungun, Chané, Chorote, Wichí, Pilagá, Guaraní, Quechua, Aymara, Qom und Moco, und wir sagen es Ihnen in unseren Träumen.

In erster Linie mächtige Frauen des Regenbogens, in zweiter Linie Feministinnen, begleitet von unseren Männern, auch sie Feministen und Gefährten im Kampf für das Gute.
#EvoEnVosVenceremos
#EvoNoEstaSolo

JALLALA- MARICHIWEW
PLURINATIONALE PROZESSE IN LATEINAMERIKA

Quelle: Conclusión

Übersetzung; Lui Lüdicke

CC BY-SA 4.0 Zuerst mächtige Frauen des Regenbogens, dann Feministinnen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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