ILO: „Die Pandemie wirft uns um 10 Jahre zurück“

Wahrscheinlich geht’s hochwertiger: Näherinnen in einer Textilfabrik in Bogotá
Foto: Jilgam659
CC BY-SA 3.0

(Mexiko-Stadt, 6. März 2021, desinformémonos).-Seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie haben etwa 13 Millionen Frauen in Lateinamerika und der Karibik ihre Arbeitsplätze verloren und erhebliche Beschränkungen ihrer beruflichen Perspektive erlebt. Nach Aussage der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) haben sich die geschlechtsspezifischen Unterschiede auf den Arbeitsmärkten der Region deutlich verschärft. In Mexiko sind etwa 15% weniger Frauen als Männer im formellen Arbeitssektor tätig, Unternehmen mit mehr als sechs Mitarbeiter*innen werden zu 75% von Männern geleitet. Die pandemiebedingte Arbeitsplatzvernichtung betraf insbesondere die informellen Beschäftigungsverhältnisse und den Dienstleistungssektor, wo fast 50% der weiblichen Arbeitskräfte beschäftigt sind. Besonders signifikant war der Beschäftigungsrückgang 2020 im Hotelgewerbe (-17,6%) und im Handel (-12%). Aktuellen Erhebungen zufolge erlebte die Beschäftigungsquote von Frauen einen historischen Rückgang von 5,4 Prozentpunkten und beträgt derzeit 46,4%. In den Jahren zuvor war der Anteil erwerbstätiger Frauen konstant gestiegen. Insgesamt sind derzeit etwa 25 Millionen Frauen arbeitslos.

Schnarch: Das Thema Dreifachbelastung (Job, Haushalt, Carearbeit) ist nach wie vor aktuell

Zahlreiche Frauen sind vom Verlust ihrer Erwerbsmöglichkeit betroffen, andere müssen sich mit der Verlagerung ihrer Arbeit in die eigenen vier Wände arrangieren. Frauen leisten außerdem den Löwinnenanteil der unbezahlten Betreuungsarbeit. Dazu Pedro Furtado de Oliveira, Direktor des IlO-Länderbüros für Mexiko und Kuba: „Der abrupte Anstieg der Telearbeit als Folge der Pandemie betrifft Frauen unverhältnismäßig stark. Zwei Drittel der in Heimarbeit bewerkstelligten Tätigkeiten werden von Frauen geleistet. Schon vor COVID-19 fielen Carearbeit und Haushalt meist in ihren Zuständigkeitsbereich. Diese mit den beruflichen Pflichten zu vereinbaren stellt nun eine noch größere Herausforderung dar. Die Doppel- und Dreifachbelastung beeinträchtigt die psychosoziale Gesundheit und damit auch die Arbeitsleistung, wodurch die berufliche Entwicklung zusätzlich erschwert wird.“ Die Soziologin Roxana Maurizio weist in diesem Zusammenhang auf weitere erschwerende Bedingungen hin: „Die Zunahme von Telearbeit und Heimarbeit wird begleitet von der Schließung von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen aufgrund gesundheitspolitischer Maßnahmen, einer eingeschränkten Mobilität und social distancing.“

12 Millionen Frauen wurden aus dem Erwerbsleben gedrängt

Frauen in Lateinamerika und der Karibik sind nach Untersuchungen der ILO von pandemiebedingter Arbeitsmigration, Arbeitslosigkeit und dem gestiegenen Bedarf an unbezahlter Betreuungsarbeit besonders betroffen. Nach den Erhebungen der ILO ist die Frauenerwerbsquote derzeit so niedrig wie vor 15 Jahren. Maßnahmen zur Wiederbelebung der Arbeitsmärkte dürften daher keinesfalls die Gender-Perspektive außer Acht lassen, sondern müssten besonderes Augenmerk auf die Wiedereingliederung von Frauen in den Arbeitsmarkt legen. „Diese beispiellose Krise hat die geschlechtsspezifischen Unterschiede auf den Arbeitsmärkten der Region verschärft, 12 Millionen Frauen aus dem Erwerbsleben gedrängt und frühere Erfolge zunichte gemacht. Unsere Bemühungen wurden innerhalb eines Jahres um mehr als ein Jahrzehnt zurückgeworfen. Wir müssen jetzt richtig Gas geben, um die Arbeitsplätze und das verlorene Terrain im Kontext der Geschlechtergleichstellung zurückzugewinnen“, mahnte Vinícius Pinheiro, ILO-Direktor der Region Lateinamerika und Karibik. Pflegeeinrichtungen müssten das Ihrige tun, um Frauen die Rückkehr ins Berufsleben zu ermöglichen. Das gleiche gelte auch für die Gestaltung des Präsenzunterrichts in den Schulen. Dazu Maurizio: „Bei den Maßnahmen zur Wiederbelebung der Beschäftigung und der Arbeitsmärkte geht es jedoch nicht nur darum, Frauen einbeziehen, sondern auch um die Berücksichtigung einer geschlechtsspezifischen Perspektive, um die bisherigen Schwierigkeiten, mit denen Frauen bei der Jobsuche und beim Erhalt ihrer Beschäftigung konfrontiert sind, nicht zu reproduzieren“.

Bessere Ausbildungschancen und Überwindung der digitalen Kluft

In den letzten Jahrzehnten konnten im Bereich der Beschäftigungspolitik erhebliche Fortschritte erzielt werden. Dennoch war schon vor COVID-19 klar, dass die Gleichstellung der Geschlechter eine tiefliegende Umstrukturierung erfordert. Mit der Pandemie sind neue Dimensionen aufgetaucht, die die Kluft noch vergrößern. „Wenn wir ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum mit hochwertigen und produktiven Arbeitsplätzen schaffen wollen, muss die durch COVID-19 verursachte Verschärfung der Ungleichheiten überwunden werden. Der diesjährige Internationale Frauentag steht im Zeichen des Bekenntnisses zu unserer Verpflichtung, das zurückzugewinnen, was während des wirtschaftlichen und sozialen Debakels in unseren Ländern verloren gegangen ist“, fügte der ILO-Regionaldirektor feierlich hinzu. Zur Förderung der Teilnahme von Frauen an nicht-traditionellen, aber zukunftsträchtigen Berufen fällt berufsbildenden Einrichtungen eine wichtige Rolle zu. Derzeit fehle es an Ausbildungschancen für Frauen mit niedrigem Bildungsniveau, so Maurizio. Zudem gelte es, die digitale Kluft zwischen Männern und Frauen zu schließen, um Frauen nicht von vornherein aus bestimmten Berufsfeldern auszugrenzen. „Der Zugang zu neuen Technologien und damit verbundenen Berufsausbildungen muss gewährleistet sein, um auch Frauen den Zugang zu qualitativ hochwertigen und arbeitsrechtlich abgesicherten Beschäftigungen zu ermöglichen“, erklärte die ILO-Mitarbeiterin.

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