Antifemizidale Kunst. Eine Einladung zu Reflexion und Solidarität

Lucías Zimmer.
Foto: Lina Etchesuri via la vaca

(La Plata, 22. Dezember 2021, la vaca).- Kunst mit Auftrag: Die Installation Lucías Zimmer, die Ausstellung Wenn die Welt sich ändert und das Theaterstück Das Virus der Gewalt treten ein für Gerechtigkeit und die Bekämpfung von Straflosigkeit. Ihre Botschaft lautet: patriarchale Gewaltmechanismen ausschalten. Das schöpferische Element verleiht der dringenden Forderung nach Antworten Kraft und Nachdruck. Es lädt ein zu Reflexion und Solidarisierung, und es hilft, Wunden zu heilen.

Was fehlt: Gerechtigkeit.

Lucías Zimmer in seiner vierten Auflage, diesmal im Museum der Provinzkommission für das Erinnern in La Plata: Die 16-jährige Lucía Pérez wurde am 8. Oktober 2016 in Mar del Plata ermordet. Ohne den Mut der Familie wäre der Mord an der jungen Frau ungestraft geblieben. Schließlich konnten die Richter doch noch dazu bewegt werden, den Prozess zu eröffnen – mit Hartnäckigkeit und Kunst.

Ein sorgfältig gemachtes Bett, ein Surfbrett, der Traumfänger, Zeichnungen und Notizzettel an den Wänden. Ein Nachttisch, eine Lampe, ein Buch, ein Paar Hausschuhe. Das Zimmer eines jungen Mädchens. Die Gewissheit: Die Kleine mit den Dreadlocks und dem niedlichen Lächeln kommt nicht mehr zurück. Die Idee, Lucías Zimmer nachzubilden, entstand bei einem gemeinsamen Spaziergang ihrer Mutter Marta Montero und der Journalistin und Schriftstellerin Claudia Acuña. Ein privater Ort wird in den öffentlichen Raum verlegt. Die Intimität eines Zimmers als Reich der ganz persönlichen Träume kann nun betrachtet und betreten werden, weil Lucía nicht mehr da ist. Der Schmerz der Familie wird dadurch auf neue Art sichtbar. Am 14. Februar 2021, viereinhalb Jahre nach Lucías Tod, wurde die Installation in der Eingangshalle des Theaters Auditorium in Mar del Plata eröffnet. Es wäre ihr 21. Geburtstag gewesen. Ein Fernseher überträgt in Dauerschleife die mündliche Verhandlung, in der die Täter wegen Drogenhandel, nicht aber wegen des Mords an Lucía verurteilt wurden. Im April wurde die Ausstellung in das Museum der Schönen Künste Emilio Petorutti in La Plata verlegt. Am Tag der Eröffnung erhob eine Zweikammerkommission in Buenos Aires formell Anklage gegen die Richter, die die Mörder von Lucía freigesprochen hatten. Im August 2020 war das beschämende Urteil bereits kassiert worden. Ein Jahr später wurde Lucías Zimmer im Gebäudekomplex Manzana de las Luces gezeigt, und danach noch einige Tage im Museum für Kunst und Erinnerung in La Plata. Einen Tag vor der Dernière wurden die Richter suspendiert, 40 % ihrer Gehälter wurden gestrichen. Das Urteil gegen die beiden steht noch aus, und für den neuen Prozess gegen die Mörder von Lucía muss noch ein Termin gefunden werden. Der Feminizid, der vor fünf Jahren den ersten Frauenstreik auslöste, ist also bis jetzt noch ungesühnt.

Der Blickwinkel eines Menschen, der liebt

Marta Montero über die Installation, die das Zimmer ihrer Tochter Lucía abbildet: „Es ist eine andere Art, etwas Reales zu zeigen, das an sich nicht heftig ist und trotzdem fordert. Der Raum fordert uns heraus, weil es ein Raum ist, wie wir ihn alle kennen. Es könnte das Zimmer Ihrer Tochter sein, oder Ihrer Nichte. Die Forderung nach Recht und Gerechtigkeit geht uns alle etwas an. Wie kann man 38 Jahre Demokratie feiern, wenn in diesem Zeitraum 2.200 Frauen ermordet wurden? Allein in diesem Jahr sind es schon fast 300. Schauen Sie sich diese Tafeln voller Namen an, hinter jedem dieser Namen steht ein Mensch. Das bewegt was in den Besucher*innen, es macht etwas deutlich. Man geht aus diesen Räumen anders heraus, als man hineingegangen ist. Man kommt raus und denkt: „Ich muss für diese Frauen kämpfen, ich muss für sie eintreten. Denken Sie darüber nach, dann werden Sie es auch merken, denn diese Lucía hat auch einen Platz in Ihrem Leben. Auch dieser Raum ist ein Teil Ihres Lebens, und Sie wollen nicht, dass dieser Raum leer ist. Das vermittelt diese Kunst auf eine ganz berührende und authentische Art. Sie werden denken: „Ich möchte nicht, dass mir, meiner Schwester oder meiner Cousine so etwas passiert, ich möchte nicht, dass es ein weiteres Schicksal wie das von Lucia gibt.“ Kunst hilft uns, die Dinge anders an uns heranzulassen und anders zu sehen, nämlich aus dem Blickwinkel eines Menschen, der liebt. Und mit dieser Liebe können wir es schaffen, etwas zu verändern.“

Wo die Ausstellung aufgebaut wird, erscheint die stilisierte Zeichnung von Lucías Augen, ihr Blick scheint zu fordern: Ni una menos – Schluss mit den Feminiziden. Ihre Augen bilden auch das Logo des nach ihr benannten Observatoriums, das alle Fakten zu Feminiziden, Transvestiziden und Transfemiziden sammelt. Zur Installation gehört auch eine große Wand mit den Namen von Frauen, deren Leben durch die Gewalt des männlichen Chauvinismus zerstört wurde. Die Namen sind von Hand geschrieben. Es geht nicht um Ziffern, sondern um Menschen. Die Kartographie der patriarchalen Gewalt wird täglich aktualisiert.

Die Abwesenheit. Ein Stuhl für jede ermordete Frau.

Ein schwarzer Stuhl, dahinter noch einer, noch einer und noch einer. Insgesamt fast dreihundert. Weiße Wände, Holzfußboden. In der Mitte des Raums eine Schaufensterpuppe, bekleidet mit weißem Hemd und Jeans, in ihren starren Händen ein handgeschriebenes Schild mit einer Zahl, die etwa alle dreißig Stunden aktualisiert wird: die Zahl der Frauen*morde in diesem Jahr.. „…leere Stühle, einer für jeden Femizid, der 2021 stattfand“, heißt es im Begleittext. In Zusammenarbeit mit dem Observatorium Lucía Pérez wurden die Stühle ergänzt. Anfangs waren sie spiralförmig angeordnet, dann wurde der Raum zu klein, und die Installation zog um in den Nebenraum. Als Teil der Ausstellung Cuando cambia el mundo-Preguntas sobre arte y feminismos (Wenn die Welt sich ändert – Fragen zu Kunst und Feminismen) war sie von März bis November 2021 im Centro Cultural Kirchner zu sehen. Kuratorin Andrea Giunta, promovierte Kunsthistorikern, Schriftstellerin, Forscherin und Dozentin, brachte mit ihrem Projekt internationale Künstler*innen zusammen. Zur Performance als Kunstform erklärt die in Paris lebende spanische Künstlerin Esther Ferrer „Du erfindest alles: die Technik, die Definition, die Theorie (falls du eine brauchst). Performance ist die demokratischste Kunst, die es gibt“.

Ein Alltagsgegenstand, der die Monstrosität eines Gesellschaftproblems veranschaulicht

Die 84-jährige Esther Ferrer beschäftigt sich seit ihrer Jugend mit der Performance-Kunst. Vor ein paar Jahren kam Ferrer in den frühen Morgenstunden nach Hause. Sie fand einen Stuhl auf dem Bürgersteig, und weil sie müde war, setzte sie sich hin. Am nächsten Morgen stand der Stuhl immer noch dort, also nahm sie ihn mit nach Hause. Viele ihrer Performances und Installationen zeigen diesen und andere Stühle. Im Jahr 2015 drehte sie einen Film über Feminizide in Spanien. „Durch ihre Installation wird Esther zur Chronistin der Dinge, die Frauen in diesem Jahr zugestoßen sind“, so Kuratorin Giunta, „und zugleich hat sie veranschaulicht, das wir als Gesellschaft etwas tun können, um gegen die Monstrosität dieses Problems vorzugehen.“ Sie habe sich für die Installation von Ferrer interessiert und versucht, diese im lokalen Kontext zu aktualisieren. „Ferrer arbeitet seit den 70er Jahren mit Stühlen. Der Stuhl, ein absolutes Alltagsobjekt, hat sich bei ihr zu einer Struktur, einem Gerüst, einem konzeptionellen Element entwickelt. Schon vor diesem Werk hatte sie schon lange mit Stühlen gearbeitet, auch das macht das Werk letztlich so eindringlich und kraftvoll. Der Stuhl macht ein gesellschaftliches Problem sichtbar, das wir nicht lösen konnten und das trotzdem keinen Aufstand hervorgerufen hat: Der Stuhl repräsentiert eine gesellschaftliche Struktur, eine Gemeinschaft, die im privaten Raum beginnt und bis in den öffentlichen Bereich der Aufführung hineinreicht, weil Stühle sowohl den privaten, häuslichen Rahmen als auch die Öffentlichkeit als breite Masse repräsentieren.“

Das Werk schafft Verbindung zwischen den Ermordeten

Welchen Effekt hat es, die Reihe leerer Stühle zu betrachten? „Wir könnten die Stühle auf die Straße stellen, in einer langen Reihe, um zu sehen, wie viel Platz sie einnehmen. Sie sind raumfordernde Abwesenheit, für mich hat diese Installation den Charakter eines Denkmals: eines Denkmals all‘ der Leben, die dieses Jahr ausgelöscht wurden. Es ist eine Form, von einem Prozess zu erzählen, der der Gesellschaft Schmerzen bereitet und der ungelöst bleibt. Diese Frauen sind keine Verschwundenen, man fand ihre Leichen. Doch sie sind Opfer einer Form von Völkermord, der nach und nach vonstattengeht, sozusagen tröpfchenweise. Das Werk schafft eine Verbindung zwischen den abwesenden Körpern und wird dadurch zu einer Form des Gedenkens, des Erinnerns, der Würdigung.“ Welche Rolle spielt die Kunst in diesen gesellschaftlichen Fragen? „Kunst muss nichts beweisen. Ein unreguliertes Denkfeld ist gerade deshalb wichtig, weil es Möglichkeiten eröffnet, Lösungen zu imaginieren“, so Kuratorin Giunta. „Kunst verdichtet gesellschaftliche Prozesse und greift zugleich in den gesellschaftlichen Kontext ein. Daraus ergibt sich eine interessante Facette. Das Kunstwerk ist wie ein Kokon, geformt durch das gesellschaftliche Leben, das Leben des Künstlers, und zugleich ist es ein Prisma, das nach außen strahlt und die Welt um sich herum beeinflusst.“

Die andere Pandemie

Das Theaterstück El virus de la violencia (Das Virus der Gewalt) entstand 2020 zu Zeiten von Pandemie und Lockdown. Romina Pinto und Iván Steinhardt – beide Mitglieder der Theatergruppe El Vacío Fértil („Die fruchtbare Leere“) und im wirklichen Leben ein Paar, arbeiteten zunächst ausschließlich am Bildschirm. Die ersten Proben fanden online statt: an einem Ende die beiden Schauspieler*innen in ihrer Wohnung, am anderen Ende die Dramatikerin und Regisseurin Marina Wainer in Spanien. Im März 2021 konnte die Uraufführung stattfinden. Das Stück handelt von einem frisch verheirateten Paar in den Flitterwochen, das vom Ausbruch der Pandemie überrascht wird. Die Folge ist zunehmende patriarchale Gewalt bis hin zum Feminizid. Am Ende stehen Romina und Iván auf der Bühne und halten eine lange schwarze Pappe, auf der weiße Zettel mit den Namen der ermordeten Frauen, Travestis und Transpersonen kleben.

Unmöglich, emotional auf Abstand zu bleiben

Vor jeder Aufführung wird die Pappe mit Daten aus dem Observatorium Lucía Pérez aktualisiert. „Wir müssen etwas tun“, sagen sie. Eine Aufforderung zum Nachdenken und Handeln. „Wir konnten beobachten, wie die Liste der Namen länger wurde, seit wir mit den Aufführungen begonnen haben. Daran zeigt sich, wie krass die Realität sein kann, selbst wenn sie Teil einer Fiktion sind, einfach dadurch, dass diese Daten fortlaufend aktualisiert werden. Mit unserer Gruppe schreiben wir die Namen von Hand auf, und für uns ist dieses Ritual eine Art Erlösung, weil sich darin eine Forderung ausdrückt. Bei der ersten Aufführung am 6. März standen 57 Namen auf der Pappe. Bei der letzten Aufführung waren es 212, das haut einen regelrecht um“, findet Iván. „Wir sind im ständigen Kontakt mit dem Observatorium, schreiben jeden Namen auf und fügen ihn in die Tafel ein, die am Ende des Stücks gezeigt wird“, fügt Romina hinzu. „Das ist ein sehr bewegender Teil unserer Arbeit. Wenn wir da stehen mit unserer der Liste in der Hand und einen Namen nach dem anderen einfügen, ist es praktisch unmöglich, emotional auf Abstand zu bleiben. Du verbindest dich automatisch mit dem Schicksal jeder einzelnen Person, die nun nicht mehr da ist. Minuten vor dem Auftritt lesen wir diese Liste noch einmal und gehen anschließend aufgeladen mit all diesen Emotionen auf die Bühne, um dort dann wirklich alles zu geben“. „Das bringt uns weg von den Statistiken“, ergänzt Iván. „So bleiben wir uns dessen bewusst, dass es hier nicht einfach um eine Zahl geht, sondern um Menschen, die es nicht mehr gibt“. Nach der Vorstellung sprechen Romina und Iván mit dem Publikum. Einige wollen über Ereignisse reden, von denen sie gehört haben, andere erzählen von ihren eigenen Erfahrungen und bitten um Hilfe. Dazu Iván: „Kunst kann die Funktion eines Spiegels übernehmen, unsere Fähigkeit zur Reflexion erweitern. Kunst ist ein Werkzeug. Unsere bescheidene Aufgabe besteht darin, diese Möglichkeit anzubieten. Kunst kann befreien und reinigen, wenn Scham oder auch Angst Menschen daran hindern zu sprechen. Vielleicht kommt durch die Verbindung mit der Kunst eine tiefere innere Projektion zustande und hilft, den nächsten Schritt zu tun oder zumindest zu erleichtern“.

Drei Wege, das Grauen sichtbar zu machen.

Drei Wege, das Fehlen zu bebildern, damit aus Abwesenheit ein Schrei und aus Erinnerung eine Forderung werden kann, denn ohne Gerechtigkeit kein Friede. Die Kunst legt den Finger in die Wunde, bringt Licht ins Dunkle, wirbelt Bruchstücke von Ungelöstem auf und erweitert die Grenzen des Möglichen. Kunst ist Bewegung. Stillhalten schafft keine Veränderung. Kunst ist ein Stück Glas, das die Perspektive verändert, wenn man hindurchschaut. Sie kann keine Wunder, aber vielleicht ist sie die Keimzelle des Wandels.

Übersetzung: Lui Lüdicke

CC BY-SA 4.0 Antifemizidale Kunst. Eine Einladung zu Reflexion und Solidarität von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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