„Weniger Applaus, mehr Mittel!“

Angestellte in argentinischen Krankenhäusern fordern mehr Investitionen in die öffentliche Gesundheit und faire Gehälter. (Foto: ANRed)

(Buenos Aires, 17. April 2020, ANRed).- Im Zuge der fortschreitenden Corona-Pandemie wird in Argentinien ein Abflachen der Infektionskurve und die Verringerung der Todeszahlen riskant aufs Spiel gesetzt. Am 17. April 2020 stellte das Gesundheitsministerium des südamerikanischen Landes offiziell fest, dass sein medizinisches Personal mit 14 Prozent den höchsten Anteil an corona-infizierten Krankenhausangestellten weltweit aufweist.

Bisher hatte sich der Regierungsdiskurs um eine vergleichsweise erfolgreiche Bekämpfung und Kontrolle der Krankheit Covid-19 gedreht. Nun zirkulieren, zunächst unabhängig voneinander, immer mehr Aussagen von Arbeitskräften in privaten und öffentlichen Kliniken. Dazu kam die Meldung, dass drei medizinische Angestellte, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten, bereits gestorben sind.

Erhebliche Mängel bei den Gesundheitsstandards

Der medienwirksame Fall von fünf Ärzten und zehn infizierten Krankenschwestern brachte schließlich ans Licht, dass diese Ansteckungen weder zufällig noch außergewöhnlich waren: Bei einem Besuch des Gouverneurs Kicillof in der Abteilung von San Martin des Belgrano-Krankenhauses in Gran Buenos Aires waren am 10. April erhebliche Verstöße gegen die Gesundheitsvorschriften festgestellt worden. Dies drang zunächst nicht in die Medien vor, bis das medizinische Personal des entsprechenden Krankenhauses aufgrund steigender Infektionszahlen und fehlender Maßnahmen von Seiten der Autoritäten beschloss, selbst aktiv zu werden.

In dem betroffenen Krankenhaus hatten sich die Gewerkschaft des Gesundheitspersonals in Buenos Aires CICOP und die Beamtengewerkschaft ATE bereits mehrfach beim Krisenausschuss im Haus beschwert, ihre Beanstandungen wurden jedoch nicht nur als Vorschläge zur Verbesserung der Sicherheit des Gesundheitspersonals ignoriert: Stattdessen wurde der Krisenausschuss direkt aufgelöst. Der Direktor des Belgrano äußerte sich dazu, indem er diese Ausschüsse sinnbildlich als „Steine im Weg“ bezeichnete.

Strukturelle Probleme als Auslöser

Die von der Zentralregierung angeordnete Quarantäne trägt unmittelbar Früchte, wenn man die Lage Argentiniens mit anderen lateinamerikanischen Ländern oder westlichen Ländern vergleicht. Die Beispiele aus anderen Ländern zeigen aber auch, dass der Verlauf der Pandemie von vielen weiteren Faktoren, wie zum Beispiel dem Zustand des nationalen Gesundheitssystems, abhängt. Gewerkschaften wie die bereits erwähnte CICOP und ATE und der nationale Gewerkschaftsverband der Angestellten im Gesundheitssektor FESPROSA weisen seit Jahrzehnten auf die strukturellen Schwächen des argentinischen Gesundheitssystems hin.

In der Videokonferenz des nationalen Gewerkschaftsrates der FESPROSA am 8. April wurden die dringendsten und wichtigsten Probleme und Forderungen identifiziert. Diese bestünden im fehlenden Aufwand zum individuellen Schutz der Angestellten, in der Erklärung des Covid-19 zur Berufskrankheit, in der Aufhebung der Erwerbssteuer, der Einführung von Tests für medizinische Angestellte, bezögen sich außerdem auf das Datum der Rückzahlung von Anleihen, die andauernden Verhandlungen um Gehälter und Arbeitsbedingungen und die Teilhabe an Krisenausschüssen. „Außerdem wurde die Aufhebung des Dringlichkeitserlasses als ein Rückschritt eingestuft, der zuvor die staatliche Kontrolle über die Aufnahme in Krankenhausbetten während der Pandemie ermöglicht hatte“, so der Gewerkschaftsrat. Zusätzlich zu den landesweiten strukturellen Problemen wie den fehlenden Materialien und einer elementaren Schutzausrüstung des Personals, Gehältern an der Einkommensuntergrenze, prekären Arbeitsbedingungen im Gesundheitssektor ohne Grundrechte kommen nun also spezifische Probleme durch Covid-19 hinzu, wie beispielsweise der Mangel an Tests.

Diese materiellen Unzulänglichkeiten werden teilweise durch die qualifizierten medizinischen Angestellten ausgeglichen, um nationale wie internationale Standards einzuhalten. Die Angestellten weisen auch darauf hin, dass die effiziente Organisation der knappen Mittel in den Krankenhäusern nicht auf autoritäre Weise geschehen kann, vor allem wenn die Leitung nicht dafür ausgebildet wurde. Die bereits erwähnten Gremien drängen deshalb auf ein demokratisches System im Gesundheitssektor, denn mit dem Wissen der Angestellten könne diese Effizienz erreicht werden.

Das Vorgehen des Krankenhausdirektors Nicolás Rodriguez im Belgrano, der den Krisenausschuss abschaffte, lässt sich in vielen öffentlichen Gesundheitseinrichtungen Argentiniens wiederfinden, von den privaten einmal ganz abgesehen. Eine solche Verfahrensweise wird auch vom Gesundheitsministerium angewendet, das die Arbeitsgruppe des Ministeriums mit der ATE, FESPROSA und dem Gewerkschaftsdachverband CTA-A auflöste.

Protestmaßnahmen „für die Selbstverteidigung“

Bereits Mitte April wurde der Einsatz von Asambleas (Versammlungen), die Niederlegung der Arbeit und Straßenblockaden öffentlich und medial diskutiert. Aber diese Entwicklungen bestanden bereits vorher und hatten sich bis dato nur zugespitzt.

Weitere Fälle in Gran Buenos Aires gab es z.B. im Gutiérrez Krankenhaus in La Plata, wo die Hebamme Mónica Contreras meldete, dass sie sich wegen des maroden Systems angesteckt hatte und die Leitung des Krankenhauses dafür verantwortlich machte. Vor diesem Hintergrund dachte eine Versammlung des medizinischen Personals über eine Schließung aller Abteilungen nach, die nicht für die Internierung bestimmt waren.

Im Instituto Médico Agüero de Morón war der Direktor selbst Träger des Virus und steckte Gewerkschaftsvertreter*innen und Beamte in einer Sitzung der Gewerkschaft der Angestellten im argentinischen Gesundheitswesen ATSA an. Daraufhin wurden nur vom leitenden Personal Abstriche gemacht, nicht aber von den Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen, denen darüber hinaus die Dienstbefreiung verweigert und erst nach einer Woche eine Quarantäne genehmigt wurde.

Nachdem im Hospital San Martín de La Plata ein erster Corona-Fall aufgetaucht war, wurden entsprechenden Betriebsmittel eingefordert, die erst kürzlich bereitgestellt werden konnten.

Im Hospital Gandulfo de Lomas de Zamora wiederum weigerte sich das medizinische Personal bestimmte Aufgaben auszuführen, da die hygienische Sicherheit nicht gewährleistet war. Im Bezirk Almirante Brown im südlichen Buenos Aires starteten sowohl das Hospital Lucio Meléndez de Adrogué als auch das Hospital Arturo Oñativia de Rafael Calzada Social-Media-Kampagnen, um auf fehlende Materialien und die schweren Probleme in der Infrastruktur aufmerksam zu machen.

Landesweites Problem

Auch im Krankenhaus Evita Pueblo de Berazategui prangerte das Gesundheitspersonal an, dass der verwendete Mundschutz nicht medizinisch und die Schutzanzüge nicht dicht seien, dass nicht mehr als zwei Schutzbrillen pro Schicht ausgegeben werden und, dass es nicht einmal spezielle Isolierstationen gäbe.

Anfang April machten die medizinischen Angestellten des Hospital Sanguinetti de Pilar in einem Schreiben öffentlich, dass grundlegende Materialien wie Alkohol, Handschuhe, Kittel oder Schuhwerk fehlten.

Fehlendes Personal als Resultat eines jahrelangen Aushöhlungsprozesses im Gesundheitswesen ist ein weiterer Schlüsselaspekt in der aktuellen Gesundheitskrise. In diesem Kontext kämpfen die entlassenen Angestellten des im Westen von Gran Buenos Aires gelegenen Hospital Posadas um eine sofortige Wiedereinstellung. Dort arbeitet die Krankenpflege derzeit in Nachtschichten von 12 Stunden.

Im Inneren des Landes ist die Situation ähnlich. Ein Fall, der auch durch die eigenen Angestellten bekannt wurde, ereignete sich in Tucumán. Die dortige Gesundheitsministerin stigmatisierte die Krankenpfleger*innen, die mehr Materialien und individuelle Schutzausrüstung forderten, als „perlitas negras“ (direkt übersetzt etwa „Schwarze Perlen“), die angeblich nicht arbeiten wollten. Gleichzeitig finden Zwangsversetzungen innerhalb des entsprechenden Gesundheitsgremiums SiTE statt.

CC BY-SA 4.0 „Weniger Applaus, mehr Mittel!“ von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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