Poonal Nr. 027

Deutsche Ausgabe des wöchentlichen Pressedienstes lateinamerikanischer Agenturen Nr. 27 vom 20.01.1992

Inhalt


EL SALVADOR

CHILE

GUATEMALA

HONDURAS

LATEINAMERIKA


EL SALVADOR

Friedensabkommen unterzeichnet: Befreiungsbewegung wird Partei

(San Salvador, 15. Jan. 1992, Salpress-POONAL).- Neben der nationalen salvadorianischen Flagge weht die rot-weiß-farbige Flagge der Frente Farabundo Marti für Nationale Befreiung (FMLN). Vor den beiden Flaggen steht ein Mann: der Guerillaführer Benson Martinez. Er verkündet vor laufenden Kameras das Ende des Bürgerkrieges und die Wiedereingliederung der Aufstandskräfte in das politische und gesellschaftliche Leben des Landes.

Der Auftritt des Guerillaführers Martinez vor den Kameras internationaler und nationaler salvadorianischer Sender ist eine Sensation. Das erste Mal präsentiert das salvadorianische Fernsehen seinen Zuschauer*innen einen Guerillaführer. „Das ist ein sehr deutliches Zeichen einer politischen Lösung nach zwölf Jahren Krieg,“ so Martinez. Der Guerilla-Führer enthüllte zugleich seinen legalen Namen Orlando Aguilar – ein deutlicher Schritt für einen Mann, der die letzten zwanzig Jahre seines Lebens versteckt gelebt hat. Mit der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen der Regierung von El Salvador und der FMLN am 16. Januar 1992 wird der Weg in Richtung Demokratie eingeschlagen. Gleichzeitig bedeutet das Abkommen das Ende der Vormachtstellung des Militärs.

Anfang Dezember hatten Regierungsfunktionäre noch gedroht, die Guerilleros festzunehmen, die an einem öffentlichen Friedensmarsch teilnehmen. „Von heute an wird unsere Arbeit sichtbar sein“, konnte Martinez jetzt bestätigen. Die Rebellen haben daher für ihre ersten offenen politischen Aktivitäten nicht abgewartet, ob eine politische Amnestie ihre gefahrlose Rückkehr ins öffentliche Leben des Landes absichert. Schon wenige Stunden nach dem Abschluß der Friedensverhandlungen begannen Radiosender in El Salvador die Nachrichten der FMLN zu übertragen. Ein Fernsehspot der Guerilla verkündete: „Weil wir alle Teil der Geschichte sind, gehen wir zusammen, was zu gehen ist. Weil wir gemeinsam die Zukunft aufbauen, werden wir eben voranschreiten.“ Was vor Wochen noch undenkbar gewesen wäre, war im Fernsehen zu sehen: Die Symbole der FMLN. In Zukunft werden die Guerilleros/as unter dem gleichen Namen und mit den gleichen Symbolfarben, die seit 1980 die fünf Guerilla-Organisationen, ihre Mitglieder und Sympathisant*innen repräsentieren, als zivile Organisation auftreten.

FMLN kandidiert bei Wahlen

Martinez erklärte, daß sich die Guerilla-Bewegung in eine Volkspartei verwandeln will – in dem Friedensabkommen sei dies abgesichert. Die neue FMLN will an den für 1994 geplanten Wahlen teilnehmen, bei denen der Präsident, Parlamentsabgeordnete und Gemeindebürgermeister neu gewählt werden. Nach mehr als einem Jahrzehnt werde die FMLN gemeinsam mit anderen Parteien Kandidat*innen für alle Ämter aufstellen, auch wenn es bisher nicht wahrscheinlich sei, daß einer von ihnen als neuer Präsident gewählt werde. Für die FMLN, so Martinez, sind die Wahlen von 1994 die Möglichkeit, die Demokratie des Landes zu stärken. „Die Demokratie im Land läßt sich nicht per Dekret oder Abkommen herstellen, sie entsteht durch Auseinandersetzung, aber durch eine zivile Auseinandersetzung“, bekräftige Martinez. Zweifellos werde die sofortige Rückkehr der Führer*innen der FMLN aus dem Untergrund in das offene, politisch Leben des Landes eine Probe für den Friedens- und Demokratisierungsprozeß in El Salvador sein. Martinez sagte aber, daß die Rebell*innen keine Repression gegen sich selbst befürchten, „so wie wir auch im Krieg keine Angst hatten.“

CHILE

Linke begrüßt Frieden in El Salvador

(Santiago, 15. Jan. 1992, ANCHI-POONAL). – Die chilenische Bewegung der Demokratischen Linken Allendes (MIDA) hat nach Unterzeichnung des Friedensabkommens in El Salvador eine Grußbotschaft an die salvadorianische Guerillabewegung Frente Farabundo Marti für die Nationale Befreiung (FMLN) geschickt. In ihrer Botschaft sagt die MIDA, daß das Friedensabkommen „einen politischen Gewinn darstellt, der die salvadorianische Gesellschaft weitreichend verändern wird.“

MIDA weist darauf hin, daß die FMLN gemeinsam mit dem salvadorianischen Volk die Unterdrückung durch das Militär beendet habe. Gleichzeitig werde die Strategie der Regierung der Vereinigten Staaten, die den Kampf des Militärs gegen die Aufständischen finanzierte, konterkariert. In der MIDA haben sich die Kommunistische Partei Chiles, die Bewegung der Revolutionären Linken (MIR), die Sozialistische Partei „Salvador Allende“, die Kommunistische Partei Proletarische Aktion und eine Vielzahl von Menschenrechtsgruppen, Organisationen von Arbeitern, Gruppen zur Unterstützung politischer Gefangener, christliche Verbände und Jugendorganisationen zusammengeschlossen. Die chilenische Bewegung der Demokratischen Linken Allendes rief dazu auf, „sich in der Verteidigung und Überwachung des Friedensabkommens mit El Salvador zu solidarisieren“. MIDA warnte davor, daß „ultrarechte Gruppen, reaktionäre Parlamentarier und Regierungsmitglieder sowie Teile des Militärs versuchen könnten, das Friedensabkommen zu verletzen.“

Rüstungsskandal: Chilenische Waffen in Kroatien

(Santiago, 15. Jan. 1992, ANCHI-POONAL).- Ein mit chilenischen Waffen beladenes Flugzeug wurde vor wenigen Tagen über Ungarn entdeckt. Dies teilte der US-amerikanische Geheimdienst CIA der chilenischen Regierung Patricio Aylwins mit. Das Flugzeug sollte Waffen des chilenischen Heeres nach Kroatien, Jugoslawien, transportieren. Die Vereinten Nationen haben zur Zeit ein Waffenembargo über Kroatien verhängt. Zur Aufklärung des Fundes der mehreren Tonnen Waffen wurde nun ein Verfahren eingeleitet. Der Bericht des CIA besagt, daß die Waffen durch die FAMAE (Militär- und Vorführfabrik) ausgeführt wurden. Sowohl CIA- Offiziere als auch Gutachter des chilenischen Militärs bestätigten, daß die Waffen offiziell im chilenischen Heer abgemeldet waren. Die tonnenschwere Ware befand sich allerdings in Kisten, die als medizinisches Material mit Bestimmung Sri Lanka ausgezeichnet worden waren.

Militärs als Waffendealer

Bis jetzt ist der einzige eindeutig identifizierte Schuldige ein ziviler Zollbeamter niedrigen Ranges. Er verteidigt sich bisher damit, die Kisten aus Zerstreutheit mit einer anderen Bestimmung ausgezeichnet zu haben. Ein Kollaborateur, der die Fracht in Ungarn zur Weiterleitung nach Kroatien erwartete, konnte fliehen. Chilenische Experten vermuten, daß es sich um einen typischen Waffenschmuggel handelt, durch den sich Angehörige des chilenischen Heeres bereichern wollten.

Feministinnen thematisieren Gewalt gegen Frauen

(Mexiko, Jan. 1992, Apia-POONAL).- „Demokratie im Land und im Haus“, war die Parole, mit der eine Gruppe chilenischer Frauen 1983 trotz Militärdiktatur öffentlich demonstrierte. Seither beschäftigen sich immer mehr chilenische Frauen mit dem Feminismus. Die ersten feministischen Ideen wurden 1979 in einer Frauenstudiengruppe der Akademie des Christlichen Humanismus diskutiert. Da diese Institution während der Militärdiktatur unter dem Schutz der katholischen Kirche stand, konnten hier weibliche Lehrkräfte arbeiten, die in den vom Militär kontrollierten staatlichen Universitäten keinen Freiraum fanden. An der Akademie begannen Frauen Themen wie „Frauen in der Diktatur“ zu analysieren. Hier entstanden in Diskussionen erste feministische Positionen.

Zwei Motive bewegte diese Frauen Anfang der 80er Jahre. Zum einen wollten sie die Situation der Chileninnen aktiv verändern. Zum anderen war ihnen die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit feministischer Theorie wichtig. Sie gründeten daher zwei Arbeitsbereiche: Das Zentrum für Frauenstudien, das der Wissenschaft diente und das Veranstaltungszentrum „La Morada“. Hier konnten Frauen politisch aktiv werden, hier fanden Veranstaltungen und Kurse statt. La Morada war der Raum, in dem sich neue feministische Gruppen gründeten.

Während alle Aktivitäten zunächst von den beteiligten Feministinnen selbst finanziert werden mußten, erhielten sie ab Mitte der 80er Jahre Geld von internationalen Solidaritätsgruppen. Daher konnten nun Frauengruppen in verschiedenen ärmeren Stadtteilen von Santiago und in anderen Teilen des Landes gegründet werden. Heute arbeiten allein bei La Morade über 40 spezialisierte Frauen. Sie lehren in verschiedenen Kursen über Themen aus den Bereichen Gesundheit, Organisationshilfe, Erziehung, Kultur und Sexualität. Die Auseinandersetzung mit den Folgen von Gewalt gegen Frauen ist zu einem Schwerpunkt der chilenischen Feministinnen geworden. Tausende von Frauen haben unter Gewalt, nicht selten im eigenen Haus durch den eigenen Mann zu leiden. In den Gruppen von La Morada werden die mißhandelten Frauen psychisch und rechtlich unterstützt. Gewalt gegen Frauen ist nicht nur ein Problem der unteren Gesellschaftsschichten. Trotzdem kommen mehrheitlich Frauen aus ärmeren Stadtteilen der chilenischen Hauptstadt zu den Gruppen. Ihnen fehlt das Geld für Ärzte, für Rechtsanwälte und Therapeuten.

Gegen häusliche Gewalt

„Die Frauen stehen der Gewalt allein gegenüber“, so die Feministinnen, „und das ist ein nationales Problem“. Frauengruppen fordern daher ein Gesetz, das die Verfolgung „familieninterner Gewalt“ ermöglicht und das sowohl den mißhandelten Frauen als auch den mißhandelten Kindern einen Schutz bietet. Auf parlamentarischer Ebene fehlt jedoch bisher eine Auseinandersetzung mit diesem Thema, vor allem die politische Rechte versucht zu verhindern, daß im Parlament ein besonderes Gesetz verabschiedet wird. Im kulturellen Bereich haben sich inzwischen verschiedene intellektuelle Frauen mit feministischen Themen auseinandergesetzt. So ist in der Pädagogik Sexismus in der Erziehung inzwischen ein Thema. Bei einem Kongreß, an dem Frauengruppen aus anderen lateinamerikanischen Ländern teilnahmen, wurde 1990 in Paraguay vereinbart, einen internationalen Tag „für eine nicht sexistische Erziehung“ zu schaffen. Er soll jjedes Jahr am 21. Juni stattfinden.

Inzwischen gibt es literarische Zirkel und verschiedene akademische Gruppen, die feministische Theorien diskutieren. Erst jüngst organisierte eine literarische Gruppe ein internationales Seminar, das Expertinnen aus Europa und den USA zusammenführte. Schwerpunktthema war der Feminismus der chilenischen Schriftstellerin und Literaturpreisträgerin Gabriel Mistral. Die Schriftstellerin wird von Seiten der Literaturkritik häufig als „göttliche Gabriel“ bezeichnet. Es taucht jedoch mit mitleidigem Unterton immer noch der Hinweis auf: „Sie ist nicht verheiratet, und wird nie Kinder haben.“ La Morada hat jetzt zwei neue Preise geschaffen, die für die chilenischen Medien gedacht sind. Einen bekommt der Beitrag, der ein Frauenthema am besten darstellt. Den anderen bekommt der frauenfeindlichste Beitrag.

Erstes feministisches Radio der Welt funkt für Frauen

(Mexiko, Jan. 1992, Apia-POONAL).- Auf die ersten erfolgreichen Sendemonate kann das weltweit einzige feministische Radio zurückblicken. Seit August arbeitet in Santiago de Chile die Rundfunkstation „Radio Erde“, in der ausschließlich Frauen an einem Radio-Programm für Frauen arbeiten. Der Santiagoer Sender beginnt sein Programm um 1.30 Uhr morgens und sendet dann täglich 17 Stunden. Auf dem Programmplan stehen Musik und Literatur, Sportmeldungen und politische Debatten. Es gibt Kinder- und Jugendsendungen, und lokale Nachrichten für Frauen aus verschiedenen Stadtteilen. In einem zehnminütigen Beitrag arbeiten täglich Frauen verschiedener Gesellschaftsschichten, Frauengruppen können sich bei der Programmgestaltung beteiligen. In einem Archiv wird Material zu allen Themen, die Frauen besonders betreffen, gesammelt. „Unser Programm will dazu beitragen, die Rolle der Frau im politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben Chiles zu verbessern“, sagt Ingrid Droguett, Direktorin von Radio Erde zu den inhaltlichen Schwerpunkten ihrer Radiostation. Ziel der Radiostation sei es, mit dem Programm für die „Gleichberechtigung von Mann und Frau zu arbeiten. Dadurch daß verschiedene Menschen daß Programm hören, lernen sie die Vorstellungen der chilenischen Frauenbewegung kennen und unterstützen sie dann vielleicht, indem sie die chilenische Gesellschaft mitverändern“, hofft die Direktorin.

Frauenfunk für Lateinamerika

Radio Erde entstand aus einem Programm, daß vom Frauenhaus „Morada“ produziert wurde. Der Aufbau wurde zum Teil von dänischen Hilfsorganisationen, die Frauengruppen in der sogenannten Dritten Welt unterstützen, finanziert. In Zukunft soll ein Teil der Finanzierung über den Verkauf von Werbezeiten gedeckt werden. Im Moment ist Radio Erde nur in Santiago de Chile zu empfangen.Die Initiatorinnen planen jedoch, ihre Programmidee zunächst in ganz Chile und später in anderen lateinamerikanischen Ländern zu verbreiten. Ziel ist ein Netz von Radiostationen, die durch die Frauenbewegung entwickelt und getragen werden. „Diese Möglichkeit eines lateinamerikanischen Radionetzes von Frauen ist durchaus vorhanden“, sagt Ingrid Droguett, Direktorin von Radio Erde. „Im ganzen Kontinent wird die gleiche Sprache gesprochen. Außerdem haben Frauen überall ähnliche Probleme, beispielsweise bezüglich der weiblichen Sexualität oder der Gewalt gegen Frauen. Auch politische, kulturelle und erzieherische Aspekte ähneln sich in vielen Ländern Lateinamerikas.“ Die Bilanz der neueröffneten Sendestation während des Monats September erlaubt, einen Erfolg vorauszusagen, „wie es ihn vorher nicht gegeben hat. Die Frauen, die während der Diktatur nie zu Wort gekommen sind, haben jetzt durch diese Radiostation ein zunehmend größer werdendes Forum.“

Forum für Frauen

Ein wichtiges Ziel der Radio-Macherinnen ist es, vor allem eine Lobby für die Frauen zu sein, die aufgrund ihrer Armut wenig von Medien beachtet werden. Durch das Radio soll ein Forum für ihre Aktivitäten entstehen, indem die Forderungen von Frauen an ein breites Publikum gesendet werden. So ist deutlich zu bemerken, daß Parlamentarierinnen und politische Führer*innen der demokratischen Parteien ihr Verhalten den Forderungen der Frauenorganisationen gegenüber verändert haben. Die Radio-Macherinnen hoffen, daß sich ihre Programme zu einem Instrument gegen sexistische Erziehung, die Frauen diskriminiert, entwickelt. Sie haben die Hoffnung, daß Frauen in Zukunft nicht mehr disqualifiziert werden, wenn sie sich nicht an die Normen der patriarchalischen Gesellschaft halten: Heiraten, Kinder bekommen und sich nicht scheiden lassen.

GUATEMALA

Menschenrechtler mit dem Tode bedroht

(Guatemala, 16. Jan. 1992, Cerigua-POONAL).- Neue Todesdrohungen wurden jetzt in Guatemala bekannt: Der Führer einer indianischen Organisation und der Präsident der „Kommission für Menschenrechte des Kongresses“, sind mit dem Tod bedroht worden. Außerdem wurden zwei Gewerkschaftsführer bedroht. Sie sahen sich gezwungen, ins Exil zu gehen. Diese Ereignisse stehen in deutlichem Widerspruch zu Aussagen der Regierung, die sich selbst rühmt, den „Willen zur Respektierung des Lebens“ zu haben.

Auch Amilcar Mendez, vom Rat für ethnische Gemeinschaften Runujel Junam (CERJ), eine Organisation zur Verteidigung der Rechte der Indigenas, gab Anfang Januar bekannt, daß er und seine Familie wiederholt mit dem Tod bedroht worden seien. Um das Land zu verlassen, beantragte Mendez politisches Asyl in Kanada. In einem Gespräch mit dem guatemaltekischen Präsidenten Serrano forderte der Indigena-Führer Schutz vor politischer Verfolgung. Der Präsident seinerseits beschuldigte Mendez, mit der Guerilla zu kollaborieren. Amilcar Mendez wandte sich wegen der Beschuldigungen an den staatlichen Menschenrechtsbeauftragten Ramiro de Leon, der erklärte, daß er die Regierung bezüglich dieser Angelegenheit um eine Erklärung bitten werde. Andres Giron, Präsident der Parlamentskommission für Menschenrechte, gab ebenfalls öffentlich bekannt, mit dem Tode bedroht zu werden. Er werde von Unbekannten per Telefon aufgefordert, unverzüglich das Land zu verlassen, andernfalls werde er umgebracht. Auch die „Einheit der Arbeiter von Quezaltenango“ (UTQ) mußte erklären, daß zwei ihrer Führer, Jorge Ramirez und Mario Yancor, wegen Morddrohungen durch das „Antikommunistische Geheimheer (ESA)“ ins Exil gegangen seien. Beide Gewerkschaftsführer hatten zuvor an dem II. Kontinentalen Treffen „500 Jahre Indigena- und Volkswiderstand“, das im Oktober in Quezaltenango stattgefunden hatte, teilgenommen.

Das Antikommunistischen Geheimheer (ESA) ist eine der sogenannten Todesschwadrone und hat Verbindungen zu den Sicherheitskräften. Sie werden von Menschenrechtsgruppen für den Tod von hunderten von Menschen im den letzten Jahren verantwortlich gemacht. Die Regierung leugnet bisher die Existenz der Todesschwadronen und zieht Klagen der Verfolgten in Zweifel. Manuel Conde, Generalsekretär der Präsidentschaft, erklärte erst kürzlich, die Situation der Menschenrechte habe sich bedeutend verbessert. Er weigerte sich aber, diesbezüglich Zahlen zu nennen. Nach Worten von Präsident Serrano ist im vergangenen Jahr die Verbesserung der Menschenrechte eine der Hauptaufgaben seiner Regierung gewesen. Serrano sagte, er habe zur Kontrolle des Militärs zwei Zivilisten in das Amt des Chefs der Sicherheitskräfte berufen, er akzeptiere Untersuchungen und unterstütze die präsidentielle Kommission für Menschenrechte. Auch das Militär kontrolliere er.

Drastische Menschenrechtsverletzung

Vom Tode bedroht werden nach wie vor Führer der Volks- und Gewerkschaftsbewegungen und Menschen die sich für die Verteidigung der Menschenrechte einsetzen. Erst im Januar wurden weitere Fälle der Mißachtung von Menschenrechten in Guatemala bekannt: Allein in der ersten Hälfte des Monats meldeten verschiedene Medien 25 außergerichtliche Hinrichtungen. Die guatemaltekische Menschenrechtskommission (CDHG) spricht von fast 2000 Menschenrechtsverletzungen allein im vergangenen Jahr. Die UNO-Menschenrechtskommission wird sich in einigen Wochen in Genf, Schweiz, wieder mit der Situation in Guatemala beschäftigen.

Rigoberta Menchú für Friedensnobelpreis 1992 vorgeschlagen

(Mexiko, 15. Jan. 1992, NG-POONAL).- Die guatemaltekische Indigena-Führerin Rigoberta Menchú wurde als Kandidatin für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Das wurde heute in der mexikanischen Hauptstadt bekannt. Guatemaltekische und internationale Menschenrechtsgruppen halten Rigoberta Menchu „aufgrund ihres Kampfes für die Rechte der amerikanischen Völker“ für eine geeignete Kandidatin. Um die Wahl zu unterstützen haben sie sich zum Komitee „Friedensnobelpreis für Rigoberta Menchú“ zusammengeschlossen. Rigoberta Menchú ist seit 10 Jahren national und international aktiv, um den Aufbau einer wirklichen Demokratie in Guatemala zu ermöglichen. Sie hat wiederholt gegen die Verletzung der Menschenrechte durch das guatemaltekischen Militär protestiert und sich vor allem gegen die Verfolgung und Ausbeutung der Bevölkerung Guatemalas eingesetzt.

Kampf gegen Unterdrückung

Der argentinische Nobelpreisträger von 1980, Adolfo Perez Esquivel, der ebenfalls die Nominierung der Guatemaltekin unterstützt, bestätigte, daß dem Komitee für den Friedensnobelpreis in Norwegen ein entsprechender Antrag zugestellt wurde. Nach Meinung des argentinischen Schriftstellers, der sich für die Menschenrechte einsetzt, haben Schmerz und Leiden die 33jährige Rigoberta Menchú schon als Jugendliche geprägt. „Dadurch wurde sie für den Widerstand geformt und für den gemeinsamen Kampf mit ihrem Volk, das eine lange Geschichte von Unterdrückung und Verfolgung von Zerstörung seiner Dörfer und Ethnien erlebt hat.“ Perez Esquivel sagte, daß die Wahl von Rigoberta Menchú für den Preis des Jahres 1992, dem 500. Jahr seit der Ankunft der europäischen Eroberer in Amerika, „Gerechtigkeit für den ganzen Kontinent“ sein könne. Gruppen, die die Kandidatur von Rigoberta Menchú unterstützen, haben sich auch in den USA, in England und Italien gebildet. Die Kandidatur hat die Zustimmung der 400 Teilnehmer*innen des II. Kontinentalen Treffen „500 Jahre Indigena- und Volkswiderstand“, das im Oktober 1991 in der guatemaltekischen Stadt Quezaltenango stattgefunden hat, erhalten.

HONDURAS

Umweltskandal erschwert Verhandlungen über Waldnutzung

(Tegucigalpa, 13. Jan. 92, SHN-POONAL).- Die mögliche Nutzung von „La Mosquitia“, eines der wichtigsten Waldgebiete der Erde, durch das US-amerikanische Unternehmen Stone Container Corporation gerät zunehmend in die Kritik. Seit Ende September vergangenen Jahres verhandelt die honduranische Regierung mit der nordamerikanischen Stone Container über die Verwertung des Gebiet. „La Mosquitia“ ist eines der reichsten Ökosysteme der Erde. Die Region beherbergt 600.000 Hektar Fichtenwald. Eine Ratifizierung des Nutzungsvertrag könnte die Zerstörung des Ökosystems durch das ungehinderte Fällen des Waldes bedeuten. Gleichzeitig wäre ein weiterer Ausverkauf Honduras zu befürchten. Bereits jetzt gehören 80 Prozent der honduranischen Wirtschaft ausländischen Anteilseignern. Der Widerstand gegen die endgültige Unterzeichnung des Vertrages wuchs erst in jüngster Zeit. Erst im Dezember wurde ein Umweltskandal der Stone Container Corporation bekannt: Das Unternehmen wurde in den Vereinigten Staaten angeklagt, giftiges Material produziert zu haben. Daraufhin begannen auch staatliche Vertreter den Vertrag zu überdenken. Porfirio Lobo von der honduranischen Innung zur Entwicklung des Waldes (COHDEFOR) sagte, daß die Regierung Abstand von dem Vertrag nehmen könne, „je nachdem, welche Position die Kompanie zu diesen Vorfällen bezieht.“

Ökologische Folgen unkalkulierbar

„Ich werde überzeugt gegen die Unterzeichnung des Vertrages eintreten“, sagt ein Vertreter der unabhängigen Organisation der schwarzen Brüder Honduras (OFRANEH), nachdem er Projekte der Stone Company in Costa Rica und in den USA besichtigt hatte. „Was wir gesehen haben, war Umweltzerstörung in einem Gebiet, daß etwa 70% des nationalen, honduranischen Territoriums umfassen würde“, so der Sprecher. Bisher fehlten jegliche Studien über mögliche ökologische, kulturelle und soziologische Folgen der Nutzung von La Mosquitia. Zu befürchten sei, daß das Projekt den indigenen Gruppen der unberührten Regionen von Honduras schade.

Wachsender Widerstand gegen Agrarpolitik

(Tegucigalpa, 13. Jan. 92, SHN-POONAL). – Das Gesetz zur Modernisierung der Landwirtschaft in Honduras stößt auf heftigen Protest. Obwohl offizielle Stellen behaupten, es gebe bereits einen Konsens über die Gesetzesvorlage, protestieren die unabhängigen Bauernorganisationen weiterhin vehement gegen die Vorlage. Ihrer Ansicht nach bedeutet sie einen Rückschritt in der Agrarreform. Nach den heftigen Protesten gegen das geplante Gesetz sah sich die honduranische Regierung bereits im November vergangenen Jahres gezwungen, Gespräche zur Veränderung der Vorlage anzusetzen. An den Verhandlungen nahmen neben Regierungsvertretern auch Repräsentanten verschiedener LandarbeiterInnenorganisationen teil. Die anschließende offizielle Stellungnahme gab einen weitgehenden Konsens über den modifizierten Gesetzentwurf bekannt. Die unabhängigen Bauernorganisationen kritisierten jedoch geschlossen den Verhandlungsprozeß. Antonio Rodriguez, Präsident der Nationalen Landarbeitervereinigung (ACAN), sagte: „Der Weg, der beschritten wurde, war nicht korrekt. Wir wollen, daß über das Gesetz verhandelt wird, aber daß die wirklichen Vertreter der Landarbeiterorganisationen daran teilnehmen.“ Der Ausgang der Verhandlungen ist weiterhin offen. Bisher scheint jedoch sicher, daß die Regierung die Gesetzesvorlage aufgrund der Proteste weiter modifizieren muß.

LATEINAMERIKA

Die demokratische Herausforderung der Kommunikationsbranche

(Ecuador, Jan. 1992, Alai-POONAL).- Durch den technologischen Fortschritt in den letzten Jahren ist die Welt in eine neue Ära eingetreten: In die Ära der Kommunikation. Über die Gefahren dieser Entwicklung für die Dritte Welt berichtet der folgende Artikel. Gleichzeitig werden aber auch Wege aufgezeigt, wie eine demokratische Nutzung der vielfältigen Kommunikationswege möglich wäre und welche Ansätze Basisgruppen bereits gemacht haben, um die Chancen, die die neuen Mittel für eine bessere Vernetzung bieten, zu nutzen. Die neuen Technologien haben die Gesellschaften verändert und haben so eine Neuordnung der Lebensformen und sozialen Beziehungen produziert: Vom Inneren der Kernfamilie, wo das Zusammensein immer häufiger vor dem Fernseher stattfindet, bis zu Beziehungen zwischen verschiedenen Gesellschaften und weitentfernten Ländern, wo die Bedeutung von Entfernung und Zeit eine vollkommen neue Dimension annimmt.

Computermangel im Süden

Wie es nicht anders sein konnte, sind die Auswirkungen dieser Entwicklungen für den Nord-Süd-Konflikt drastisch: Die entwickelten Länder produzieren nicht nur den größeren Teil der in den Medien des Südens übertragenen Inhalte. Sie kontrollieren auch die wichtigsten Kommunikationskanäle. Der nordamerikanische Kommunikationswissenschaftler, Howard Frederick, zeigt Beispiele auf: 95 Prozent aller Computer stehen in den OECD-Staaten; die Nordamerikaner konsumieren an einem Sonntag mehr Zeitungsseiten als die Afrikaner in einem Jahr; 90 Prozent aller Satellitenkanäle dienen der Nord-Nord-Kommunikation und ein Telefonanruf von Süden nach Norden kostet 5-10mal soviel wie umgekehrt. Das deutlichste Beispiel dieser Vormacht war in letzter Zeit die Kontrolle und Informationsblockade während des Golf-Krieges.

Im Lateinamerika haben in den letzten Jahren Militärdiktaturen den kontrollierten Demokratien Platz gemacht. Hiermit haben die Kommunikationsmedien als politische Kontrollinstrumente größere Wichtigkeit erhalten. Das politische Marketing scheint allerdings die Existenzberechtigung der Parteien infrage zu stellen, schließlich kann die „Demokratie der Videoclips“ perfekt auf sie verzichten.

Da die Kommunikationsmedien in den aktuellen Prozessen immer wichtiger werden, ist eine Diskussion über Gesellschaftsprojekte von großer Relevanz. Denn es gilt Gegenstrategien zu entwicklen gegen den Neoliberalismus, der versucht, seine Vision einer Gesellschaft aufzudrängen, in der der Individualismus als der höchste Wert erscheint, der Zusammengehörigkeit und Solidarität negiert. Parallel zu diesem Prozess wurden die Kommunikationstheorien weiterentwickelt. Sie sind ein Schlüsselfaktor im modernen Kampf um die Kontrolle des Bewußtseins und die Sicherung von Macht – dementsprechend hoch werden ihre Dienste in Machtkreisen geschätzt. Es ist kein Zufall, daß in den verschiedenen Dokumenten, die die US-Strategien für Lateinamerika belegen – beispielsweise die Dokumente von Santa Fe oder die Strategien der AID für Zentralamerika -, einem Punkt besondere Relevanz zuschreiben: Ihre Aufmerksamkeit gilt immer dem Thema Kommunikation und den Medien. Ihren eigenen Worten nach ist es die Aufgabe des Augenblicks „Herz und Bewußtsein der Leute gewinnen“.

Demokratische Kommunikation

Wenn sie auch grundsätzlich die strategische Bedeutung der Kommunikation akzeptieren, haben die Volksorganisationen in Wirklichkeit wenig Kraft investiert, um die entsprechenden politischen Antworten zu finden. Sie haben sich wenig darum gekümmert, eine demokratisierende Bewegung in Sachen Kommunikation zu gründen. Sie haben sich weder darum gekümmert, daß den gesellschaftlichen Organisationen Zugang zu den Medien garantiert wird, noch darum, Zugang zu den neuen Technologien zu bekommen. Es gibt allerdings heute keinen Zweifel daran, daß es ohne Demokratisierung der Kommunikationsmittel keine Demokratisierung der Gesellschaft geben wird. Ein nützliches Instrument zur Demokratisierung der Kommunikation ist – aufgrund der Schnelligkeit und der niedrigen Kosten – der elektronische Briefkasten oder die Kommunikation über Computer. Sie wurden ursprünglich in den militärischen Wissenschaftszentren der USA entwickelt, heute nutzen aber bereits viele Gruppen der Industrieländer diese Möglichkeit. Inzwischen beginnt sich die Nutzung aber auch in anderen Gesellschaftsbereichen durchzusetzen – auch in einigen Länder der Dritten Welt, besonders in Lateinamerika. Der Computer ist ein Medium, mit dem es möglich ist, auf schnellem Wege die Information zu vergesellschaften und eine Koordination verschiedener Gruppen zu ermöglichen. Allerdings kommt es, wie bei jedem Medium, auf die Art und Weise der Nutzung an.

(Fortsetzung folgt).

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