Fehler in der Coronakrise

Mexikaner*innen stehen am 6. März 2021 vor einem Impfzentrum in Aguascalientes an. Foto: Wikimedia/Luis Alvaz (CC BY-SA 4.0)

(Oaxaca, 9. April 2021, taz).- Mexiko Präsident Andrés Manuel López Obrador wird sich nicht impfen lassen. Zumindest zunächst nicht, sagte der Staatschef Anfang April in seiner täglichen Pressekonferenz. Nach seiner Corona-Infektion vor zwei Monaten habe er noch genug Antikörper. Eine Impfung, so hätten ihm die Ärzte gesagt, sei im Moment noch nicht unverzichtbar.

López Obrador verkündet gerne gute Nachrichten. „Es läuft gut“, wiederholt er immer wieder. Behauptet jemand Gegenteiliges, tut er das nach Ansicht des Präsidenten nur, um ihm zu schaden. So auch Ende März, nachdem bekannt wurde, dass viel mehr Menschen an Covid-19 gestorben sind, als die Regierung eingeräumt hatte.

Die Übersterblichkeit liege seit Beginn der Coronakrise bei 321.059 Toten, informierte das Gesundheitsministerium. Das sind über 60 Prozent mehr als die 200.000 Verstorbenen, die kurz zuvor angegeben wurden. Demnach zählt Mexiko mit Brasilien zu den Ländern, in denen nach den USA am meisten Menschen durch Covid-19 starben (Anmerkung der Redaktion: Auf der Homepage des mexikanischen Gesundheitsministeriums wird die Zahl der in Mexiko an Covid-19 Verstorbenen auch am 10. April noch mit 209.212 Fällen angegeben).

„Die Verschleierung der wahren Todeszahlen ist kriminell“, kommentierte der Journalist Alejo Sánchez Cano in der Zeitung El Financiero. López Obrador wies die Vorwürfe zurück. Die Medien würden die Zahlen aufbauschen, sagte er, obwohl die Angaben aus einem Ministerium kamen. Seine Kritiker*innen seien „unmoralisch, weil sie menschliches Leid für sich nutzen“. Die Behörden dagegen täten alles, um die Pandemie in den Griff zu bekommen.

„Das Schlimmste haben wir überwunden“

López Obrador selbst spielte die Gefahren des Virus immer wieder herunter und genoss auch noch in den ersten Monaten der Pandemie das Bad in der Menge. „Das Schlimmste haben wir überwunden“, versprach er vor einem Jahr – und erntete bei Kritiker*innen Kopfschütteln, während ihm seine große Anhängerschaft Glauben schenkte.

Zugleich versuchte seine Regierung aber von Anfang an, sich Impfstoffe zu sichern. Als erstes Land Lateinamerikas begann Mexiko an Weihnachten zu impfen. Etwa sieben der 126 Millionen Mexikaner*innen haben seither eine Spritze erhalten, eine weitere Million wurde bereits zweimal mit Sputnik, AstraZeneca, zwei chinesischen Vakzinen oder dem Impfstoff von Biontech-Pfizer geimpft.

Sogenannte „Diener der Nation“ sorgen derzeit dafür, dass über Sechzigjährige in abgelegenen Gemeinden ebenso ihren Schutz bekommen wie Großstädter*innen. Während die eigens aufgestellten Trupps in Mexiko-Stadt recht gut organisiert sind, müssen Impfwillige in anderen Regionen oft viele Stunden in der Sonne ausharren. Falls sie überhaupt erfahren, dass in ihrer Stadt geimpft wird.

Vergleicht man jedoch Mexiko mit europäischen Staaten, wo wesentlich bessere Bedingungen herrschen, kommt das Land beim Impfen nicht schlecht weg. Schließlich gilt es, Dörfer zu versorgen, die oft viele Stunden von einer befestigten Straße entfernt liegen. Zudem haben wirtschaftsliberale Politiken das Gesundheitssystem ruiniert. Dennoch kündigte der Covid-Beauftragte Hugo López Gatell an, dass ab Mitte April täglich 600.000 Menschen geimpft werden.

Ungebremster Tourismus

Dass Mexiko so viele Tote zu beklagen hat, verwundert nicht. Die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut, viele müssen sich auch in Coronazeiten in überfüllte U-Bahnen drängeln oder auf vollen Märkten ihre Waren verkaufen. Zudem hatte López Gatell lange propagiert, Mund-Nasen-Bedeckungen taugten nichts und umfangreiche Tests seien überflüssig.

Bis heute kann zudem jeder und jede ungehindert einreisen, ohne negativen Test, ohne Quarantäne. Zigtausende säumen deshalb die Strände Mexikos, meist ohne jeglichen Schutz. ­López Obrador legte großen Wert darauf, keine Repressalien gegen die Bevölkerung einzusetzen und verzichtet auf Ausgangssperren sowie Notstandsmaßnahmen wie eine massive Polizei- und Militärpräsenz – ganz im Gegensatz zu den mittelamerikanischen Nachbarländern, in denen viele Menschen unter diesem Vorgehen leiden.

Für Kritiker*innen des Präsidenten steht außer Frage, dass dessen Politik für die verheerend tödliche Bilanz verantwortlich ist. López Obradors größte Fehler seien es gewesen, die Pandemie kleinzureden, öffentliche Gelder für weniger wichtige Projekte zu nutzen und aus den Maßnahmen gegen das Virus politisches Kapital zu schlagen, erklärte die Abgeordnete der oppositionellen Partei PRD, Verónica Juárez Piña. Und die Kommentatorin Denise Dresser betonte: „Die große Lüge über die Eindämmung der Pandemie hat einen irreparablen Schaden hinterlassen.“

CC BY-SA 4.0 Fehler in der Coronakrise von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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2 Kommentare zu „Fehler in der Coronakrise

  1. Ich verteidige nicht AMLO, aber in Gegensatz zu was wir jetzt in Deutschland erleben wo alles per Gesetz gemacht wird und die Menschen kriminalisiert weil die tun was Menschen tun soziale zu sein, oder nur die große Wirtschaft zu schützen aber nicht die Menschen, in Mexiko wird alles freiwillig und es werden die Menschen nicht kriminalisiert. Noch etwas. López Gatell hat Epidemiologie studiert und ist Experte und nicht so wie hier die der Gesundheit Minister nicht mal Arzt ist und sehr inkompetent ist.

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