Eine epidemiologische Bedrohung für die ganze Welt

Ein improvisiertes Krankenhauszelt in Porto Alegre / Foto: Gustavo Mansur/Palácio Piratini

(São Paulo, 22. März, Brasil de Fato).- In Brasilien brechen die Todeszahlen im Zusammenhang mit dem Coronavirus jeden Tag aufs Neue Rekorde. Zurzeit sind es 128 Covid-Tote auf 100.000 Einwohner. Das Land leidet unter Impfstoffmangel und dem Zusammenbruch der Krankenhäuser sowie der medizinischen Versorgung.

Neben dem außergewöhnlichen kulturellen Reichtum und der größten aufstrebenden Volkswirtschaft Amerikas findet man in Brasilien zurzeit vor allem das Epizentrum der Corona-Pandemie. Damit stellt die Region auch eine epidemiologische Bedrohung für die restliche Welt dar. Angaben der US-amerikanischen Johns Hopkins Universität zufolge sterben aktuell 128 Menschen pro 100.000 Einwohner am oder mit dem Coronavirus. Damit ist Brasilien nach den USA das Land mit den zweitmeisten Todesfällen.

Doch warum ist das für die restliche Welt relevant? Mittlerweile warnen einige Expert*innen, dass Brasilien eine Brutstätte für neue Varianten des Virus ist. Das Land sei wie eine Spielwiese für Mutationen, auf der sie entstehen und sich beliebig weit verbreiten können, weil die Politik keine geeigneten Maßnahmen zur Eindämmung findet.

Impfstoffknappheit und Virusausbrüche bedrohen die Weltgesundheit

Der Impfstoffmangel und der Zusammenbruch der Krankenhäuser und der medizinischen Versorgung haben dazu geführt, dass Brasilien nun weltweit gefürchtet wird und als Gefahr für die gesamte Menschheit gilt. Je mehr das Virus im Land umgeht, je mehr es an Boden gewinnt, desto mehr Mutationen entstehen. Das beste Beispiel hierfür ist die Variante P1, die um ein Vielfaches gefährlicher ist als frühere Mutationen und von der man annimmt, dass sie in Manaus, der Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas im Norden des Landes, entstanden ist. Viele Wissenschaftler*innen bitten weltweit um Unterstützung. Sie wollen erreichen, dass sich Brasilien in einen kompletten Lockdown begibt, fordern schnelle Impfungen und die Verabschiedung von Hygienemaßnahmen, um das Geschehen rund um die Variante P1 zu kontrollieren. Denn die aktuell vorhandenen Impfstoffe wurden für das ursprüngliche Virus entworfen, nicht für die Mutationen. So wird Brasilien zum Epizentrum der Pandemie, indem es dem Virus freie Hand lässt.

Tatsächlich bestätigte Pedro Hallal, ein im südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul tätiger Epidemiologe, dass die Gefahr des Virusausbruchs weit über die Grenzen Brasiliens hinausgeht. Gegenüber zahlreichen internationalen Medien erklärte er, dass 21 Prozent aller Todesfälle, die weltweit im Zusammenhang mit Covid-19 aufgetreten sind, in Brasilien verzeichnet wurden. Und das in einem Land, in dem nur 2,7 Prozent der Weltbevölkerung leben. Das ist einfach enorm viel. Brasilien wird zu einer Bedrohung für die globale öffentliche Gesundheit.“ Erst vor wenigen Tagen meldete Brasilien mit fast 80.000 Neuinfektionen die dritthöchste Zahl an einem einzigen Tag. Gleichzeitig stieg laut Angaben der Johns Hopkins Universität die Gesamtzahl der Todesfälle auf 270.656.

Überlastung des Gesundheitssystems

Zudem gibt es eine schwere Krise in den Krankenhäusern, wie Margareth Dalcolmo, medizinische Forscherin der Oswaldo Cruz-Stiftung, berichtet. Sie meint, dass dies „der schlimmste Moment der Pandemie in Brasilien ist“ und wies darauf hin, dass die Intensivstationen ihre Kapazität um bis zu 90 Prozent überschreiten. Auch lokale Medien warnen davor, dass Brasilien die Gesamtkapazität der Intensivbetten überschreitet, wie es bereits in Porto Alegre (Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Sul) und Campo Grande (Hauptstadt des Bundesstaates Mato Grosso do Sul) geschehen ist. Dies veranlasste die Stiftung dazu, vor „der Überlastung und sogar dem Zusammenbruch der Gesundheitssysteme“ zu warnen.

Laut Hallal ist der Bundesstaat Rio Grande do Sul überlastet: „Hier im Süden Brasiliens ist die Situation wirklich schlimm, unsere Intensivstationen sind zu mehr als 100 Prozent belegt.“ Er merkte außerdem an, dass sich die Bevölkerung von der Bundesregierung im Stich gelassen“ fühle. Das läge, wie ein Bürger vor einem Krankenhaus erläuterte, daran, dass „die Politiker zu lange gebraucht haben, um zu handeln.“ Er stellte fest: „Wir armen Leute zahlen dafür.“

Gefahr durch neue Varianten

Erschwerend kommt hinzu, dass die neue Variante P1 leichter übertragbar ist als die ursprüngliche Version des Virus und dass die Immunität, die man erlangt, wenn man an der Originalversion erkrankt ist, bei dieser Variante nicht wirken könnte.

Das Institut Fiocruz wies außerdem letzte Woche darauf hin, dass die Variante P1 nur eine der besorgniserregenden Varianten sei, da diese in sechs von acht vom Institut untersuchten Fällen aufgetreten sei. Diesbezüglich sagte Carissa Etienne, Direktorin der Pan American Health Organization, zur Situation in Brasilien, dass die Gebiete, die in der Vergangenheit am stärksten vom Virus betroffen waren, auch heute noch am anfälligsten für Infektionen sind.“ Auch der Epidemiologe Hallal erkannte, dass das Problem weit über diese neue Variante hinausgeht: „Wir wissen, dass die neue Variante leichter übertragbar ist, und wir haben Hinweise darauf, dass sie etwas aggressiver sein könnte als das ursprüngliche Virus, aber es geht nicht nur um diese Variante. Es ist Sommer in diesem südlichen Teil der Welt und die Menschen hier haben an Silvester überall an Massenveranstaltungen teilgenommen. Deshalb muss ich als Wissenschaftler auch sagen, dass die Variante es zwar schwieriger macht, aber dass es nicht nur daran liegt.“

Mangelnde Unterstützung der Regierung

Damit weist der Experte auch darauf hin, dass die Maßnahmen, die im öffentlichen Gesundheitssektor getroffen wurden, nicht ausreichen, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen: „Wir müssen die Maßnahmen mit einer beschleunigten Impfkampagne kombinieren, aber die gibt es nicht. Wir brauchen sofort die Aufmerksamkeit der Pharmaindustrie und anderer Regierungen.  Denn wenn wir hier nicht bald anfangen, die Bevölkerung zu impfen, wird es zu einer großen Tragödie kommen.“

Präsident Jair Bolsonaro hat der aktuellen Situation den Rücken gekehrt und sich gegen Quarantänemaßnahmen gestellt, einzig mit dem Argument, dass sie der Wirtschaft des Landes weiter schaden würden. Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva nannte Bolsonaros Entscheidung vor kurzem „dumm“ und empfahl den Menschen, sich impfen zu lassen. Er behauptete, dass „viele Todesfälle hätten vermieden werden können.“ Das war allerdings nicht die erste Kritik an Bolsonaro, denn auch sein ehemaliger Verbündeter João Doria nannte laut Aussagen Lula da Silvas den Präsidenten einen „Verrückten“. Dieser hingegen ruft die Bevölkerung dazu auf, mit dem “Jammern” aufzuhören und weist Lulas Kritik zurück. Seiner Meinung nach hätte seine Regierung hart genug dafür gearbeitet, das Virus zu stoppen.

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