Alle unter einem Dach – das Gesundheitskollektiv Berlin

Die Baustelle auf de Gelände der alten Kindlbrauerei in Berlin-Neukölln: hier entsteht das Stadtteil-Gesundheitszentrum / Foto: Antje Vieth

(Berlin, 27. Dezember 2021, poonal).- „Es gibt kein gesundes Leben im kranken System“, ist der Slogan des Poliklinik-Syndikats. Der Verein bringt die drei solidarischen Gesundheitszentren, die es in Deutschland gibt, zusammen. Alternative medizinische Versorgung; Polikliniken, die interdisziplinär Stadtteile versorgen; Gemeinschaftsapotheken, die die Grundversorgung der Nachbarschaft organisieren oder Communities, die sich ihre Gesundheitsversorgung durch Selbstorganisierung sichern – über all das berichtet Radio Onda in der Regel, wenn es um Lateinamerika geht. Um so neugieriger wurden wir, als wir von einem ähnlichen Ansatz hörten, diesmal mitten in Berlin. Denn in Deutschland ist Gesundheitsversorgung in der Regel vor allem eins: ein Markt. Und sie muss wettbewerbsfähig sein. Gespannt machten wir uns also auf den Weg, um das Gesundheitskollektiv Berlin, kurz GeKo, kennenzulernen.

Ein Zentrum wird gebaut

Eine Baustelle in der alten Kindlbrauerei in Berlin-Neukölln. Dort treffe ich Jörn, Xao-Si, Eva und Ali. Sie schleppen gerade Kisten, renovieren, verlegen die letzten Leitungen, denn morgen ist Brandschutzabnahme. Auf dem gut dreitausend Quadratmeter großen Grundstück soll noch vor dem Jahreswechsel das Stadtteil-Gesundheitszentrum eröffnen. Arztpraxis, Kinderarztpraxis, diverse Beratungsangebote, Kiez- und Nachbarschaftsprojekte, Frauenprojekte und Sportangebote werden hier unter einem Dach vereint sein.

Shao-Xi ist Physiotherapeutin und Gesundheitswissenschaftlerin. Sie arbeitet schon seit fünf Jahren beim GeKo Berlin und erzählt: „Gerade ziehen wir alle hier ein. Neben uns werden die Praxen eingerichtet. Unsere ganzen Möbel vom Vereinsteil stehen gerade hier oben. Jeden Tag hoffen wir, dass die lose herunterhängenden Kabel weg sind, damit wir die Räume betreten können. Die letzten Jahre sind wir immer nur in Zwischenlösungen umgezogen“. Shao-Xi hat das GeKo bei einem Kongress zum Thema Armut und Gesundheit kennengelernt, sie wollte sich als Physiotherapeutin zu sozialen Themen vernetzen, um die vielen sozialen Probleme zu lösen, die sie vor allem bei Hausbesuchen erlebte. „Ich fand, da gab es eine Lücke. Ich habe irgendwie versucht, das alleine aufzubauen und war total begeistert, dass es andere Leute gab, die auch die gleiche Idee hatten“, berichtet sie.

Gegründet wurde das Gesundheitskollektiv als gemeinnütziger Verein im Jahr 2016. In Deutschland gibt es trotz juristischer Hürden bereits drei weitere solcher Kliniken in Veddel bei Hamburg, Dresden und Leipzig. In Köln-Kalk ist eine Gruppe gerade in der Gründungsphase. Ganz einfach ist die Umsetzung nicht, da es in Deutschland ein sogenanntes Kooperationsverbot gibt, erklärt Shao-Xi. Denn die Idee wäre ja, zwischen Physiotherapeut*innen, Ergotherapeut*innen und Ärzt*innen zusammenzuarbeiten. Das geht aber nicht so ohne weiteres: Denn wenn Ärzt*innen mit einer Physiotherapie kooperieren würden, würden sie diese monetär bevorteilen. Das wäre dann eine Art von Wettbewerbsverzerrung, daher das Kooperationsverbot.

Das Kooperationsverbot

Unter anderem deshalb hat GeKo sich entschieden, zunächst ohne eine Physiotherapie im Haus zu arbeiten. Dabei sind Polikliniken zum Beispiel in Lateinamerika Standard, auch in der DDR waren sie ein gängiges Modell. Jörn, der für die Kinderarztpraxis beim GeKo arbeitet, kennt andere Konzepte von seiner Arbeit in Südafrika. Dort sei es interdisziplinär, standardisiert und genau auf das ausgerichtet, was der Stadtteil braucht. Zunächst einmal die grundlegende Gesundheitsversorgung und dann werde festgeschrieben, wie viele Leute von einer Klinik betreut werden müssen. „Das ist hier anders: Für jeden, der rein kommt, muss man ja irgendwas abrechnen und man kann sich gar nicht auf die Bevölkerung des Stadtteils konzentrieren, sondern muss versuchen, wirtschaftlich zu arbeiten“, berichtet Jörn.

Stadtteilarbeit, die Vernetzung und der Austausch mit der Nachbarschaft – Gesundheitszentren beziehen das gesamte Leben und den Alltags der Menschen mit ein und behandeln eben nicht nur einzelne Symptome. Deshalb hat das GeKo neben der allgemeinmedizinischen und der Kinderarztpraxis vor allem ein umfassendes Beratungsangebot und eine gute Verankerung im Neuköllner Kiez. Eva ist eigentlich Kinderkrankenschwester und arbeitet bei GeKo in der aufsuchenden Beratung. Sie berichtet: „Wir versuchen, ein möglichst niederschwelliges Angebot zu machen, dadurch dass ich hauptsächlich mit der Kinderarztpraxis zusammenarbeite, aber dann später im Zentrum auch mit der allgemeinmedizinischen Praxis.“ Sie wollen eine möglichst stigmafreie Beratung: „Also nicht so: ‚Ah ok, sie haben ein geringes Einkommen, dann gehen sie mal zu Sozialberatung‘, sondern, dass man eine hohe Präsenz hat und allen das Angebot vorstellt“.

Bild: GeKo Berlin

Die über 20 Mitglieder des Gesundheitskollektivs lassen ihre sehr unterschiedlichen Lebenswege und Erfahrungen zusammenfließen. Jörn erzählt, was ihn in Südafrika inspiriert habe: „Ich war mal mit einer Schwester unterwegs, die hat zum Beispiel gesagt: ‚Zum Thema HIV-Prävention müssen wir natürlich dahingehen, wo die Leute sind. Das waren die illegalen Kneipen in dem Township in diesem Stadtteil und wir müssen da Kondome hinbringen, wir müssen da Aufklärung machen.‘ Oder sie hat sich an das lokale Radio von diesem Stadtteil gewandt und da eine Fragestunde gemacht, wo die Leute anrufen konnten (…). Oder wir haben die ganzen illegalen Kindergärten und sie ist dahin gegangen und hat gesagt: ‚So: Morgen kommen wir hier vorbei, die Eltern sollen die Impfpässe mitbringen, wir sorgen dafür, dass die Kinder gegen die impfbaren Krankheiten durchgeimpft sind‘. Vom Zentrum rausgehen in den Stadtteil, das ist das, was ich gerne noch umsetzen würde“.

Im Kiez unterwegs

Ali ist für GeKo im Kiez unterwegs. Neben Sportangeboten für Kinder und Jugendliche arbeitet er in der Stadtteilarbeit, etwa, wenn es um die Suche nach einem Kitaplatz geht. „Die Eltern fangen an, einen Kitaplatz zu suchen, aber es ist sehr sehr sehr schwer. Wir haben keine Kitaplätze, aber was wir machen können, ist erst mal gut informieren. Was sind ihre Rechte? Wie kann man einen Kitaplatz bekommen? (…). Ich bin mit allen Einrichtungen hier sehr gut vernetzt.“

Die gute Verankerung im Kiez sei für das Gesundheitskollektiv wichtig – aber auch die Möglichkeit, nun endlich mit allen Angeboten unter einem Dach vereint zu sein. Jörn erläutert: „Finanzielle Hilfen zu beantragen oder eine Psychotherapie, oder erstmal eine psychologische Beratung für Krisensituationen – hier kann man die Leute in derselben Praxis oder im selben Gebäude gleich irgendwo hinschicken. Bisher mussten wir ihnen sagen, dass sie irgendwo anrufen und einen Termin machen müssen. Dann mussten sie das wieder finden, das sind so viele Schwellen, dass sie am Ende gar nicht da ankommen. Und hier können wir dann sagen: ‚Guck mal, da vorne ist jemand an der Glasscheibe, da kannst du gleich klopfen.'“

Kinderschutz

Neben den beiden Praxen und den Beratungsangeboten arbeitet GeKo auch an politischen und sozialen Themen, die konzeptionell mit einfließen. Ein besonders wichtiges Thema ist der Kinderschutz. Hier vernetzt sich das Kollektiv mit der Kinderschutzambulanz, dem gemeinnützigen Kinderschutzverein Maruschka sowie Kinder-, Jugend- und Gesundheitsdiensten. Gerade ist GeKo dabei, eigene Kriterien zu standardisieren und schriftlich festzuhalten. Eva berichtet: „Das ist das Besondere vom GeKo: Dass wir uns die Mühe machen, ein Kinderschutzkonzept für eine Kinderarztpraxis erarbeiten. Das ist nichts verpflichtendes, um eine Kinderarztpraxis zu eröffnen. Sondern das ist einfach unser Anspruch, weil wir gerne eine gute Medizin machen wollen“.

Ein Kriterium sei zum Beispiel der Umgang mit den Grenzen der Kinder. Eva erklärt: „Wo übertreten wir selber auch Grenzen von Kindern? Zum Beispiel bei der Blutentnahme, da müssen die Kinder festgehalten werden. Da reflektieren wir: ‚Ok, es ist aber schon ein Eingriff in die Freiheit, man verletzt da ein Kind und es tut ihm weh und das Kind versteht das vielleicht nicht.‘ Dass man sich selber bewusst macht, dass man in die Intimsphäre von einem Menschen eingreift, auch wenn das der Auftrag in dem Moment ist und man die Fürsorgepflicht in dem Moment auch erfüllt. Trotzdem darf man das nicht vergessen.“

Auch teure Mieten machen krank

Gesundheit wird in der alltäglichen Umgebung hergestellt, also in den sozialen Verhältnissen. Denn nicht nur Umweltgifte und Stress machen krank, sondern auch teure Mieten, prekäre Lebensverhältnisse und Diskriminierung. „Es gibt in Deutschland noch eine andere Armut. Sie ist nicht so prekär, wie ich es jetzt aus Südafrika kenne, aber trotzdem ist sie prekär und sie ist noch schambesetzter, glaube ich. Denn es ist äußerlich nicht sofort sichtbar, die Leute leben aber trotzdem in prekären Verhältnissen“, meint Jörn.

Eine solidarische Gesundheitsversorgung heißt auch, dass alle Zugang zu medizinischer und psychosozialer Versorgung bekommen müssen. Das Gesundheitskollektiv trägt seinen Teil dazu bei, diesem Anspruch in Berlin-Neukölln gerecht zu werden.

Wenn ihr mehr über GeKo erfahren wollt, besucht doch mal die Website oder geht im Berliner Rollbergkiez vorbei.

Zum gleichen Thema gibt es auch einen Audio-Beitrag bei Radio Onda!

 

CC BY-SA 4.0 Alle unter einem Dach – das Gesundheitskollektiv Berlin von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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