Aus allen Wolken fällen

Es ist ein poetisches Bild: zur rechten Seite der Straße erheben sich hohe Bäume im tiefsten Grün. Dicht an dicht wachsen sie bis hinunter zum Meer. Die Luft ist immer noch warm und feucht in der späten Nachmittagssonne, die auf die Baumwipfel am Rand des Wolkenwaldes nahe Mompiche an der Küste Ecuadors scheint. Auf der anderen Seite stehen große in langen geraden Reihen gepflanzte Bäume: Palmölplantagen. Weiter unten im Tal werden sie von Shrimp Pools abgelöst, hier und da sieht man auch Maisfelder. Ein erschreckender Kontrast.

Wolkenwälder sind eine Vorstufe des Gebirgsregenwaldes die ihren Namen durch die tiefhängenden Wolken und Nebel erhalten, die durch die Mischung aus kühler Luft und dem ständig tropisch- feuchten Klima häufig entstehen. „Diese Straße teilt Alles was wir tun, was wir immer noch haben und was passieren wird, wenn wir nicht schnell etwas unternehmen“ erklärt Stefano Bajak, Regisseur und Umweltaktivist, der versucht den Wolkenwald um Mompiche zu retten.
Er sitzt am Steuer des bis zum Rand mit Touristen gefüllten Pickups unterwegs zu seinem Haus am Rande des Wolkenwaldes. Mit „dem was wir noch haben“ meint er die Natur, die er versucht zu schützen, denn Ecuadors Regenwälder werden mit einer Rate von ungefähr 1900 km2 pro Jahr abgeholzt. Bei dieser Geschwindigkeit prognostiziert die Umweltorganisation Rainforestrescue, dass das Land in dreißig Jahren komplett gerodet sein wird. „Es ist als ob man jemand eine Plastiktüte über den Kopf zieht“ fügt Stefano bitter hinzu, „so werden wir uns bald alle fühlen“.

Die Zerstörung des Wolkenwaldes

Der Wolkenwald, in dem wir uns befinden ist ein Ausläufer des Tumbes-Chocó-Magdalena-Gebiets, einer Kette von tropischen Regen- und Trockenwäldern, die sich an der Pazifikküste Südamerikas erstrecken. Die Region ist durch Besiedelung, aber auch Jagd und Abholzung stark gefährdet. Besonders betroffen sind die Küstenwälder. Ein Blick in die Archive der Diversity Hotspots zeigt, dass mittlerweile nur noch zwei Prozent der ursprünglichen Fläche existieren.

Stefanos Haus steht am Rande eines der verblieben Waldstücke, und als wir in die Auffahrt einbiegen sehen wir als Erstes einen roten Truck und drei Männer mit Motorsägen, die große Stämme auf die Ladefläche hieven. „Ich kann jemanden dem hier ein Stück Wald gehört nicht einfach sagen, dass er nicht roden darf“, erklärt Stefano.  Stattdessen hat er selbst vor drei Jahren 15000m2 Land gekauft, um es zu schützen. „Wir betreten es nur um heimische Bäume zu pflanzen, wie Guayacan, Maulbeere, Kautschuk und Mango, alles endemische Pflanzen, von denen sich die Tiere ernähren, die dort leben.“
Und davon gibt es Einige. Unter den über achthundert Vogelarten und etwa zweihundert Säugetieren sind zum Beispiel Wasserschweine, Pakas, Agoutis, Brüllaffen und Tukane.
Um die Zerstörung des Wolkenwaldes einzudämmen haben Stefano und seine Frau Chrissy eine Stiftung gegründet um mit Hilfe eines Crowdfunding-Projekts genug Geld zu sammeln, um großflächig Land zu privatisieren und dieses zu einem Reservat zu erklären.

Die Stiftung „Save the paradise” rettet Teile des Gebietes

Als wir Stefano einige Wochen später wiedertreffen, erzählt er, dass die Männer, die wir bei dem roten Truck gesehen hatten, in das Schutzgebiet eingebrochen waren und ungefähr sechzehn Bäume gefällt hatten. Er vermutet dahinter eine Art Rache dafür, dass er einige Tage vor unserer Tour versucht hatte sie vom Roden abzuhalten. „Die sechzehn Bäume waren auf meinem Land, aber insgesamt waren sie sechs Tage in der Umgebung, sechs Tage mit Kettensägen – das ist eine Menge Holz“.
Ich frage ihn wie so etwas in Zukunft verhindert werden kann, besonders wenn das Reservat durch das Crowdfunding hoffentlich bald ausgeweitet wird. „Wir planen Überwachungskameras und ich habe bereits eine Drohne mit der ich schon jetzt häufig über das Gebiet fliege“. Sobald das Land privatisiert ist, ist es leichter zu schützen, denn wer illegaler weise Bäume abholzt oder jagt dem droht Gefängnis. „Bis das Umweltministerium reagiert dauert es zu lange, einmal habe ich dort angerufen, weil auf dem Land eines Freundes gerodet wurde und sie versprachen zu kommen – einige Tage später. Aber wenn es unser eigenes Land ist können wir die Polizei rufen, die sofort regieren muss.“

Aber zunächst geht unsere Tour weiter, den letzten Abhang hinunter zu dem Flussbett ins Paradies. Ein kleiner Wasserfall stürzt den Seitenhang des schluchtartigen Tals hinunter und mündet in den Fluss, einzelne Lichtflecken durchbrechen den Halbtunnel, den die Pflanzen über unseren Köpfen formen. Die andächtige Stille, die über Allem liegt, ist allerdings ein schlechtes Zeichen. „Normalerweise kann man hier viele Vögel und Reptilien sehen, sogar die Affen kommen sehr nah“, meint Stefano „aber natürlich verstecken und fliehen sie alle vor dem Geräusch der Kettensägen“.

Es ist mit Nichts zu vergleichen, dass ich je gesehen habe, nur umgeben von Wasser und Wald ist die archaische Schönheit der Natur überwältigend. Für eine Weile sitzen wir einfach nur auf den Steinen, sehen in das ruhig fließende Wasser und beobachteten die kleinen, neugierigen Fische. In den mittlerweile zahlreichen privaten Reservaten Ecuadors findet man, laut dem Wissenschaftsmagazin Spektrum, trotz den oft kleinen Flächen, häufig mehr Vogelarten als in ganz Deutschland. Kein Wunder, denn Ecuador gilt trotz seiner geringen Größe als artenreichste Land der Erde. Von den über zwanzigtausend Pflanzenarten sind etwa zwanzig-prozent einheimisch, dazu kommen über viertausend Insekten-, hunderte von Reptilien und tausende Vogelarten, insgesamt zweimal so viel wie in Nordamerika und Europa zusammen.
Neben den Fischen sind einige Blattschneiderameisen die einzigen Tiere, die wir zu Gesicht bekommen und die unnatürliche Stille, die um uns herrscht spricht deutlich von den vertriebenen Vögeln. Die großflächige Rodung des Wolkenwaldes begann in den 1950er Jahre als die Regierung die Kolonisation der Gegend vorantrieb, mit dem Ziel Ecuadors Landwirtschaftssektor zu stärken.

In nur zwanzig Jahren verwandelten sich so viele Teile der Küste von einem Primären Regenwald mit Amazonas-ähnlichem Ökosystem in Weideland und Plantagen.
Wir müssen jetzt retten was noch da ist“ sagt Stefano. „Wir könnten wirklich nicht dümmer sein, es passiert direkt vor unseren Augen. Mittlerweile ist schon spürbar, wie sich das Klima ändert, sogar in den Städten überall auf der Welt. Die Menschheit steht auf einem sehr dünnen Grad zwischen der richtigen und einer schlechten Entscheidung“.

Am Ende des Tages stehe ich auf der Terrasse vor Stefanos Haus und blicke über den Wolkenwald bis hinunter zum Meer. Es ist beinahe unvorstellbar, dass ich zu den letzten Menschen gehören könnte, die diese Natur noch zu Gesicht bekommt. Wenn jetzt kein Wandel stattfindet wird in wenigen Jahren nichts mehr übrig sein als Maisfelder, Palmen, Eukalyptus und Shrimp Pools.

Die Stiftung

„Das einzige was wir jetzt tun können ist das Land selber aufzukaufen und zum Reservat erklären zu lassen. Wenn das gelingt können selbst unsere eigenen Kinder es nicht anrühren. Das Crowdfunding Projekt beginnt mit vierzig Hektar, das ist Nichts, wenn man bedenkt wie viel wir noch schützen müssen aber viel, wenn man bedenkt wie viele Spezies dort sicher leben können. Das Gute ist, dass es andere Menschen gibt, die das Gleiche tun. Zusammen können wir ein großes geschütztes Gebiet schaffen.“

Link zum Crowdfunding Projekt, der Nonprofit Organisation „Save the Paradise“:
http://savetheparadise.com

Elin Disse ist mit dem Freiwilligenaustausch weltweit ICJA in Ecuador.

CC BY-SA 4.0 Aus allen Wolken fällen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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5 Kommentare zu „Aus allen Wolken fällen

  1. Ein klasse Artikel zu einem Thema, das uns sehr am Herzen liegt. Elin, vielen Dank für das Zusammentragen der Fakten und die liebevolle Beschreibung deiner Eindrücke!

  2. Interessant, informativ und bedrückend – man fühlt sich sofort in die Szenerie hineinversetzt, macht eine gedankliche Weltreise, und lernt dabei fast unmerklich eine ganze Menge über die Hintergründe. Die kleinen lokalen Ärgernisse haben tatsächlich globale Auswirkungen. Ein wirklich wirkungsvoller Aufruf, bei dem man sogar aktiv werden kann!

    1. Vielen Dank für die liebe Rückmeldung! Ich freue mich, dass es dir gefallen hat. Und du hast es eigentlich perfekt auf den Punkt gebracht: selbst Probleme die uns sehr weit weg erscheinen mögen, betreffen uns alle.

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