Das evangelikale Megaunternehmen, das zusammen mit Bolsonaro die Macht übernehmen will

Macedo Bolsonaro
Edir Macedo und Jair Bolsonaro. Bild: El Desconcierto

(Santiago de Chile, 15. Oktober 2018, pressenza).- Edir Macedo hat vor über 40 Jahren die größte evangelikale Kirche Brasiliens gegründet. Heute versammeln sich über acht Millionen Gläubige aus den ärmsten sozialen Schichten in 7.000 Tempeln. Der Neffe Macedos ist der Bürgermeister von Río de Janeiro. Sollte Bolsonaro Präsident werden, werden Macedo und seine Universalkirche zusammen mit ihm in den Präsidentenpalast einziehen.

Es gibt viele Gründe für den überraschenden und atemberaubenden Aufschwung, den die Kandidatur von Jair Bolsonaro in der letzten Woche des ersten Wahlgangs der Präsidentschaftswahlen in Brasilien genommen hat. Aber es gibt einen Grund, der entscheidend sein könnte für die tiefgreifenden Veränderungen, die das Land erleiden könnte, falls der ultrarechte Kandidat im zweiten Wahlgang am 28. Oktober gewinnt.

Am 29. September fanden in mehreren Städten Brasiliens gigantische Frauendemonstrationen gegen Bolsonaro statt. Damals glaubte man, diese Demonstrationen würden die Ablehnung der Frauen gegen Bolsonaro vervielfältigen. Doch einen Tag zuvor, am 28. September, trafen sich Bolsonaros Wahlstrateg*innen mit dem Pastor und Großunternehmer Edir Macedo, dem Gründer und Besitzer der größten evangelikalen Institution Brasiliens: Der Universalkirche des Königreichs Gottes IURD (Igreja Universal do Reino de Deus).

Hasspredigten gegen Haddad

Als am folgenden Tag Millionen Frauen gegen Bolsonaro auf die Straße gingen, begannen die Pastoren in den landesweit über 7.000 IURD-Kirchen, ihre Gebete in Hasspredigten gegen die Arbeiterpartei PT von Fernando Haddad umzuwandeln. Haddad und seine Partei wurden als Feinde der Familie und der christlichen Werte gebrandmarkt, während Bolsonaro als derjenige gepriesen wurde, der Brasilien vor dem Untergang retten würde. Diese Aufgabe ist seitdem jeden Tag wiederholt worden – mit deutlich sichtbaren Resultaten. Vor allem die Ablehnung von Haddad ist in den ersten vier Tagen im Oktober um zehn Prozent angestiegen.

Die Universalkirche wurde 1977 von den Pastoren Edir Macedo und Romildo Ribeiro Soares gegründet. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde aus der Sekte ein Megaunternehmen mit über 7.000 Tempeln in ganz Brasilien, in denen sich über acht Millionen Gläubige versammeln. Diese stammen überwiegend aus den unteren sozialen Schichten. Inzwischen gibt es die IURD auch in über 100 Ländern auf allen fünf Kontinenten. Auch in Chile ist sie unter dem Motto „pare de sufrir“ („hör auf zu leiden“) aus ihren morgendlichen Fernsehmessen bekannt. Es ist nicht genau bekannt, wie viele Tempel und Gläubige die Kirche in anderen Ländern hat.

Das evangelikale Imperium machte Macedo zum Milliardär

In Brasilien ist die Universalkirche ein gigantisches Imperium, eine Maschine, die den Glauben anderer in Geld umwandelt. Seit den 90er Jahren hat die Kirche neue Formen gefunden, ihre Macht zu demonstrieren: Die IURD ließ in allen wichtigen Städten Brasiliens Megatempel erbauen, kaufte einen bankrotten Fernsehsender (TV Record) und machte ihn zum zweitwichtigsten Sender des Landes. All diese Erfolge brachten Edir Macedo bis auf die Forbes-Weltrangliste der Milliardäre, auf der er erstmals 2016 landete.

Die Universalkirche hat zudem enorme politische Macht erlangt und ihre eigene Partei gegründet, die Republikanische Partei Brasiliens PRB. Als Mitglied dieser Partei wurde Marcelo Crivello, Macedos Neffe, 2016 zum Bürgermeister von Río de Janeiro gewählt.

Im jetzigen Wahlkampf hat die PRB zunächst den neoliberalen Präsidentschaftskandidaten Geraldo Alckmin von der Sozialdemokratischen Partei PSDB unterstützt (sozialdemokratisch nur dem Namen nach, in Wirklichkeit aber ultra-neoliberal), der im ersten Wahlgang aber nur Vierter wurde. Als Macedo erkannte, dass die Kampagne von Alckmin zum Scheitern verurteilt war, ist er mit seinem Imperium (Kirche, Fernsehkanal und Partei) mit aller Kraft auf den Wahlkampfzug von Bolsonaro aufgesprungen. Am 13. Oktober berichtete die Webseite The Intercept Brasil, wie Journalist*innen bedrängt wurden, damit sie positiv über Bolsonaro schreiben und Haddad ablehnen. Der Artikel zeigt auch, dass einige Journalist*innen sich weigerten, solche Berichte zu schreiben; andere haben jedoch einfach ihre Namen unter den Berichten weggelassen.

Globo fürchtet um Vormachtstellung

Angesichts dieses taktischen Bündnisses könnte der wahrscheinliche Einzug Bolsonaros in den Präsidentenpalast auch die Erlangung von noch mehr Macht für Edir Macedo und die Universalkirche bedeuten. Dazu könnte möglicherweise gehören, dass die neue Regierung TV Record darin unterstützt, der bisher allmächtigen Mediengruppe Globo die mediale Hoheit abzunehmen, die Globo über ein halbes Jahrhundert lang innehatte.

Das multimediale Globo-Imperium der Familie Marinho war das erste Medium, dass das Spiel von Macedo durchschaut hat, als er sich zum Partner von Bolsonaro gemacht hatte. Vielleicht half dabei auch ein Blick in die eigene Vergangenheit: Globo war eine drittklassige Tageszeitung, die auf Río de Janeiro beschränkt war – bis der Unternehmer Roberto Marinho, verstorbener Vater der jetzigen Eigentümer, zum wichtigsten Unterstützer des Militärputsches von 1964 wurde und als Belohnung im Jahr darauf den Fernsehkanal erhielt. Er errichtete sein Medienimperium mit Hilfe der Diktatur, für die er 21 Jahre lang quasi als Sprachrohr diente.

Das Unternehmen Globo befürchtet, Macedo habe sich mit Bolsonaro verbündet, um Globo vom Thron zu stürzen. Am Tag nach der dem ersten Wahlgang unternahm das Unternehmen einen Schritt, der viele überraschte. Die erzkonservative Zeitung Globo, bekannt für ihre scharfe Kritik an der Arbeiterpartei PT und ihren Führungspersonen wie Lula da Silva, Dilma Rousseff und Fernando Haddad, schlug nun bei der Wahlanalyse am 8. Oktober ganz andere Töne an: “Trotz ihrer Fehler war die PT immer eine demokratische Partei”, hieß es nun. “Sie ist zur Verteidigung der Demokratie entstanden und auch die Demokratie steht in der zweiten Runde auf dem Spiel”. Das ist weit entfernt von der traditionellen Position des Unternehmens.

Anspielung an “Deutschland über alles”

Zudem wurden nun Reportagen veröffentlicht, die den Diskurs Bolsonaros mit dem Nationalsozialismus vergleichen; sein Slogan “Brasilien über alles und Gott über allen” ist eine klare Anspielung an “Deutschland über alles”. Gleichzeitig beinhaltete die Playlist des Fernsehsenders Filme wie “der Pianist” von Roman Polanski und “das Leben ist schön” von Roberto Benigni.

Dennoch wird dieser Richtungswechsel von Globo keine größeren Auswirkungen auf einen Wahlkampf haben, in dem das Fernsehen an Einfluss verloren hat, vor allem gegenüber den sozialen Netzwerken wie Facebook und WhatsApp – die Medien, die die Wähler*innen am Meisten beeinflusst haben.

Fakt ist: Bolsonaro ist klarer Favorit für die Wahlen am 28. Oktober, und das würde ihm zusammen mit Edir Macedo und seiner Universalkirche den Zugang in den Präsidentenpalast ermöglichen. Niemand weiß, was der Kandidat und der Pastor genau vereinbart haben, aber es fällt nicht schwer, es sich vorzustellen. Die Chefs von Globo können es sich denken, genauso wie der Vorstand der PT und die katholische Bischofskonferenz. Sie sind diejenigen, die am meisten an Macht verlieren können – aber es wäre naiv zu glauben, dass ein Wahlsieg Bolsonaros nicht viel mehr Bereiche schwer beschädigt; vielleicht sogar die Demokratie an sich.

*Artikel übernommen von der chilenischen Tageszeitung El Desconcierto.

CC BY-SA 4.0 Das evangelikale Megaunternehmen, das zusammen mit Bolsonaro die Macht übernehmen will von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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