Venezuela

Zwei Minister bestreiten Massaker an Yanomami


von Iván Herrera

yanomamis. Foto: http://ceirberea.blogdiario.com/1224085860/(Lima, 04. September 2012, servindi).- In Venezuela nimmt die Auseinandersetzung zwischen Regierung und Indigenen-Organisationen an Schärfe zu bezüglich eines Massakers, das Goldgräber*innen im Grenzgebiet zu Brasilien an bis zu 80 Yanomami verübt haben sollen. Ein Minister und eine Ministerin behaupteten, es ließen sich keine Beweise für ein solches Verbrechen finden. Nachdem die Nachricht bekannt geworden war, hatte Venezuelas Regierung eine Kommission, zu der auch Vertreter*innen des Militärs zählten, vor Ort geschickt, um Aufklärung zu betreiben.

Yanomami werden zu Chávez-Fans erklärt

Innenminister Tareck el Aissami sagte im staatlichen venezolanischen Fernsehen, es handele sich um eine Falschmeldung. Die in Frage stehenden Yanomami-Gemeinden seien aufgesucht worden. Weder hätten die Indigenen Klagen erhoben, noch hätten sich Anzeichen von Gewalt gefunden. Im Gegenteil, die Indigenen hätten sich für die Unterstützung bedankt, die ihnen die bolivarische Regierung von Präsident Hugo Chávez zukommen lasse, holte der Minister zu einem Selbstlob aus.

Im gleichen Sinne hatte sich zuvor bereits die Ministerin für die indigenen Völker, Nicia Maldonado, geäußert. Sie war daraufhin von der ehemaligen Abgeordneten Pastora Medina der Lüge bezichtigt worden. Die Kommission habe überhaupt nicht innerhalb der angegebenen Zeit am in Frage stehenden Ort eingetroffen sein können. Es sei ein Ding der Unmöglichkeit, sich innerhalb von 24 Stunden Gewissheit zu verschaffen. Um in das entlegene Gebiet zu gelangen, müsse man zunächst ein Kleinflugzeug nehmen, dann in einen Helikopter umsteigen, und anschließend einen sechstägigen Fußmarsch hinter sich legen. Der Rückweg erfordere genau so viel Zeit.

Journalist*innen bei Aufklärung unerwünscht

Liboro Guarulla / Omar Sierra, copyleft, aporrea.orgDie für indigene Fragen zuständige Ministerin des venezolanischen Bundesstaates Amazonas, Hilario Linares, forderte die Regierung in Caracas dazu auf, mit Fotos zu belegen, dass die Yanomami-Gemeinde Irotatheri unversehrt sei. Linares sagte, sie bereite ein Treffen mit indigenen Anführer*innen vor, um an den Ort des in Frage stehenden Massakers zu gelangen.

Der Gouverneur des Bundesstaates Amazonas, Liboro Guarulla, kritisierte indessen, dass der Abordnung weder Vertreter*innen indigener Organisationen noch Journalist*innen angehört hätten.

Gleichzeitig beschuldigte der Gouverneur das Militär, den Yanomami Luis Shatiwe, ein führendes Mitglied der Indigenen-Organisation Horonami, entführt zu haben, gemeinsam mit zwei anderen Personen, die ein Massaker angeprangert hätten. Shatiwe, der als erster über das Massaker gesprochen habe, sei in eine Garnison gebracht worden. Das Militär habe ihm verboten zu reden, so Gouverneur Guarulla. Da er sich keines Vergehens schuldig gemacht habe, sei das Wort Entführung angebracht. Caracas habe es zudem den Vertreter*innen von Organisationen, die sich für die Indigenenrechte einsetzen, sowie Journalist*innen untersagt, sich in die Zone zu begeben.

Venezuelas Militär verdient sich eine goldene Nase

Der Abgeordnete Andrés Avelino Álvarez von der sozialdemokratischen Oppositionspartei „Un Nuevo Tiempo“ („Eine neue Zeit“) verwies in Zusammenhang mit den Ungereimtheiten darauf, dass der venezolanische Staat keine Politik zur Sicherung der Landesgrenze habe. Er machte die Generäle Jesús Zambrano Mata und Pinto Gutièrrez für angebliche Unregelmäßigkeiten im Grenzgebiet verantwortlich. Die Militärs mischten selbst im Goldhandel mit und sei daher auch an der Vertreibung von Yanomami-Gemeinden beteiligt. Zur angeblichen Aufklärung des Massakers merkte Andrés Avelino Álvarez an, diese sei mit erheblichen Mängeln behaftet, vor allem hätten der Kommission keine Gerichtsmediziner*innen angehört.

Der Zusammenschluss indigener Organisationen des Bundesstaates Amazonas Coiam (Coordinación de Organizaciones Indígenas de Amazonas) wies unterdessen in einem Kommuniqué die offizielle Behauptung zurück, Beweise für ein Massaker hätten sich nicht finden lassen. Die Kommission sei überhaupt nicht bis zur Yanomami-Gemeinde Irotatheri gekommen und habe sich daher kein Urteil bilden können. Die Aufklärung müsse fortgesetzt werden, was ausschließlich vor Ort in Irothateri möglich sei. Das Kommuniqué ruft sowohl Venezuela als auch Brasilien dazu auf, der Gewalt gegen die Yanomami durch illegal operierende brasilianische Goldgräber*innen ein Ende zu bereiten.

Konflikt als Wahlkampf-Munition

Der Konflikt wird auch durch die am 7. Oktober anstehenden Präsidentschaftswahlen in Venezuela verschärft. Regierung und Opposition werfen sich gegenseitig vor, das Thema politisch zu missbrauchen. Bischof Divassón Cilveti bedauerte dies und rief dazu auf, die Wahrheit ausfindig zu machen. Es gehe nicht nur um diesen Fall, sondern es seien auch andere Yanomami-Gemeinden durch Garimpeiros bedroht. Diese schleppten außerdem Krankheiten in die Region ein, denen die Indigenen schutzlos ausgesetzt seien, was zu Todesfällen führe. Zudem schadeten die Goldgräber*innen der Umwelt.

 

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