Mexiko
Fokus: Menschenrechte 2016

Wir wollen leben – Vom Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt in Mexiko


Von Katja Fritsche

Frauen machen mobil gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Foto: Katja Fritsche

(Mexiko-Stadt , 09. Januar 2017, npl).- Am 25. November 2016 wurde weltweit der Internationale Tag zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen begangen. So auch in Mexiko. Alle dreieinhalb Stunden wird dort eine Frau ermordet. 2.000 sind es jedes Jahr – Tendenz steigend. Die Täter sind in der überwiegenden Mehrheit nahe Bekannte oder Familienangehörige. In den allerwenigsten Fällen werden sie für ihre Tat zur Rechenschaft gezogen. Selbstmord wird oft als offizielle Todesursache angegeben. Von vielen Frauen wird allerdings nie eine Leiche gefunden. Sie werden Opfer von Entführungen und Menschenhandel. Allein zwischen 2011 und 2015 verschwanden nach offiziellen Angaben im ganzen Land mehr als 7.000 Frauen. Doch besonders die jüngeren Frauen wollen diese Entwicklung nicht hinnehmen und haben begonnen, sich verstärkt dagegen zu engagieren – im Netz und auf der Straße.

Wie jedes Jahr wurde der Internationale Tag zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen auch diesmal in Mexiko landesweit von Demonstrationen und kleineren Aktionen begleitet. Auch 2016 war die Gewalt gegen Frauen im Vergleich zu den vorherigen Jahren drastisch angestiegen, allerdings hatte es diesmal bereits über das Jahr verteilt neue Zusammenschlüsse und Aktionen gegeben.

24. April als selbstorganisierter bundesweiter Aktionstag

Bereits im Frühjahr dieses Jahres hatte sich unter dem Hashtag „Vivas nos queremos“ – wir wollen leben – aus der Zivilgesellschaft heraus eine feministische Bewegung gebildet, die zu einem bundesweiten Aktionstag aufrief. Organisiert wurde dieser Tag, der 24. April, allein über verschiedene Internetplattformen – ohne die Leitung einer Partei oder Gewerkschaft. Mehrere tausend Frauen und auch ein paar Männer folgten dem Aufruf und veranstalteten in 42 mexikanischen Städten verschiedene Demonstrationen gegen geschlechtsspezifische Gewalt. So auch in Veracruz, einem Bundesstaat an der Ostküste, der verstärkt mit Frauenhandel in Verbindung gebracht wird. Zudem wird hier jede Form von Schwangerschaftsabbruch mit Gefängnis bestraft.

In Sprechgesängen forderten die Demonstrantinnen, das in Veracruz geltende totale Abtreibungsverbot aus dem Strafrechtskatalog zu streichen. Denn Frauen würden durch das Abtreibungsverbot und die damit verbundenen illegalen und unsicheren Schwangerschaftsabbrüche sterben und die Gesetzgebenden – meistens Männer – dadurch zu Mördern werden.

Die weitaus größte Demonstration gab es an diesem Tag im April in Mexiko-Stadt. Mit Sprechchören und begleitet von Trommeln marschierten Tausende Menschen von einem Außenbezirk, Chimalhuacán, der für seine hohen Mordraten an Frauen und Mädchen bekannt ist, bis ins Stadtzentrum. Sie forderten die Selbstbestimmung über ihren Körper und protestierten gegen den zur Normalität gewordenen Acoso callejero: die sexuelle Belästigung auf der Straße.

Internet-Magazin als Diskussionsplattform über den Umgang mit der alltäglichen Gewalt

Lidia ist eine der Initiatorinnen des Internet-Magazins Laquearde. Die Aufgaben ihres Projekts sieht sie darin, eine Informationsplattform für Frauen schaffen und ihnen so Werkzeuge an die Hand zu geben, um der geschlechtsspezifischen Gewalt zu begegnen, mit der sie tagtäglich in ihrem privaten und öffentlichen Leben konfrontiert sind. Für sie ist die Gewalt eine Tragödie, gegen die die Regierung nichts unternimmt. Stattdessen würden die Frauen von den staatlichen Institutionen erneut zu Opfern gemacht, wie von der Polizei, die die Fälle eigentlich untersuchen sollte. Aber auch wenn die Anzahl der polizeilichen Untersuchungen, die wirklich in einer Verurteilung des oder der Täter münden, verschwindend gering ist, möchte Lidia die Frauen ermutigen, ihren Angreifer öffentlich anzuzeigen.

Die große Mehrheit der Leserinnen und Leser von Laquearde sind junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren, die meisten von ihnen Frauen. Die Macherinnen des Magazins wünschen sich für ihre Arbeit vor allem Pluralität. Sie sehen das Magazin als Diskussionsplattform und rufen öffentlich dazu auf, Fach-Artikel über die Gewalt gegen Frauen beizusteuern. Gleichzeitig wollen sie gängige Geschlechterstereotype und Rollenbilder hinterfragen. Sie wollen Allianzen mit anderen feministischen Medien und Kollektiven eingehen und sich weiter vernetzen.

Selbstverteidigung – durch Reflexion der gesellschaftlichen Realitäten und Zuschreibungen

Ein anderes Kollektiv, das sich mit der Gewalt gegen Frauen auseinandersetzt, ist Comando Colibri, eine selbstorganisierte feministische Gruppe für Selbstverteidigung in Mexiko-Stadt.

Ganz in der Nähe der Plaza Garibaldi, einer der touristischen Hauptattraktionen von Mexiko-Stadt, treffen sich ein- bis zweimal in der Woche um die zehn Frauen unterschiedlichster sozialer Schichten in dem Dojo einer kleinen Kampfsportschule. Sie trainieren hier Verteidigungstechniken und üben, wie sie sich bei einem realen Angriff allein mit ihrem Körper zur Wehr setzen können.

Anders als bei herkömmlichen Selbstverteidigungskursen stehen hier die persönliche Erfahrung der Teilnehmerinnen und die Reflexion über die gesellschaftlichen Zuschreibungen und Realitäten im Vordergrund. Für Adriana, eine blonde Mexikanerin Mitte 40, ist die tägliche Gewalt wie psychologischer Terror, mit dem die Frauen bereits in der Kindheit konfrontiert werden. Für sie ist die Gewalt allgegenwärtig. Über die Arbeit mit Comando Colibri berichtet sie:

„Ich denke, dass Comando Colibri es uns erlaubt, über Körperarbeit unsere Denkweise zu ändern. Wenn du die Bewegungen wie eine Metapher auf dein tägliches Leben überträgst, änderst du so auch deine Art zu denken.“ Für sie ist der wichtigste Schritt, die Entscheidung zu treffen, sich verteidigen zu wollen.

… und nur mit Hilfe des eigenen Körpers

Auch Irma, die mit ihren 43 Jahren die älteste Teilnehmerin ist, ist sich durch die Gruppe ihrer eigenen Stärke bewusst geworden. Sie meint, dass Frauen nie erzählt wird, dass sie sich selbst und nur mit Hilfe ihres eigenen Körpers verteidigen könnten. Stattdessen bekommen sie zu hören, dass sie zu ungeschickt und zu schwach sind. Für Lidia liegt es in der Hand der Frauen, ob sie ihren Körper wie z.B. mit Sport oder bei der Selbstverteidigung trainieren: „Wir sind in der Lage, uns selbst zu verteidigen, nur mit unserem Körper und unter Einsatz unseres Gewichts.“

Am 25. November haben Tausende von Frauen in ganz Mexiko den alltäglichen Kampf gegen die geschlechtsspezifische Gewalt bis hin zu Mord wieder auf die Straße getragen. Wichtig war für die Demonstrant*innen dabei vor allem eines: Die Frauen wurden ihnen lebendig genommen, und sie wollen sie lebendig zurück.

Zu diesem Artikel gibt es auch einen Audiobeitrag, den ihr hier anhören könnt.

CC BY-SA 4.0 Wir wollen leben – Vom Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt in Mexiko von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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