Kolumbien

“Wir sind eine friedliche Armee”


von Susan Abad

guardia indigena. Foto: Susan Abad(Lima, 01. Dezember 2011, noticias aliadas).- Lediglich mit einem Stock bewaffnet, der mit bunten Bändern verziert ist, verteidigt die Guardia Indígena ihr Territorium, ihre Autonomie und ihren Lebensunterhalt.

Mindestens 35 indigene Gruppen sind in Kolumbien vom Verschwinden bedroht: aufgrund der andauernden Konflikte um die Frage des Landbesitzes, der Profitgier der Großgrundbesitzer, Unternehmen und multinationaler Konzerne – und der Strategien der Landkontrolle illegaler Gruppen im Kontext des bewaffneten Konfliktes, den Kolumbien nun seit mehr als 40 Jahren erlebt.

Laut der letzten Volkszählung 2005 der Nationalen Statistikbehörde DANE (Departamento Administrativo Nacional de Estadística) gibt es in Kolumbien 1,3 Mio Indígenas – das sind 2,8 Prozent der 47 Millionen Kolumbianer*innen. Sie gehören zu 80 verschiedenen Ethnien, verteilt über das ganze Landesterritorium, denen die Verfassung Eigentums- und Besitzrechte an den Ländereien garantiert, die sie traditionell bewohnen und nutzen.

Indigene im Kreuzfeuer des Krieges

“Die indigene Bevölkerung steht inmitten dieser Konflikte. Mehr als 1500 Mitglieder unserer Gemeinden wurden zwischen 2002 und 2010 im Zuge dieser Problematik ermordet”, erklärt Luis Evelis Andrade, Vorsitzender der Nationalen Indigenenorganisation Kolumbiens ONIC (Organización Nacional Indígena de Colombia) gegenüber Noticias Aliadas. “Sowohl zivile als auch bewaffnete Akteure des Konflikts ermorden und vertreiben uns. Sie wollen uns unser Land nehmen, das seit Ahnengedenken uns gehört”.

Angesichts dieser Situation und des Fehlens staatlichen Schutzes haben sich tausende Indigene überall im Land entschlossen, zu einer alten Institution zurückzukehren, die ihnen selbst eigen ist und auf die Ankunft der Kolonialherren zurückgeht: die Guardia Indígena.

Widerstand mit Tradition

Eine besonders bemerkenswerte ist die Guardia des südwestlichen Departamento Cauca. Sie wurde 1971 gegründet, also zur selben Zeit wie der indigene Regionalrat des Cauca CRIC (Consejo Regional Indígena del Cauca), der laut Alberto Menza, dem örtlichen Koordinator von CRIC, 112.000 Indigene aus 29 Gemeinderäten zusammenfasst.

“Wir richten uns gegen alles, was Raub bedeutet. Wir sind 2.500 Wächter*innen die darauf aufpassen, dass die Gemeinde nicht vertrieben wird; wir lösen Konflikte und kontrollieren das Territorium. Wir sind der Widerstand, weil wir nicht bereit sind, als Volk zu verschwinden”, so Menza. “So wie unsere Ältesten und unsere Ahnen das Territorium verteidigt und geachtet haben, bewacht, schützt und verteidigt die indigene Guardia vom Cauca unser Land.”

Der Stock als Symbol des Widerstandes

“Wir sind eine friedliche Armee, die als einzige Waffe einen Stock hat”, so José Domingo Caldón, Kenner der Volksgruppe der Kokonuka, gegenüber Noticias Aliadas.

Er erklärt, dass “das Symbol des waffenlosen Widerstands aus einer Holzstange besteht, die jedes Mitglied selbst von Hand bearbeitet und dann grüne und rote Bänder anbindet. Die grünen Bänder bedeuten Einheit mit der Natur und der Vielfalt unseres Territoriums. Die roten Bänder sind das vergossene Blut unserer Vorfahren”.

Die Wächter*innen werden von der Gemeindeversammlung gewählt, “aber wenn es nötig ist, handeln wir alle. Männer, Frauen, Kinder, Alte – die Guardia Indígena ist die ganze Gemeinde”, erläutert Martha Cecila Tunubalá, Sprecherin des Netzwerkes Verteidigung des Lebens (Tejido Defensa de la Vida) des CRIC.

Von der Gemeinde, für die Gemeinde

Nach ihren Angaben haben die Wächter*innen “keine polizeiliche Struktur, sondern sind ein humanitärer Mechanismus des zivilen Widerstands. Sie werden nicht bezahlt, und ihre Arbeit geht über die Bewachung des Territoriums hinaus. Wir sind die rechte Hand des Schutzgoverneurs und wir gehorchen ihm, aber unsere oberste Autorität ist die Gemeinde und wir beteiligen uns an all ihren Aktivitäten. Wir machen mit beim Netzwerk zur Verteidigung des Lebens, welches für die Einhaltung der Menschenrechte eintritt; im Netzwerk Volk und Kultur, welches die Programme für Bildung, Gesundheit, Frauen und Jugendliche umfasst; im Netzwerk für Wirtschaft, Umwelt und Land, wo der ganze ökonomische Teil geleitet wird, die Produktionsprojekte für die Gemeinde und die eigenen gemeinschaftlichen Unternehmen mit Respekt vor der Natur; im Netzwerk Kommunikation und Außenbeziehungen für Wahrheit und Leben, über welches der gemeinschaftliche Radiosender Payuma’t und die Webseite des CRIC läuft”.

Desweiteren “beim Netzwerk Gerechtigkeit und Harmonie, wo die indigene Rechtsschule Escuela de Derecho Propio läuft, die wir derzeit versuchen vom Staat anerkennen zu lassen; und wir leiten das Netzwerk Zurück nach Hause, welche die Leute empfängt und aufnimmt, die zur Guerilla gegangen sind und es bereut haben”, sagt die Nachfahrin der Nasa und Misak, die seit acht Jahren in der Guardia Indígena organisiert ist. Sie versichert, dass dort “kein Unterschied zwischen Mann und Frau gemacht wird. Wir arbeiten alle gleich”.

Im Dienst des Friedens

Als Beweis dafür, dass man sehr wohl einen Kampf im friedlichen Sinne ohne Gewalt und Waffen führen kann, hat es die Guardia Indígena geschafft, einige durch die Guerilla Entführte zu befreien. Viel Anerkennung bekam vor allem eine Befreiungsaktion aus dem Jahr 2004, als hunderte von Wächter*innen in die Wälder von Caquetá eindrangen und den damaligen Bürgermeister des Gemeindebezirks von Toribio, Arquímedes Vitonás Noscué, lebend und ohne Blessuren zurückbrachten. Er wurde 15 Tage lang von den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) festgehalten, der größten Guerilla des Landes.

“Wir haben auch verhindert, dass die Armee einige unserer Jugendlichen rekrutiert, die die Behörden in den Konflikt verwickeln wollen”, ergänzt Tunubalá.

“Mit dem Krieg nichts zu tun”

“Vor Jahren hat die Nationale Befreiungsarmee ELN (Ejército de Liberación Nacional) die Stadtkerne von Puracé und Kokonuko eingenommen, und die FARC die Gemeinde Caldono. In dem Moment, als die Guerilleros die Polizei beschossen haben, sind die Indigenen mit ihren Stöcken auf die Straße gegangen, und haben es mit Musik und Gesängen geschafft, dass sich die Guerilleros zurückzogen.” Die Indigenen hätten der Guerilla “die Botschaft vermittelt, dass sie mit dem Konflikt in diesem Land nichts zu tun haben, und dass es ungerecht ist, dass ihr Territorium die Konsequenzen zu tragen hat”, erinnert sich Caldón.

In anderen Fällen hat die Guardia Indígena die Aufgabe übernommen, ihrer jeweiligen Gemeinde Schutz zu bieten, wenn diese zwischen die Fronten der Akteure des bewaffneten Konflikts gerät. So wie im Fall der Guardia Indígena von Cerro Tijeras, im Norden des Departaments Cauca. Angesichts eines 22 Tage dauernden Gefechts zwischen der FARC und der Armee in ihrer Gemeinde Ende vergangenen September hat sie die vertriebenen Familien wieder untergebracht und ihren Schutz in den humanitären Notunterkünften garantiert.

Die Guardia Indígena des Cauca “ist stolz darauf, für ihre Rolle in ihrer Gemeinde anerkannt zu sein”, bestätigt Tunubalá. Bald, so hofft sie, “werden wir jenseits unserer Rolle als Bewacher*innen des Territoriums zu einem Hüter des Friedens im ganzen Land.”

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