Kolumbien

Wikileaks offenbart Quellen der US-Botschaft aus den 1990ern


von Tatiana Félix

Wikileaks / Nils Geylen, CC BY-NC-SA 2.0, flickr(Fortaleza, 05. Juli 2013, adital).- Auf der Wikileaks-Webseite veröffentlichte Informationen verweisen darauf, dass Moritz Akerman, Carlos Eduardo Jaramillo, Eduardo Pizarro Leongómez und Roberto Sáenz Mitte des Jahres 1991 kolumbianische Informanten für den US-Botschafter in Bogotá, Morris Busby, gewesen seien. Dies berichtete die Nachrichtenagentur Agencia de Noticias Nueva Colombia (ANNCOL) am vergangenen 4. Juli.

Eher Bauer oder Militär?

Der Bericht konzentriert sich auf Beschreibungen zum Führungskreis der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia), wie den damaligen Chef Manuel Marulanda Vélez, besser bekannt als „Tirofijo”, den politischen Anführer Alfonso Cano (Bruder des Informanten Roberto Sáenz), Raúl Reyes, Timoleón Jiménez (aktueller Kommandant der FARC) sowie Iván Márquez. Besonderes Augenmerk wird dabei auf Unterschiede zwischen eher bäuerlichen und eher intellektuellen Anführern der damaligen Guerilla gelegt.

Dem Dokument zufolge wurden die Informationen mittels „vieler Gespräche während eines Großteils des Jahres [1990, Hinzufügung d.Ü.] mit verschiedenen Kontakten gewonnen, darunter dem kolumbianischen Unternehmer Moritz Akerman“, der in der Kommunistischen Partei aktiv gewesen war und Alfonso Cano nahe stand; Roberto Sáenz, Bruder von Cano; Jaramillo, der fünf Jahre lang Verhandlungsführer von Seiten der Regierung bei den Friedensgesprächen war; sowie Pizarro, einem ehemaligen Mitglied der Kommunistischen Partei Kolumbiens PCC (Partido Comunista Colombiano) und weitere.

Bericht bezeichnet Bauern als „Menschen ohne Bildung“

In dem Bericht wird der 2008 verstorbene FARC-General Manuel Marulanda, der in den 1990ern der erfahrenste und älteste Guerillaanführer Lateinamerikas war, so beschrieben, dass er “mehr Bauer denn Kommunist” gewesen sei. “Marulanda hat viele Gesichter. Er ist Bauer, Guerillakämpfer, Kommunist, Soldat, Politiker, alles in einem. Er ist jedoch zuallererst Bauernanführer und erst danach Kommunist. Er entspricht eher Zapata oder Pancho Villa denn Lenin oder Stalin”, heißt es über ihn in dem Bericht.

An verschiedenen Stellen werden in dem von Wikileaks veröffentlichten Bericht Bauern und Bäuerinnen als Menschen „ohne Bildung“ bezeichnet, was auch in Bezug auf Marulanda geäußert wird. Nichtsdestotrotz wurde ihm von den Informanten attestiert, dass er „aufgrund seiner militärischen Fähigkeiten innerhalb und außerhalb der Guerilla großes Ansehen“ genossen hätte, dass er keine politischen Ambitionen gehabt habe und eine sehr flexible Person gewesen sei. Den Angaben zufolge habe Marulanda „nie Ratschläge von Fidel Castro gewollt“. Entsprechend habe er mehrere Einladungen nach Kuba ausgeschlagen.

Alfonso Cano als „ideologischer Kopf“ der FARC

Über den Ende 2011 verstorbenen Alfonso Cano schreiben die Informanten der US-Botschaft, dass er zu den „moderaten“ Kräfte gehört habe. Er sei der ideologische und politische Anführer der kolumbianischen Guerilla gewesen und der zweithöchste militärische Führer. Er studierte an der Universidad Nacional de Colombia und beteiligte sich an der Jugendorganisation der PCC. In den 1980ern trat er der FARC bei und stieg zum politischen Führer der bäuerlichen Guerilla auf. Aufgrund seiner intellektuellen Fähigkeiten wurde er zum Sprecher, Diplomat und Verhandlungsführer der FARC. Den Berichten zufolge war er bestrebt, über ein Ende des bewaffneten Kampfes zu verhandeln.

Der dritte im Führungskommando der FARC jener Zeit und 2008 verstorbene Raúl Reyes wurde als „Mann der Partei“ bezeichnet, da er „mehr Kommunist als Guerillakämpfer“ gewesen sei. Er war für Logistik und Finanzen der Guerilla verantwortlich und hatte, wie bereits Cano, keine militärische Vorerfahrungen.

FARC-Kommandant Timoleón Jiménez „kein Politiker“

Der aktuelle Kommandant der FARC, Timoleón Jiménez, war zur damaligen Zeit der vierte in der Führungshierarchie der Guerilla und verantwortlich für die militärischen Operationen. Er stand daher dem Anführer Marulanda sehr nahe. „Jiménez ist eine Replik von Marulanda. Wie sein Mentor ist Jiménez ein Bauer ohne Bildung; ein (bekannter) militärischer Anführer, kein Politiker. Wie Tirofijo hat auch Jiménez keine formelle militärische Ausbildung“, heißt es in den Informantenberichten an die US-Stellen. Den darin enthaltenen Informationen zufolge, hat er sich sein Wissen von früh auf in der Guerilla selbst angeeignet.

Der Einzige, der sowohl über militärische als auch über politische Fähigkeiten verfügte, war Iván Márquez, ein weiteres aktuelles Mitglied des Führungszirkels der FARC. Dem ehemaligen PCC-Mitglied Eduardo Pizarro zufolge, soll er damals ehrgeizig gewesen sein und eine politische Karriere angestrebt haben.

CC BY-SA 4.0 Wikileaks offenbart Quellen der US-Botschaft aus den 1990ern von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

Indigene Gemeinschaften demonstrieren für den Frieden (La María, 7. September 2016, wradio/servindi).- Im südkolumbianischen Bundesstaat Cauca fand am Mittwoch, 7. September, ein gemeinsames Treffen indigener Vertreter*innen mit Delegierten der Regierung und der FARC statt, die das indigene Reservat La María Piendamó besucht hatten. Zu dem Treffen hatten die indigenen Behörden ihre 123 Cabildos (indigene Gemeinschaften) und sozialen Organisationen aufgerufen. La María Piendamó ist der Ort, wo die indigenen Gemeinschaften bereits...
onda-info 389 Hallo und willkommen zum onda-info 389!Zunächst wie immer ein paar Nachrichten: Im nordargentinischen Córdoba ist einer der größten Prozesse Argentiniens zu Ende gegangen; verhandelt wurden Menschenrechtsverbrechen aus der Zeit der Diktatur und davor.Mexiko setzt neue Prioritäten in der Verbrechensbekämpfung. Gegen das organisierte Verbrechen eingesetzte Polizisten werden in den Kampf gegen protestierende Lehrer geschickt. Wer sich freut sind die Kartelle. Sie haben n...
Historischer Moment ‒ Friedensabkommen für Kolumbien Von Ani Dießelmann(26. August 2016, amerika21).- Die Delegierten der Regierung von Präsident Juan Manuel Santos und der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens Farc (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) haben in der kubanischen Hauptstadt Havanna ein 297 Seiten umfassendes endgültiges Friedensabkommen unterzeichnet. Anwesend waren die Garanten aus Kuba und Norwegen sowie der kubanische Außenminister Bruno Rodríguez Parrilla. Damit sind formal die fast vier Ja...
onda-info 385 Hallo und Willkommen zum Onda Info 385! Unsere heutige Sendung beginnt mit einer Meldung aus Mexiko: In einer vor kurzem veröffentlichten Studie weist Amnesty International nach, daß in Mexiko sexuelle Gewalt gegen Frauen regelmäßig von sogenannten Sicherheitsorganen als Folterinstrument eingesetzt wird. Als nächstes folgt ein kurzer Bericht aus Berlin. Am 5. Juli war der argentinische Präsident Mauricio Macri bei Angela Merkel zum Staatsbesuch. Dagegen wurde mit Tango und T...
Kolumbien feiert Waffenstillstand Von Eva Haule(Bogotá/Havanna, 26. Juni 2016, amerika21).- Das Abkommen zwischen Farc-Guerilla und der Regierung von Präsident Juan Manuel Santos über einen bilateralen Waffenstillstand ist in Kolumbien mit großer Freude aufgenommen worden. Zugleich betonten Vertreter*innen sozialer Organisationen und politischer Bewegungen, dass es sich nur um einen ersten Schritt hin zu einem "umfassenden Frieden mit sozialer Gerechtigkeit" handle. Die Revolutionären Streitkräfte Kol...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *