Kolumbien
Fokus: Erinnerung und Gerechtigkeit / Memoria y Justicia

Wichtiger Schritt im Friedensprozess: FARC geben Waffen ab


Von Vitor Necchi

Die Waffen der FARC werden unter UN-Aufsicht gestellt. Foto: ihu-unisinos

(São Leopoldo, 28. Juni 2017, ihu-unisinos/poonal).- Mit der Übergabe von etwa 7.000 Waffen der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) an eine Sonderkommission der Vereinten Nationen ist am 27. Juni eine lange und gewaltsame Ära in Kolumbien zu Ende gegangen. Die Übergabe der [letzten] Waffen ist entscheidend für die Umsetzung des im November 2016 zwischen der kolumbianischen Regierung und den FARC geschlossene Friedensabkommen. Nach einem halben Jahrhundert langen Konflikt beginnt für die FARC-Kämpfer*innen das Ende des Lebens im Untergrund und die Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Es wird geschätzt, dass sich vor dem 27. Juni noch etwa 40 Prozent der Waffen in Händen der FARC befanden.

Für die kolumbianische Regierung ist der Philosoph und Philologe Sergio Jaramillo in seiner Funktion als Hochkommissar für den Frieden für die Umsetzung des Friedensprozesses zuständig. Jaramillo war Vize-Minister des jetzigen Präsidenten Juan Manuel Santos, als dieser das Verteidigungsministerium der Regierung von Álvaro Uribe leitete. In einem Interview mit BBC Mundo betonte Jaramillo, es sei nötig bei den derzeitigen Entwicklungen zwei Phasen zu unterscheiden: eine sei die Übergabe der Waffen – die er als den zügigeren Teil betrachte –, die andere, komplexere und längere Phase, sei die amtliche Erfassung der Männer und Frauen, die der Guerilla-Organisation angehörten und die nun neue Dokumente erhalten werden.

Ende des Krieges, aber kein Ende der Gewalt

Das im vergangenen Jahr unterzeichnete Friedensabkommen stellt einen beispiellosen Fortschritt im Kampf gegen die Gewaltspirale dar, die zum weltweit längsten Bürgerkrieg führte. Nach Auffassung des Staates seien sowohl der Krieg als auch die Guerilla-Organisation an ihr Ende gelangt. In diesem Sinne stellt das Ende der Entwaffnung der FARC einen historischen Meilenstein dar. Die Zeit des Horrors ist damit allerdings noch nicht vorbei; einige in jüngster Zeit verübte Attentate zeigen, dass es eine Normalität noch immer nicht erreicht.

Am 17. Juni explodierte in einer Damentoilette eines Einkaufszentrum im Zentrum von Bogotá eine Bombe, die drei Frauen in den Tod riss, mehr als zehn Personen verletzte und in der Hauptstadt Panik hervorrief. Keine bewaffnete Gruppe erklärte sich danach für den Anschlag verantwortlich. Der Anschlag ereignete sich zu einem Zeitpunkt, als die FARC bereits 60 Prozent ihrer Waffen übergeben hatte und sich das Abkommen zwischen der Regierung und der Guerilla-Organisation in der Umsetzungsphase befand. Darüber hinaus führen Gruppen, die den Friedensprozess ablehnen, weiterhin Entführungen durch.

Im Mai erklärte zudem die mächtigste Drogenbande des Landes der Polizei den Krieg, nachdem den Sicherheitskräften ein wichtiger Schlag gegen deren Führung gelang. Im Zuge des Widerstands gegen das Friedensabkommen verspricht der seit 2006 aktive „Golf-Clan” (Clan del Golfo) – die einflussreichste bewaffnete Gruppe, die Koka produziert – 700 US-Dollar als Belohnung für jeden ermordeten Polizisten oder Polizistin. So gelang es dem Verbrechersyndikat bereits, neun Sicherheitskräfte zu ermorden und 37 zu verletzen. Laut der Regierung sei dies eine Reaktion der kriminellen Banden auf die Fortschritte der staatlichen Sicherheitskräfte. Trotz der Unterschiede ist es unvermeidlich, dass im Bewusstsein der Gesellschaft die Strategie des Golf-Clans an die Entlohnung der Auftragsmörder zu Zeiten Pablo Escobars in den 80er Jahren erinnert.

Friedensprozess spaltet das Land

Die Regierung versucht das Land zu einem Zeitpunkt wiederzuvereinen, der von beachtlicher Polarisierung der Gesellschaft geprägt ist. So positionierte sich ein Teil der Bevölkerung ablehnend gegenüber den Gesprächen mit den FARC und folgte dabei dem Beispiel der ehemaligen Präsidenten Álvaro Uribe und Andrés Pastrana. Beide befinden sich an der Spitze einer Koalition, die mit Blick auf die Wahlen 2018 diejenigen Wähler*innen, die bei der Volksabstimmung am 2. Oktober 2016 gegen die Friedensverträge stimmten, für sich zu vereinnahmen sucht. Das Referendum zielte erfolglos auf die Zustimmung zum Vorschlag der Regierung ab, den Konflikt mit der FARC zu beenden. Die Niederlage des „Ja“ verhinderte jedoch nicht, dass die Regierung und die FARC ihre Verhandlungen weiterführten.

Bemüht darum, das gespaltene Land zu versöhnen, wird Papst Franziskus kommenden September nach Kolumbien reisen. In Villavicencio, der Hauptstadt des zentral gelegenen Departamento Meta, das zu den am stärksten von der Guerilla und Kokaproduktion betroffenen Regionen Kolumbiens gehört, wird der Papst bei seinem Besuch ein Gebetstreffen leiten. Der viertägige Reiseplan des Papstes sieht zudem Aufenthalte in Bogotá, Medellín und Cartagena vor.
Der Anfang und das Ende der FARC

Die anfangs größtenteils aus Bauern bestehenden FARC begannen 1964 einen Bürgerkrieg gegen die konservativen Kräfte, welche für die ernste soziale und wirtschaftliche Situation des Landes verantwortlich gemacht wurden. In den Ursprüngen der FARC lag der Kampf um Land, der auf die Unruhen folgte, die ab 1948 durch die (angekündigte) Agrarreform ausgelöst wurde. In den 60er und 70er Jahren spiegelte sich die ideologische Spaltung der Welt auch in Konflikten Kolumbiens wider: auf der einen Seite befanden sich kommunistische Guerilla-Kämpfer*innen, auf der anderen kapitalistische Regierungen und bewaffnete Milizen, die von Großgrundbesitzer*innen finanziert wurden. In den 80er Jahren begann die FARC im Drogenhandel tätig zu werden, der neben illegalem Bergbau und Entführungen die Operationen der Organisation finanzierte. Die Folgen der jahrzehntelange Auseinandersetzungen sind tragisch: acht Millionen Betroffene, 220.000 Tote, 45.000 Verschwundene.

Nun, da der Frieden sich in seiner Umsetzungsphase befindet, wird jedes Mitglied der FARC für die Übergabe seiner Waffen eine Urkunde erhalten. Aus den eingezogenen Waffen sollen am Sitz der UNO in New York sowie in Bogotá und Havanna, wo vier Jahre lang die Friedensverhandlungen stattfanden, drei Denkmäler errichtet werden.

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