Bolivien

Wichtige Errungenschaften für Schwule und Lesben


von Martin Garat

(Lima, 03. April 2009, noticias aliadas).- Als HomosexuelleR hat man es in Bolivien nicht leicht. Gewalt, Beschimpfung und Diskriminierung in der Arbeitswelt sind alltäglich. Dennoch versichern Alberto Raña und Alberto „Beto“ Moscoso von der Assoziation für soziale Entwicklung und kulturelles Engagement ADESPROC Libertad (Asociación Civil de Desarrollo Social y Promoción Cultural „Libertad“), dass die Homophobie im Land allmählich abnimmt. Die Organisation ADESPROC Libertad setzt sich in La Paz für die Rechte der Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender (LGBT) ein.

„Eines Tages hat mein Vater mich mit der Frage konfrontiert: ‚Einige deiner Freunde sind schwul. Bist du es auch? Sag mir die Wahrheit!‘ Ich schrie ihn an: ‚Ja, ich bin schwul!‘ Für meine Eltern war das ein Schock. Meine Mutter ist sehr fromm und mein Vater stockkonservativ“, erzählt Alberto Raña. Er arbeitet im Pressebereich von ADESPROC Libertad.

Ungeachtet des politischen Linksschwenks, den die Regierung Morales vor drei Jahren mit ihrer Machtübernahme einleitete, ist die bolivianische Gesellschaft weiterhin stark konservativ geprägt. Sowohl die katholische als auch die verschiedenen evangelischen Kirchen sind in Bolivien „Schwergewichte“ im ideologischen Kampf um die Köpfe, und betrachten Homosexualität als heilbare Krankheit, die es also auch zu heilen gilt.

Als Raña Anfang der 1990er Jahre sein Coming-Out hatte, gab es keine Organisationen, die sich für die Rechte Schwuler eingesetzt hätte. Es gab lediglich schwullesbische Freundeskreise, die sich zu privaten Festen trafen, aber keine politische Arbeit machten. Freunde in Argentinien, die er dort während seiner Studienzeit kennenlernte, bewegten ihn schließlich dazu, seine sexuelle Orientierung nicht weiter zu verstecken.

„Buenos Aires ist eine andere Welt. Dort gibt es eine ganz andere Einstellung zum Thema, die Menschen sind viel offener. Ich habe viele Leute kennengelernt, mit denen ich mich identifizieren konnte und die mir geholfen haben bei der Entscheidung, mein Schwulsein offen zu leben.“

Alberto Raña arbeitet als LGBT-Aktivist bei ADESPROC Libertad seit acht Jahren. Obwohl sein Gehalt nicht hoch ist, spürt er Erleichterung, nicht in einem normalen Büro zu arbeiten. Es wäre schwierig, sich in Bolivien offen zur Homosexualität zu bekennen.

„Ich müsste mich unauffällig verhalten und mich sogar verleugnen, um die Stelle nicht zu verlieren. Wenn du schwul bist, werfen sie dich raus oder mobben dich. Für Schullehrer ist es unvermeidlich, ihre Homosexualität verstecken zu müssen. Wenn der Rektor einer Schule sich weigert, einen schwulen Lehrer oder eine lesbische Lehrerin zu entlassen, machen die Eltern Druck, damit er es doch tut“, erklärt er.

Alberto Moscoso, Vorsitzender von ADESPROC Libertad, erzählt, dass seine Organisation häufig Fälle von ungerechtfertigten Entlassungen registriert. Es gibt zwar die Möglichkeit, die einzelnen Fälle öffentlich zu machen und vor Gericht zu gehen, aber häufig wählen die Opfer den diskreten Weg und bewahren Stillschweigen.

Anfang dieses Jahres hat die Mehrheit der Bolivianer*innen in einem Plebiszit für die neue Verfassung gestimmt. In den letzten Wochen vor der Abstimmung haben gegen die neue Verfassung eingestellten Organisationen versucht, die konservative Gesinnung der Bevölkerung zu benutzen und behauptet, die neue Verfassung autorisiere die schwule Ehe – in der heutigen bolivianischen Gesellschaft undenkbar. Die Organisationen, die sich für die neue Verfassung einsetzten, haben ihrerseits die Verfassung verteidigt mit dem Argument, dass der Verfassungstext lediglich die Ehe und die eheähnliche Gemeinschaft „zwischen Mann und Frau“ erlaube.

Alberto Moscoso hat bereits mehrmals symbolische Trauungen von homosexuellen Paaren durchgeführt und bedauert den betreffenden Verfassungsartikel zur Ehe. Aber für ihn ist es „wichtig, dass sie uns dieselben Rechte zugestehen, egal, ob man es nun Ehe, eheähnliche Gemeinschaft oder einfach Konkubinat nennt. Ein entsprechendes Rechtsverhältnis zwischen gleichgeschlechtlichen Personen kann man auch mit einem einfachen Gesetz einrichten, ohne dass dies in der Verfassung stehen muss“.

Weiter bemerkt er, dass mit der neuen Verfassung wichtige Neuerungen vorgenommen wurden: „Die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung ist verboten und die sexuelle Selbstbestimmung eines jeden Staatsbürgers wird garantiert. Desweiteren ist der Staat nun laizistisch verfasst – vorher war er explizit katholisch –, was Gesetzesinitiativen zugunsten der LGBT-Community vereinfacht.“

Als Moscoso seiner Familie erzählte, dass er schwul sei, war sie bestürzt. Sie baten ihn, seine Sexualität nicht öffentlich preiszugeben, weil sie Angst hatten, er könnte auf der Straße Opfer von Übergriffen werden.

Nur zehn Jahre ist es her, dass Homosexualität in der bolivianischen Gesellschaft noch ein völliges Tabuthema war. Während seiner ganzen Jugend hatte Alberto Moscoso den Eindruck, er sei ein „Außerirdischer“ und überzeugt, der einzige Schwule im ganzen Land zu sein.

„Ich hatte ein Wörterbuch, das dem Begriff ‚homosexuell‘ einen Artikel mit Fotos widmete. Da das Buch in Spanien verlegt worden war, kam ich drauf, dass ich nach Spanien gehen müsste, um andere Schwule kennenzulernen!“, gesteht er.

Aber heute, so Raña und Moscoso übereinstimmend, ist die homophobe Einstellung in Bolivien dabei zu verschwinden. Der Prozess gehe sehr langsam voran, aber er lasse Optimismus für die Zukunft zu. „Besonders die jungen Leute haben weniger Vorurteile. Sie sind nicht religiös befangen und leben freizügiger“, meint Raña.

Es gibt ebenfalls ein Sich-Öffnen von seiten der Institutionen. Moscoso trifft sich mit anderen Organisationen und Regierungsvertreter*innen, um gemeinsam zu arbeiten. Dank dieser Allianzen gelang es ADESPROC Libertad, in einem nationalen Plan zur Bekämpfung der Diskriminierung ein Kapitel über die Rechte der Personen anderer sexueller Orientierungen zu verfassen.

Trotz dieser Errungenschaften ist es für Homosexuelle in Bolivien weiterhin gefährlich. 2007 wurden drei Homosexuelle ermordet, offenkundig wegen ihrer sexuellen Orientierung. Im selben Jahr warf ein Unbekannter eine Bombe in eine Schwulenparade in La Paz, sechs Menschen wurden verletzt. Moscoso war eines der Opfer.

„Die Bombe explodierte einen Meter entfernt von meinem Körper und hinterließ Narben auf Bauch und Brust. Es gibt religiöse Gruppen, die versuchen, unsere Paraden zu verhindern. Nun aber kümmern sich auch andere darum, sie zum Schweigen zu bringen und zu isolieren“, erzählt Moscoso mit der Genugtuung, eine Schlacht gewonnen zu haben, aber noch nicht den ganzen Krieg.


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