Argentinien

Wasser und Boden in Argentinien


von Martín Segura und Betiana Manzo

(Berlin, 12. August 2009, npl).- Natürliche Ressourcen – so wird die Gesamtheit von Elementen genannt, die in der Natur in reiner Form vorkommen, wie etwa Wasser oder Boden. Gemeingüter, die für alle frei zugänglich sein sollten, könnte man meinen. Die Nachfrage danach steigt jedoch stetig und damit wird auch die Begrenztheit eben jener Güter deutlich. Es fällt schwer zu glauben, dass Argentinien – der flächenmäßig zweitgrößte Staat in Lateinamerika – besonders stark vom Kampf um die natürlichen Ressourcen Wasser und Boden betroffen ist.

Natürliche Ressourcen sind entscheidend für die ökonomische Stellung eines jeden Landes. Auf globaler Ebene spielten sie Ende des 20. Jahrhunderts eine Schlüsselrolle bei der Verteilung von Arbeit und bei der Festlegung von Machtverhältnissen und sozialen Bedingungen in den einzelnen Ländern. Das neoliberale Wirtschaftsmodell, das seit 1991 in Argentinien und weiten Teilen Lateinamerikas vorherrscht und das auf der Privatisierung staatlicher Firmen, auf Dezentralisierung und Marktöffnung basiert, begründete eine ausbeuterische Entwicklungsstrategie, bei der Rohstoffe zu Handelswaren wurden.

Dieses Modell wurde noch gestärkt, indem die Vorteile der Großproduktion genutzt und ausgebaut wurden, wie etwa in der Sojaproduktion. Davon profitierten die wirtschaftlich stärksten landwirtschaftlichen Gruppierungen in Argentinien. Das Ergebnis davon ist eine immer stärkere Konzentration von Landwirtschaftsbetrieben und Grundbesitz in den Händen weniger in einem Land, das bezüglich der verfügbaren Flächen von Land und Boden weltweit an vorderer Stelle rangiert, während es bei der Einwohnerdichte einen der letzten Plätze belegt.

Der argentinische Soziologe Roberto Cittadini, Forscher im Bereich ländliche Entwicklung und landesweiter Koordinator des Programms für Kleingärten (Pro–Huerta) am Argentinischen Institut für Agrartechnologie INTA (Instituto Nacional de Tecnología Agropecuaria) ist sich sicher, dass dieses Szenario in Argentinien nur möglich geworden ist, indem der Staat die gesetzlichen Möglichkeiten für die Regulierung von Zugang und Nutzung von Ressourcen immer stärker abgebaut hat. Dies zog, so Cittadini, u. a. die Privatisierung von Ressourcen nach sich. Dadurch wurden die wichtigsten Rohstoffe des Landes zu Marktgütern und fielen in den Besitz multinationaler Konzerne. Laut Cittadini zahlen seit der Privatisierung der Erdölindustrie längst nicht mehr alle dasselbe für Kraftstoff: Große Konzerne kaufen enorme Mengen und verhandeln ihre Einkaufspreise jährlich. Sie erhalten bis zu 25 Prozent Rabatt sowie günstigere Zahlungsfristen. Dasselbe gilt auch für den Erwerb von Grundbesitz in Argentinien. Eine aktive Verkaufspolitik zugunsten ausländischer Geschäftsleute und Firmen im großen Stil ist dabei zu beobachten. Eine diese Verkäufe einschränkende Gesetzgebung habe es daraufhin jedoch nicht gegeben, so der Agrar–Forscher. Folge dieser Verkäufe ist ein erhebliches Ungleichgewicht beim Zugang zu Ressourcen. Extrem benachteiligt sind hierbei laut Cittadini all jene Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, am Marktgeschehen teilzunehmen bzw. die historisch mit bestimmten Regionen verbunden sind.

Nach Aussagen von Forscher*innen des INTA handelte es sich bei fast allen ab 1999 getätigten Grundstücksverkäufen um Transaktionen von Kleinproduzent*innen in finanzieller Bedrängnis, die ihre Ländereien verkauften, um Schulden bezahlen zu können. Unter diesen Bedingungen kaufen große Unternehmensgruppen das Land bis zu 30 Prozent unter Wert auf, so das Institut. Tausende kleiner und mittelständischer Familienunternehmen wurden so aus den ländlichen Gebieten verdrängt. In einem erschreckend rasant verlaufenden Prozess entwickelt sich die argentinische Landwirtschaft so zu einer Landwirtschaft ohne Bauern und Bäuerinnen.

Die Konzentration des Grundbesitzes in nur wenigen Händen geht einher mit einer Konzentration der Bodenschätze, die sich auf diesen Territorien befinden. Die vielleicht wichtigste Ressource in diesem Zusammenhang ist das Wasser. Es ist zwingend notwendig für die Sojawirtschaft und gleichzeitig hoffnungslos verseucht – durch die missbräuchliche Verwendung von Agrarchemikalien, die für den Anbau von Soja verwendet werden. Das führt dazu, dass insgesamt der Zugang zur überlebenswichtigen Ressource „Wasser“ immer schwieriger wird.

Laut einem Bericht der argentinischen Regulierungsbehörde für Wasser und Sanierung ETOSS (Ente Tripartito de Obras y Servicios Sanitarios) haben ungefähr vier Millionen Menschen im Land Probleme mit ihrem Anschluss an das Wassersystem oder aber gar keinen Zugang zu Wasser. Viele kommen, wie der Gartenbau betreibende Kleinproduzent, Víctor Machado, nur sehr schwer an Trink– oder Brauchwasser, um damit ihre Nutzgärten zu bewässern. Machado erzählt, dass er oft nicht zum Schlafen kommt, da er den besseren Wasserdruck in der Nacht nutzen muss. „Manchmal bleibe ich hier und gieße die ganze Nacht, weil das Wasser nicht bis in unsere Viertel kommt. Und dafür bringe ich ein ziemlich großes Opfer.“

Die argentinische Regierung versucht nun, wieder eine stärkere staatliche Regulierung des Zugangs zu natürlichen Ressourcen einzuführen, auch wenn sie dazu bislang nur einige isolierte Strategien formuliert hat. Diese Strategien begleiten die regionalen Impulse in einzelnen Provinzen in denen versucht, wird, die Kontrolle über die Wasserfirmen wiederzuerlangen. Dabei gibt es verschiedenste neue Herausforderungen zu bewältigen: einen allgemeinen Zugang zu Ressourcen zu erreichen, die soziale Teilhabe zu garantieren sowie eine landesweite Politik in diesem Sektor zu implementieren.

Manuel Manzoni, Agrar–Ingenieur und Funktionär der INTA, arbeitet mit den Kleinproduzent*innen vor Ort zusammen. Ein Problem, dass nach Manzonis Erfahrung häufig vorkommt, sind ungeklärte Besitzverhältnisse auf brachliegenden Flächen von Großgrundbesitz, welche die Bauern und Bäuerinnen bearbeiten. Diejenigen, die den Kleinproduzent*innen das Land verkaufen, sind häufig nicht dessen rechtmäßige Besitzer*innen. Käufer*innen besitzen oft keine schriftlichen Belege für den Kauf oder aber, diese sind gefälscht. Neben den Folgen der Konzentration von Land und Bodenschätzen in den Händen weniger Eigentümer*innen, müssten sich die bäuerlichen Kleinproduzent*innen auch mit vielen Betrugsfällen auseinandersetzen, so Manzoni.

In den letzten Jahren werden darum immer mehr Bürgerinitiativen gegründet. Diese haben bewirkt, dass die Vorgänge um die Konzentration von Ressourcen öffentlich wurden. Auf lokaler Ebene führte dies dazu, dass in den Gemeinden nun Eigentumsurkunden für brachliegendes Land ausgestellt werden, das für die familiäre oder gemeinschaftliche Produktion genutzt wird. Zudem wurde die Finanzierung von geeigneten Technologien zugesichert, die den Zugang zu Wasser verbessern soll. Jedoch liegt immer noch einiges im Argen. So erzählt beispielsweise Victor Machado, dass sich noch immer ein großer Prozentsatz familiärer Betriebe in der Provinz Buenos Aires bezüglich der Eigentumsverhältnisse der bewirtschafteten Flächen in einer prekären Situation befindet: „Diese Erde gehört schon nicht mehr der Gemeinde, weil die Besitzer keine Steuern mehr gezahlt haben. Naja, und genauso war es mit dem Wasser. Dies hier war nacktes Land, es gab nichts, es gab keine Zäune, es gab gar nichts. Nach und nach haben wir alles organisiert, z.B. eingezäunt. Aber letztes Jahr ist die Gemeindeverwaltung dann zweimal gekommen, um uns zu nerven. Sie haben gesagt, dass sie uns von diesem Ort vertreiben wollen, weil sie daraus eine Grünanlage machen wollen oder einen öffentlichen Platz. Jetzt kommen sie zwar nicht mehr, um uns zu nerven, aber naja, manchmal arbeitet man trotzdem nicht entspannt, weil sie jeden Moment kommen und dich vertreiben könnten.“

(vgl. auch den Audiobeitrag zum Thema im Rahmen der Kampagne “Knappe Ressourcen? Gemeinsame Verantwortung” des NPLA: http://www.npla.de/onda/content.php?id=909)

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