Mexiko

Von der Versteigerung Chiapas und den Zapatistas als Tourismusattraktion


von John Ross

(Lima, 06. März 2009, noticias aliadas-poonal).- Die Vermarktung der zapatistischen Bewegung erreichte am 16. November, kurz vor dem 25. Jahrestag der Gründung der EZLN (Ejército Zapatista de Liberación Nacional), neue Dimensionen, als die US-Zeitung The New York Times die Rebellengebiete im Südosten des mexikanischen Bundesstaats Chiapas zum preisgünstigen Touristenziel erklärte. Der Zeitungsartikel enthält ein Foto des kulturellen und politischen Zentrums der Zapatistas in Oventic, einem sogenannten Caracol”, das sich 45 Autominuten von der Bundeshauptstadt San Cristóbal de las Casas entfernt befindet.

„Ihre erfolglose (sic!) Revolution” habe dem Zapatistengebiet „das Gefühl der Gefahr“ verliehen, so der Reporter für „Billigreisen“ der Times, Matt Gross. Mehrere Touristenführer preisen die Straße, die von San Cristóbal bis zu den atemberaubenden Mayaruinen in Palenque vorbei an mehreren autonomen Zapatistengemeinden führt, in Anlehnung an das Szeneviertel in New York als „das neue SoHo“ und als touristischen Höhepunkt an.

Dabei schürt der Tourismus bzw. das Vorhaben, das Rebellengebiet in Chiapas zur „Touristenzone“ zu erklären, die Gewalt zwischen zapatistischen und nicht-zapatistischen Gemeinden. Schon jetzt kämpfen diese um die Kontrolle von Gebieten wie Agua Azul, einem ökotouristischem Anlaufpunkt zwischen San Cristóbal und Palenque.

Weiter südlich in Chiapas wurden sowohl zapatistische als auch nicht-zapatistische Gemeinden aus dem Biosphärengebiet Montes Azules vertrieben, ein 300.000 Hektar großes Gebiet des Urwalds Selva Lacandona. Derweil fordern ökotouristische Verbände, die von großen Konzernen wie Ford Motors unterstützt werden, eine Nutzungsbeteiligung an Montes Azules.

Die Nutzung religiöser Maya-Stätten wie Palenque durch die lokale und transnationale Tourismusindustrie hat auch im Südosten Chiapas die Spannungen wachsen lassen. Im Januar drohten die Zapatistas wegen eines Landstreits, die Mayaruinen in Tonina, der „Eingangstür zur Selva Lacandona“ am Rand von Ocosingo, zu besetzen. Vergangenen Oktober wurden sechs Personen, die nicht den Zapatistas angehören, von der Polizei in Chiapas erschossen, nachdem Aktivist*innen des Mayavolkes Tojolabales die Kontrolle über die Ruinen in Chinkultik, im Sumpfgebiet Montebello, in der Nähe von Comitan übernommen hatten. Sie forderten mehr Beteiligung an den Einnahmen aus dem Tourismus.

Der Tourismus sei einer der „vier Stützpfeiler des sogenannten Fortschritts“, erklärt der Korrespondent der mexikanischen Tageszeitung La Jornada, Hermann Bellinghausen. Er ist mit einer über den zapatistischen Kampf am besten informierte Journalist. Erst kürzlich kam sein Werk „Corazón del tiempo“ (Herz der Zeit), das in zapatistischen Gebieten spielt, in die Kinos. Doch auch Erdöl, Biotreibstoff und der Bergbau seien wichtige Einnahmequellen, die dem Staat im tiefen Süden Mexikos die Zukunft sicherten.

So ließ im vergangenen Dezember Energieministerin Georgina Kessel die Erschließung des „lakadonischen Beckens“ auf der Suche nach Erdöl wieder aufleben. Obwohl sie nicht darauf einging, worauf sie sich genau mit dem Begriff „lakadonisches Becken“ bezieht, besteht kein Zweifel daran, dass die Ölsuche im Urwald zu Konflikten mit den Zapatistas aber auch mit dem Ökotourismus in der Region führen wird. Der staatliche Mineralölkonzern PEMEX begann bereits in den achtziger und Anfang der neunziger Jahre mit Bohrungen in den Rebellengebieten. Allerdings wurde der Komplex „Nazaret“ mit 31 Plattformen, nur 15 km vom zapatistischen Caracol in La Garrucha entfernt, nach dem indigenen Aufstand am 1. Januar 1994 geschlossen. PEMEX hatte dort zwar nur eine kleine Ölquelle mit möglichen 400 Barrel täglichem Fördervolumen entdeckt, darüber hinaus jedoch zehntausende Kubikmeter Erdgas, deren Erschließung durch den Aufstand verhindert wurde.

Daneben ist der Anbau von Pflanzen, die zu Biokraftstoff verarbeitet werden, den Menschen in Chiapas ein Dorn im Auge. Der Anbau von Biokrafstoffplanzen ist Teil des Projekts Plan Mesoamérica (früher Plan-Puebla-Panamá), das ein Gebiet von Zentralamerika bis Kolumbien einbezieht und ihm „den Fortschritt“ bringen soll.

Tatsächlich wurden durch den Anbau von Pflanzen für die Produktion von Biokraftstoffen durch kolumbianische Unternehmen bereits 7000 Hektar Land an der mexikanischen Pazifikküste in der Nähe von Puerto Chiapas vernichtet. Das Land sollte eigentlich für den Anbau von Grundnahrungsmitteln genutzt werden. Die Produktion von Biotreibstoff in Mexiko ist ein erst im Anfang begriffenes Gemeinschaftsprojekt des kolumbianischen Präsidenten Álvaro Uribe und des mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón, beides Freunde der US-amerikanischen Regierung.

Nachdem der Goldpreis an Wert gewonnen hat, stellt auch der Bergbau einen „Zukunftspfeiler“ für Chiapas dar. Die dortigen Behörden haben bereits 55 Erlaubnisse zum Abbau von Bodenschätzen im Berggebiet von Chiapas erteilt, zumeist an kanadische Unternehmen. Konzerne wie Linear Gold und Blackfire werden wegen der mit dem Bergbau einhergehenden großflächig betriebenen Abholzung, äußerst niedrigen Löhnen und der Unterdrückung der Arbeiter*innen in den Minen stark kritisiert.

Während der Staat Chiapas regelrecht versteigert wird, feierte die EZLN also ihren 25. Jahrestag als Rebellengruppe und den 15. Jahrestag ihres ersten Auftritts auf der öffentlichen Bühne, dieses Mal mit einem Festival des Namens Festival Mundial de la Digna Rabia (Internationales Festival der würdigen Wut).

Dieses Treffen war durchaus bescheidener als vorherige Auftritte, doch eine international bekannte Persönlichkeit durfte nicht fehlen: der berühmte Sprecher der Zapatistas, Subcomandante Marcos. Dieser hatte öffentliche Auftritte häufig für Attacken gegen seine politischen Gegner genutzt. Doch seit Ausrufung der Anderen Kampagne (La Otra Campaña) im Jahr 2006 sind die davor fast täglich veröffentlichten Erklärungen von Marcos seltener geworden. Seit letztem Jahr wurden sie praktisch vollkommen eingestellt.

Als zentrale Figur beim Festival nahm der Subcomandante seine Rede dort auf, wo er sie letztes Jahr abgebrochen hatte – bei seinen verbalen Angriffen auf den Oppositionspolitiker Andrés Manuel López Obrador, der bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2006 gegen Felipe Calderón (wie viele sagen: wegen Wahlbetrugs) verlor. Marcos diskreditierte Obradors soziale Bewegung gegen die Privatisierung des mexikanischen Erdöls und sagte, der frühere Präsidentschaftsanwärter stehe auf der gleichen Seite wie sein Gegner Calderón.

Doch auch wenn der Auftritt des Subcomandante der Sache der Rebell*innen alles andere als Aufschwung verliehen hat, beweisen die zapatistischen Gemeinden in den Bergen und im Urwald im Südosten Chiapas weiterhin ihre Fähigkeit zum gemeinsamen Kampf. Die Kreativität der Rebell*innen der ersten Reihe bei der Ausbildung der Zapatistas und ihrer Kinder und bei der Verteidigung der Umwelt, besonders der Urpflanzen, sind beispielhaft.

Zudem unterstreichen Studien, wie die des ehemaligen Universitätsprofessors der Universität von Mexiko-Stadt UNAM, Pablo González Casanova, das bemerkenswerte Engagement und die Beharrlichkeit der Zapatistas bei Projekten im Gesundheitsbereich, vor allem bei der pränatalen Betreuung von Frauen. Auch wenn die EZLN die Öffentlichkeit scheut und sich selbst innerhalb des nationalen und internationalen politischen Aktivismus ausgegrenzt hat, sind die autonomen zapatistischen Gemeinden im Südosten Chiapas weiterhin ein lebendiger Beweis dafür, dass eine andere Welt möglich ist.

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