Nicaragua

Vom Sterben der Arbeiter*innen auf den Zuckerrohrplantagen


(Lima, 12. Februar 2009, noticias aliadas).- Mehr als 3.000 Arbeiter*innen des Zuckerrohranbaugebiets Ingenio San Antonio sind seit 1990 an chronischem Nierenversagen gestorben und mehr als 5.000 Arbeiter*innen leider derzeit unter dieser Krankheit, die auf den massiven Einsatz von Pestiziden und Insektenvernichtungsmittel zurückgeht. Das sind Zahlen, die die Nicaraguanische Vereinigung der von Nierenversagen Betroffenen ANAIRC (Asociación Nicaragüense de Afectados por Insuficiencia Renal Crónica) bekannt gab. ANAIRC veranstaltete aus diesem Grund am 9. März Protestmärsche in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua.

Das Zuckerrohranbaugebiet Ingenio San Antonio gehört dem Unternehmen Nicaragua Sugar Estates, das wiederum zur Pellas-Gruppe gehört. Nicaragua Sugar Estates, das seinen Sitz in Chichigalpa im nördlichen Departement León hat, produziert neben Zucker und dem bekannten nicaraguanischen Rum Flor de Caña auch noch Ethanol, zudem ist das Unternehmen im Elektrizitätssektor aktiv.

Carmen Ríos, Präsidentin von ANAIRC, berichtet, dass die Pellas-Familie bereits 1969 damit begann, Land für den Monokulturanbau von Zucker und die Rum-Produktion zu erwerben. „Ab 1990 begannen dann Zuckerrohrarbeiter*innen zu sterben, das hörte nicht auf, es wurden immer mehr Tote. Da fingen wir an zu protestieren. Aber der Chef von Pellas, Carlos Pellas, will von Entschädigungen nichts hören. Doch erst ist verantwortlich für das, was uns passiert.“

Das Unternehmen streitet bis heute jegliche Verantwortung für die Todesfälle ab. Stattdessen beschuldigt es die Arbeiter*innen, betrunken und drogenabhängig zu sein, daher kämen die Erkrankungen. Doch die Universität von Nicaragua UNAN stellte 2006 in einer Studie fest, dass von den 26 Brunnen, die das Land des Unternehmens im Nordosten bewässern, 95 Prozent mit Herbiziden, Bakterien und Insektiziden versucht sind. Betroffen davon sind auch 95 der Brunnen von Familien, die in der Gegend wohnen. Zwischen dem Ort bzw. der Aktivität der Arbeit der Zuckerrohrschneider*innen und der Krankheit bestehe ein „möglicher Zusammenhang“.

Auch die Medizinerin Cecilia Torres, die an der Universität von León UNAN im Bereich Arbeitskrankheiten tätig ist, weist darauf hin, dass das Risiko, in Nicaragua an Nierenversagen zu erkranken, von sogenannten neurotoxischen Umweltgiften wie Arsen, Kadmium und Blei sowie Herbiziden und Pestiziden wie u.a. Kupfersulfat und Endrin ausgehe.

„In der Zone verfünfachen sich die Fälle von Nierenversagen im Vergleich zu nationalem Durchschnitt. In einigen Gemeinden steigt die Ziffer auf 13 Fälle pro 10.000 Bewohner*innen“, so Torres. Untersuchungen bestätigen nach Angaben der Medizinerin, dass die meisten Fälle von Nierenversagen im Bergbau (37 Prozent) und in der Landwirtschaft (34 Prozent) bzw. dem Kaffeeanbau (14 Prozent) vorkommen. „In der Gemeinde La Isla, in Chichigalpa, steigt die Häufigkeit im Vergleich dazu jedoch auf 41 Prozent an“, so Torres.

Doktor Jesús Marin, vom Nationalem Zentrum für die Prävention und die Kontrolle toxischer Substanzen beim Gesundheitsministerium, weist darauf hin, dass die Sterblichkeitsrate bei Niervenversagen bei 130 zu einer Million liege. „In León und im Nachbardepartement Chinandega ist das Verhältnis 500 zu einer Million.“

Diese Fälle erinnern auch an Tausende Arbeiter*innen auf Bananaplantagen, die durch die Agrochemikalie Nemagon vergiftet wurden und gegen die transnationalen Unternehmen Dole Food, Dole Chemical, Shell Chemical, Occidental und Standard Fruit vor Gericht gezogen sind. Im Jahr 2004 verurteilte ein Gericht der USA Shell Chemical und Dole Food dazu, 82,9 Millionen US-Dollar an 81 Frauen zu zahlen, die durch den Kontakt mit Nemagon krank geworden waren. Drei Jahre später musste Dole Food 2,5 Millionen US-Dollar an sechs Bananenarbeiterinnen des Unternehmens Standard Fruit, zugehörig zu Dole, bezahlen, da die Frauen durch den Einsatz von Nemagon unfruchtbar geworden waren. Das Gericht befand, das Unternehmen habe wissentlich die Schädlichkeit des Mittels vertuscht. Der Einsatz von Nemagon ist in den USA seit 1979 verboten, in Nicaragua benutzte man das Mittel jedoch noch bis 1981.

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