Argentinien

Vier Tote nach Räumung in Jujuy


von Benjamin Beutler

Repression in Jujuy / Minka-news(02. August 2011, amerika21.de).- Drei tote Landbesetzer, ein toter Polizist, 50 Verletzte, unter ihnen drei Schwerverletzte in Intensivbehandlung, sind die vorläufige Bilanz einer gewaltsamen Räumungsaktion durch Sicherheitskräfte im Norden Argentiniens. Laut Medienberichten war es in der 50.000-EinwohnerInnen-Ortschaft Libertador General San Martín in der an Bolivien und Chile grenzenden Provinz Jujuy am Donnerstagmorgen zu einer vierstündigen Auseinandersetzung zwischen Einheiten der Polizei und Landbesetzer-Familien gekommen.

Mit Tränengas, Schlagstöcken und Gummigeschossen waren 350 Polizisten auf das 15 Hektar große Grundstück vorgedrungen, das von rund 700 Familien besetzt gehalten wird. Kurz zuvor hatte ein Distriktsgericht die sofortige Räumung des Geländes angeordnet, das vom Zucker-Konsortium „Ledesma S.A.“ beansprucht wird. Das Unternehmen kontrolliert den gesamten Landbesitz rund um das Stadtzentrum von San Martín.

Unmittelbar nach dem Eindringen der Sicherheitskräfte auf das von Notunterkünfte und Zelte bebaute Areal war es zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Bewohner*innen gekommen, so Augenzeugen. „Wir wissen noch nicht wie viele Tote es gibt, viele Menschen kämpfen noch um ihr Leben“, berichtet Krankenhausdirektor Roberto Maizel. „Es ist wie in einem Kriegsgebiet“, schilderte der Mediziner gegenüber lokalen Medien.

Regierungschef zurückgetreten

„Das war ein Massaker“, verurteilte Enrique Mosquera, Partei-Chef der linken Strömung für Klasse und Kampf CCC (Corriente Clasista y Combativa) die Gewalteskalation gegenüber der Tageszeitung La Razón. Wenig später griffen in der Provinzhauptstadt San Salvador Unbekannte den Sitz der Regierung von Jujuy an. Provinzgouverneur Walter Barrionuevo von der sozialdemokratisch-peronistischen „Front für den Sieg“ (FPV) verurteilte am Freitag das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte. Er sei „überrascht und machtlos“ angesichts der Vorfälle. Kurz zuvor war sein Regierungschef Pablo La Villa zurückgetreten. Am Freitag forderte eine CCC-Demonstration von der Regierung in Buenos Aires zusammen mit Gewerkschaften und sozialen Organisationen „Aufklärung und exemplarische Bestrafung der Schuldigen für den Gewaltausbruch“.

Hinter dem Räumungsbefehl vermutet der linke Gouverneur Barrionuevo angesichts anstehender Provinzwahlen Interessen von Opposition und Unternehmern. Der politische Verbündete der Kirchner-Regierung verurteilt den Abstand zwischen arm und reich im Wahlprogramm als „nicht tolerierbar“. Die nationale Oppositionspolitikerin Silvana Giudici machte hingegen die „inkompetente Regierung und skandalöse Korruption“ der Kirchner-Regierung für die „landesweite Wohnungskrise“ verantwortlich.

Vor genau 30 Jahren war eine Landbesetzung in derselben Ortschaft von der damaligen Militärdiktatur ebenfalls gewaltsam beendet worden, mit Toten und Verschwundenen.

CC BY-SA 4.0 Vier Tote nach Räumung in Jujuy von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

Neue Maßnahmen gegen Pandillas (Guatemala-Stadt, 15. August 2016, cerigua).- El Salvador leitet eine neue Phase außergewöhnlicher Maßnahmen gegen die Pandillas, die Banden ein. Diese Schritte waren zu Beginn dieses Jahres ins Leben gerufen worden – trotz der Zweifel hinsichtlich ihrer Effektivität und trotz der Angst, dass diese die Rechte der Bürger*innen verletzen könnten.In einem von dem Nachrichtenportal ‘Insight Crime’ veröffentlichten Artikel wird berichtet, dass der Minister für Justiz und öffen...
Sieben Jahre nach dem Massaker in Bagua Von Juan José Quispe*(Lima, 6. Juni 2016, servindi).- Am 5. Juni 2009 fand in der Nähe des Städtchens Bagua die Räumung einer Protestaktion statt. Bagua, ein dem Großteil der Bevölkerung unbekannter Ort, liegt in der im Norden Perus gelegenen Amazonasregion. In der Gegend der sogenannten „Kurve des Teufels“ („la curva del diablo“) wurde eine Demonstration von Tausenden von Menschen der indigenen Bevölkerung auf irrationale, brutale und unsinnige Art und Weise aufgelö...
Mapuche-Aktivisten: frei nach 300 Tagen U-Haft Von Vanessa Vargas Rojas, El Ciudadano(Santiago, 5. August 2016, agenciadenoticias).- Vier Tage lang hatte Gericht von Temuco in der südchilenischen Provinz Araucanía verhandelt, ob sich der Fotojournalist Felipe Durán und der Mapuche-Aktivist Cristián Levinao des Mitführens von Waffen und Sprengstoff schuldig gemacht hatten. Am Morgen des 5. August erging schließlich das Urteil: Freispuch aus Mangel an Beweisen. Obwohl beide über 300 Tage in Untersuchungshaft auf ...
Jenseits von Olympia Von Roberto Torres Collazo(Fortaleza, 1. August 2016, adital).- Die Olympischen Spiele finden vom 5. bis zum 21. August 2016 in Rio de Janeiro statt – inmitten von erneuten Kontroversen über Doping, nicht fertiggestellte Unterkünfte für die Athlet*innen und extreme Sicherheitsmaßnahmen. Umgeben von dem Zika-Virus, der wirtschaftlichen und politischen Krise, die einmal mehr zu Umsiedlungen geführt hat, der Polizeigewalt, der Militarisierung der Favelas und der Krimina...
Fall Curuguaty: Hohe Haftstrafen für Bauern (Caracas, 11. Juli 2016, telesur/poonal).- Das Strafgericht, das sich mit dem Massaker von Curuguaty befasst hat, hat am Montag, 11. Juli, elf Angeklagte für schuldig befunden. Vier von ihnen wurden wegen vorsätzlichen schweren Mordes, Landbesetzung und Bildung einer kriminellen Vereinigung verurteilt. Mit 30 Jahren Haft wegen Mordes erhielt Rubén Villalba die schwerste Strafe. Wegen Mittäterschaft wurden Luis Olmedo zu 20 Jahren, Néstor Castro und Arnaldo Quintana zu je 18 J...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *