Mexiko

Verschleppte Mädchen – Familienangehörige prangern Straflosigkeit und Untätigkeit an


Von Montserrat Antúnez Estrada

Konferenz Frauen

Olga Tezmol, Mutter von Karla Romero Tezmol, Miriam Pascual vom zivilgesellschaftlichen Netzwerk Red Retoño, Elia Corona, Mutter von Sandra Xahuantila y Yolanda Salas, Mutter von Sarahí Tezmol bei einer Pressekonferenz. Foto: Cimac/Cesar Martínez López

(Mexiko-Stadt, 14. März 2017, cimacnoticias).- Familienangehörige von Mädchen, die verschleppt und Opfer von sexueller Gewalt wurden, haben gemeinsam mit sozialen Organisationen vom Gouverneur von Tlaxcala, Marco Antonio Mena Rodriguez und von Staatsanwalt Tito Cervantes ein Treffen gefordert, um ihren Forderungen nach ordentlichen Untersuchungen und Gerechtigkeit Ausdruck zu verleihen.

Die Menschenrechtsorganisationen Grupo de Acción por los Derechos Humanos y Justicia Social A.C., das Netzwerk Red Retoño und Familienangehörige von Sandra Xahuantila und Sarahí Tezmol – zwei Mädchen, die 2016 in der Ortschaft San Pueblo del Monte verschleppt und anschließend aufgefunden wurden – ebenso wie die Familienangehörigen von Karla Romero, die seit Januar 2016 verschwunden ist, verurteilten öffentlich Unterlassung und Nachlässigkeit bei der Untersuchung der Fälle durch Mitarbeiter*innen der Staatsanwaltschaft des Bundesstaates.

Bei einer Pressekonferenz  im  Zentrum für soziale Kommunikation CENCOS (Centro Nacional de Comunicación Social) forderte Olga Tezmol, die Mutter von Karla Romero Tezmol ein sofortiges Treffen mit dem Gouverneur und dem Staatsanwalt des Bundesstaates, damit diese sich die Aussagen der betroffenen Familien anhören sollten. Fall von Karla Romero ist bisher der einzige in Tlaxcala, der untersucht wird.

Weiterhin forderte sie von Cutberto Benito Cano Coyotl, Bürgermeister von San Pablo del Monte, seine Versprechen wahr zu machen, um bei der Aufklärung des Falles von Karla Romero Fortschritte zu erzielen.

Behörden arbeiten nachlässig

Miriam Pascual, Mitglied vom Netzwerk Red Retoño, klagte über die ständigen Verletzungen der Richtlinien für die wirksame Untersuchung von sexueller Gewalt an Frauen, sobald die Familien das Verschwinden und die sexuelle Gewalt gegen Mädchen zur Anzeige bringen.

„Die Behörden ergreifen im Falle von sexueller Gewalt nicht die entsprechenden Maßnahmen, sie legen keine Akten zu den Untersuchungen an, stellen kein Beweismaterial sicher, verlieren Beweismittel und machen außerdem die Frauen zum zweiten Mal zu Opfern“ versicherte Miriam Pascual.

Seit dem Verschwinden von Karla Romero vor 14 Monaten haben die Menschenrechtsorganisation Grupo de Acción por los Derechos Humanos y Justicia Social  und das Netzwerk Red Retoño das Verschwinden von sieben Mädchen und drei Frauen alleine in der Ortschaft San Pablo del Monte im Bundesstaat Tlaxcala dokumentiert.

Familienangehörige finden verschleppte Mädchen

Miriam Pascual fügte hinzu, dass fünf von ihnen nur dank der Arbeit der Familienangehörigen der Opfer gefunden werden konnten, da sich die Behörden nicht an der Aufklärung beteiligt hatten. Alle sind Opfer sexueller Gewalt geworden.

Das Verschleppen von Mädchen geschieht in einem Umfeld von Straflosigkeit und Verschleiern von Zahlen. Laut Daten der Staatsanwaltschaft in Tlaxcala hat diese von 2012 bis 2016 nur acht Frauen als verschwunden registriert, darunter auch minderjährige Mädchen.

Netzwerke von Menschenhändlern agieren straflos

Olga Tezmol, Mutter

14 Monate nach dem Verschwinden von Karla Romero haben Organisationen alleine in der Ortschaft San Pablo del Monte im Bundesstaat Tlaxcala das Verschwinden von sieben Mädchen und drei Frauen dokumentiert. Auf dem Foto: Olga Tezmol, Mutter von Karla Romero Tezmol. Foto: Cimac/Cesar Martínez López

Miriam Pascual ist sicher, dass es den Menschenhandel-Netzwerken durch die Nachlässigkeit der Behörden leicht gemacht werde und sie sogar noch gestärkt würden. Tlaxcala ist der einzige Bundesstaat in Mexiko, der wegen Menschenhandel und sexueller Gewalt seit 2016 mit dem Mechanismus zum Schutz der Frauen AVG (Alerta de Violencia de Género) arbeitet.

Alleine von 2011 bis Mai 2016 wurden laut dem Menschenrechtszentrum Fray Julián Garcés 200 Anzeigen wegen Menschenhandel erstattet, von denen nur in 13 Fällen Strafen verhängt wurden, d.h. 93 Prozent der Fälle  blieben straflos.

David Peña, Mitglied der Menschenrechtsorganisationen Grupo de Acción por los Derechos Humanos y Justicia Social erklärte, vor einigen Wochen hätten sich Familienangehörige von Karla mit dem Staatsanwalt von Tlaxcala getroffen und ihm einen Bericht mit der Evaluierung zum Vorgehen im Fall Karla übergeben, der auch dem Gouverneur übergeben werden solle.

David Peña fügte hinzu, dass die Petition nicht nur an den Staatsanwalt überreicht werde, da das Personal das gleiche sei, das es kriminellen Gruppen erleichtert habe, sexuelle Gewalt, Verschleppen oder Mord in San Pablo del Monte zu begehen.

Politik braucht genaue Opferzahlen

Er fügte hinzu: „Wir fordern, dass die Zahl der Verschwundenen transparent gemacht wird, da die Fälle von Verschwundenen in Tlaxcala vorsätzlich und mehrdeutig behandelt werden und dadurch nicht nur Fälle verschleiert werden, sondern auch verhindert wird, dass öffentliche Politik gemacht wird, die das kriminelle Ausmaß der Fälle erkennt.“

Die Organisationen forderten zudem die Schaffung einer speziellen Ermittlungseinheit, um die Vorgehensweise dieser Gruppen identifizieren und bekämpfen zu können. „Falls es keine Antwort geben sollte, müssten wir davon ausgehen, dass kein Interesse an der Aufklärung der Fälle besteht und dass dieses Komplizentum noch über das Personal der Staatsanwaltschaft selber hinaus reicht“, betonte David Peña.

Miriam Pascual informierte, dass erst am Vortag um sieben Uhr morgens noch ein Mädchen in San Pablo del Monte in Tlaxcala verschwunden sei und erklärte: „Dies wird noch so lange weitergehen, wie es keine Untersuchungen und keinen Willen zur Aufklärung der Fälle gibt“.

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