Kolumbien

Verantwortung von Militärs für Morde in Kolumbien belegt


von Ani Dießelmann

alt(09. August 2015, amerika21.de).- Die kolumbianische Zeitschrift “Semana” hat unlängst den Mitschnitt eines Telefongesprächs zwischen zwei Soldaten der kolumbianischen Armee veröffentlicht, mit denen die Verantwortung von ranghohen Militärangehörigen für die als “falsos positivos” bekannten extralegalen Hinrichtungen belegt werden kann. Die Soldaten sind in unterschiedlichen Gefängnissen inhaftiert und planen in dem Gespräch, das im Juni aufgezeichnet wurde, wie sie Vorgesetzte decken und die Schuld an den Morden auf Paramilitärs schieben wollen.

“In Wirklichkeit wissen wir doch genau, wie wir es gemacht haben“

Über die Umstände der Aufnahme ist bisher nicht viel bekannt. Der angerufene Soldat konnte als José Torres identifiziert werden. Er wurde vor fünf Jahren im Fall des Mordes an einem Bauern verurteilt, den der Soldat als Mitglied der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) ausgab. Zudem ist er in weiteren 32 Mordfällen angeklagt. “Semana” zufolge ist der Name des Anrufers bisher nicht bekannt. Klar ist lediglich, dass er ein in zwölf Fällen von “falsos positivos” angeklagter Unteroffizier ist.

Bei dem Telefonat erzählt Torres seinem ehemaligen Kollegen vom Fortgang der Gerichtsverhandlungen in seinem Fall. Er sagt, er wolle die bereits bekannten 33 Morde gestehen, um sich eine Strafreduzierung zu ermöglichen. Sein Gesprächspartner darauf: “Mich haben sie bereits, aber wenn Sie eine Aussage brauchen, denke ich mir irgendeine Scheiße aus.” Der Unteroffizier bittet Torres inständig, Schweigen über die weiteren Schuldigen zu bewahren: “Wenn Sie befragt werden, sagen Sie: ‘Ich weiß nichts’. Vor allem erwähnen Sie keine Namen von Obersten und auch sonst von niemand.”

Torres sagt daraufhin: “In Wirklichkeit wissen wir doch genau, wie wir es gemacht haben. Ich stellte die Männer hin und ihr habt sie umgebracht.”

„Falsos Positivos“: 4.500 Morde an ZivilistInnen

Der Unteroffizier zeigt sich sehr darüber besorgt, dass Torres gegenüber der Staatsanwaltschaft nichts über die Rolle von ranghohen Militärs erwähne. Explizit bittet er Torres zu lügen: “Sag, es war ein Para von Chiriguaná und fertig! Der, den sie ein paar Tage danach in der Aurora begraben haben. Wir müssen behaupten, dass wir nichts damit zu tun haben. Lass uns das verabreden.” Diese Aussagen werden als Beweis dafür gedeutet, dass sich Militärs gegenseitig decken und Absprachen über ihre Aussagen vor Gericht treffen.

Inzwischen reagierten Armeesprecher und sagten gegenüber “Semana”, das Militär habe bereits jede erdenkliche Maßnahme zur Mithilfe bei der Aufklärung ergriffen. Schätzungen zufolge gab es von 2007 bis 2015 etwa 3.000 Festnahmen einfacher Soldaten, die in nur 815 Fällen zu Urteilen führten. Nur fünf Oberstleutnants konnten bisher verurteilt werden. Vor drei Monaten erst beschuldigte die Staatsanwaltschaft fünf weitere hochrangige Militärs.

Als “falsos positivos” sind von 2008 bis 2010 mindestens 4.500 ZivilistInnen, vor allem Jugendliche aus armen Vierteln, vom Militär ermordet und schließlich als angebliche Mitglieder der Guerilla ausgegeben worden. Die mit dem Gespräch exemplarisch belegte strategische gegenseitige Deckung von Militärangehörigen wird als Grund dafür angeführt, dass bisher kaum Verantwortliche in den Führungsriegen des Militärs verurteilt werden konnten.

(Mit Angaben von semana und tsur)

CC BY-SA 4.0 Verantwortung von Militärs für Morde in Kolumbien belegt von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

Die finstere Seite der Kohle Von Darius OssamiProtestaktion gegen das Kohlekraftwerk Klingenberg in Berlin, Juli 2016. Foto: D. Ossami(Berlin, 13. Oktober 2016, npl).- Protest vor dem Kohlekraftwerk Klingenberg in Berlin. Umweltaktivist*innen demonstrieren auf dutzenden Booten und Flößen in der Rummelsburger Bucht gegen die umweltschädliche Verwendung von Kohle als Brennstoff. Ein Großteil der Kohle, die der Betreiber Vattenfall in dem Kraftwerk zu Energie macht, wird aus Kolumbien importiert. D...
Soziale Aktivist*innen werden wieder zum Schweigen gebracht Soziale Anführer*innen werden häufig zum Ziel politischer Gewalt in Kolumbien. Foto: Telesur(Caracas, 7. Oktober 2016, telesur).- In den 18 Tagen nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen der kolumbianischen Regierung und den Rebellen der FARC-EP am 26. August sind in Kolumbien bereits 13 soziale Aktivist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen ermordet worden. Néstor Iván Martínez und Maria Fabiola Jiménez de Cifuentes sind die letzten beiden Ermordeten, ...
Die finstere Seite der Kohle Protest von Umweltaktivist*innen vor dem Kraftwerk Klingenberg in Berlin. Foto: D. OssamiDie Provinz Cesar im Nordosten Kolumbiens ist die wichtigste Bergbauregion des Landes. Von hier wird Kohle auch nach Deutschland exportiert. Doch zu welchem Preis? Paramilitärs haben auch dort tausende Menschen ermordet und Zehntausende vertrieben - nach Aussagen zahlreicher Zeug*innen im Auftrag der Bergbauunternehmen Drummond und Glencore-Prodeco. Doch die weisen bis heute jede Ver...
onda-info 392 Über Kolumbien war in den letzten Tagen viel in den Nachrichten. Der bisherige Friedensvertrag war schon ein wackeliges Konstrukt, jetzt wird alles noch unklarer. Wir haben einen Bericht für euch über die Bergbauregion Cesar. Zahlreiche Zeugenaussagen belegen, dass dort Paramilitärs ermordet und vertrieben haben - Im Auftrag der Bergbauunternehmen Drummond und Glencore. Doch die weisen jede Verantwortung von sich. Organisationen kämpfen auf beiden Seiten des Atlantiks für ein...
Großunternehmen und Militär der Hilfe für Paramilitärs beschuldigt Von Hans Weber.In ganz Kolumbien bekannt: Die Getränkefirma des viertreichsten Kolumbianers, Carlos Ardila Lülle. Grafik: Amerika21/Wikimedia(Bogotá, 13. Juli 2016, amerika21).- Die Getränkefirma Postobón soll eine der ehemaligen paramilitärischen "Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens" (AUC) mitfinanziert haben. Es handelt sich dabei um die AUC-Struktur "Héctor Julio Peinado Becerra", die Ende der 1990er Jahre im Departamento Cesar aktiv war. Postobón is...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.