Guatemala

Unternehmen drohen mit Entlassungen wegen höherem Mindestlohn


Foto: leo.prie.to, flickr(Guatemala-Stadt, 13. Januar 2011, cerigua).- Anfang Januar gab Präsident Álvaro Colom eine Erhöhung des Mindestlohns für den landwirtschaftlichen und nicht-landwirtschaftlichen Sektor um 13,75 Prozent bekannt. Darauf regierten die Unternehmer*innen mit der Ankündigung, wenigstens 6.000 Arbeitsverhältnisse in der Textil- und Bekleidungsindustrie und im Agrarbereich zu kündigen.

Textilbranche droht mit Entlassungen

Sie begründeten diese Maßnahme mit der Erhöhung der Produktionskosten, die ein Lohnanstieg um monatliche 230 Quetzales (ca. 21 Euros) pro ArbeiterIn nach sich ziehen würde. Angesichts dieser ernstzunehmenden Perspektive erklärte der Chef des Textilunternehmverberbands, Carlos Arias, “bitten wir den Präsidenten, die Entscheidung noch einmal mit angebrachter Sorgfalt zu prüfen, damit ihm die Konsequenzen klar werden.”

In einer Pressemitteilung dementierte Arias, Vorstandsvorsitzender der Kommission der Bekleidungs- und Textilindustrie VESTEX (Comisión de Industria de Vestuarios y Textiles), dass Fabriken geschlossen würden, allerdings müsse die Zahl der Arbeitsplätze reduziert werden. Er fügte hinzu, dass sich die Unternehmer*innen bis zum Letzten verteidigen würden.

Unternehmer*innen wollen Teilzeitbeschäftigung

Carlos Amador, Präsident der Koordination der Unternehmerverbände für Landwirtschaft, Handel, Industrie und Finanzwesen CACIF (Comité Coordinador de Asociaciones Agrícolas, Comerciales, Industriales y Financieras) hält seinerseits die Erhöhung des Mindestlohns per Dekret für einen Auslöser von Arbeitslosigkeit. Seiner Ansicht nach ließe sich das Problem mit einer Modernisierung der Arbeitsmarktpolitik und der Einführung von Teilzeitbeschäftigung lösen.

Auch der Präsident der Landwirtschaftskammer, Otto Ruhsiek, informierte darüber, dass eine Lohnerhöhung Arbeitsplatzverluste verursachen werde. Außerdem erinnerte er daran, dass der Agrarsektor im vergangenen Jahr von mehreren Naturkatastrophen betroffen war.

Auch die Gewerkschaften sind mit der neuen Regelung unzufrieden – jedoch aus einem anderen Grund: Nach Aussagen von Victoriano Zacarías, Repräsentant der Indigenen-, Bauern- und Gewerkschaftsbewegung (Movimiento Sindical, Indígena y Campesino) sei die Erhöhung völlig unzureichend.

Mindestlohn deckt Lebenshaltungskosten nicht

Der Mindestlohn müsse sich den elementaren Kosten des Warenkorbs für Lebensmittel angleichen. Dieser liege bei monatlichen 3.200 Quetzales (ca. 275 Euros), die angekündigte Lohnerhöhung summiere sich jedoch nur auf ein Monatsgehalt von 2.161,50 Quetzales (ca. 197 Euros). Die Vereinigung für Forschung und Sozialstudien ASIES (Asociación de Investigación y Estudios Sociales) hält die Anhebung des Mindestlohns ebenfalls für geringfügig zu hoch und führt an, dass im formalen Sektor schon 2009 rund 30.000 Arbeitsplätze verloren gegangen waren.

Laut aktueller Daten des Staatlichen Amts für Statistik INE (Instituto Nacional de Estadística) beträgt die Zahl der Beschäftigten in Guatemala 5,6 Millionen, davon sind 2,7 Millionen Arbeiter*innen in der Landwirtschaft tätig; die Arbeitslosenquote liegt bei 3,5 Prozent.

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