Kolumbien
Fokus: Recht auf Stadt und Land / Derecho a la ciudad y tierra

Umzingelt vom Hunger


Mann im schmutzigen Wasser

Der grünliche Kanal in La Pista. Foto: Colombia Informa

(Medellín, 10. November 2016, colombia informa).- „Heute habe ich kein bisschen Land mehr; nur noch die Erde unter den Fingernägeln, wenn ich hinfalle und an den Füßen, wenn ich mir die Schuhe ausziehe“, sagt Fredy, Bewohner von La Pista. Der Ort befindet sich inmitten eines mehrere Kilometer weitreichenden Palmenwalds, an dessen Längsseite ein kleiner Kanal mit grünlichem Wasser fließt. Die Hitze in der Karibik ist stark. Es ist kurz nach Mittag und die Sonne begleitet eine Gruppe von Kindern mit brauner Haut und schwarzen Haaren, die sich dort baden.

La Pista ist ein indigenes Dorf der Gruppe der Zenú, welches sich in María la Baja in der Bergregion von Montes de María befindet. Laut den Zahlen des Runden Tisches für Gespräche und Vereinbarungen in Montes de María (Mesa de Interlocución y Concertación de los Montes de María) gibt es dort 62 indigene Gemeinden, von denen jedoch keine als Reservat gilt, d.h. keine hat einen rechtlich geschützten Status. Dies hat zur Folge, dass die indigenen Gemeinden keinerlei Verfügungsgewalt besitzen, um über ihr eigenes Territorium zu entscheiden; auch die Indigenen von La Pista nicht.

Der Name, La Pista, kommt daher, dass das Dorf eine Zeit lang als Landepiste für Kleinflugzeuge genutzt wurde, die damit beauftragt waren, naheliegende Anbauflächen mit Pflanzengiften zu besprühen. An jeder Seite des Dorfes stehen kleine bunte Häuser, in denen die 160 Familien der Zenú wohnen, in der Mehrzahl Vertriebene aus der Region San Andrés de Sotavento. Wenn die Sonne untergeht, füllt sich das Dorf La Pista mit Trommelklängen und den Rhythmen der Palenques, begleitet von dem Gesang eines Schwarzen, welcher unaufhörlich die Konga erklingen lässt. An dem Ort wohnt gleichzeitig auch eine afrokolumbianische Gemeinschaft – diese werden in Kolumbien als „Palenques“ bezeichnet.

Palmenplantagen verdrängen Lebensmittel

Pedro, ein indigener Junge, geht jeden Tag nach der Schule mit seinen Freunden Fußball spielen. Das Fußballfeld ist – genauso wie das ganze Dorf – von Palmen umringt.

Kolumbien Kinder

Foto: Colombia Informa

Die Palmenplantagen kamen seit dem Jahr 2000 und verbreiteten sich rasant im Landschaftsbild, wodurch traditionelle Ackerpflanzen wie Mais oder Bohnen verdrängt wurden – Lebensmittel, die einen wesentlichen Beitrag zur täglichen Ernährung und wirtschaftlichem Unterhalt leisteten. Die Palmenplantagen, die dem Unternehmer Carlos Murgas gehören, sorgen für einen Mangel an fruchtbarer Erde und Lebensmittel bei den indigenen Gemeinden. „Nicht die bewaffneten Gruppen werden uns vertreiben, sondern der Hunger“, sagt Leonardo von der selbstorganisierten indigenen Schutzwacht, der Guardia Indígena, während er seinen Stock mit der linken Hand festhält.

Auf seinem täglichen Weg zur Schule, die eine halbe Stunde zu Fuß entfernt liegt, badet sich Pedro in dem Kanal mit dem grünlichen Wasser. Der Kanal ist Teil eines Bewässerungssystems, welches in den 1960er Jahren für den landwirtschaftlichen Anbau dieser Zeit installiert wurde. Die Palmölplantagen wurden ebenfalls an das Bewässerungssystem von María la Baja angeschlossen – aber nicht nur um die Plantagen zu bewässern, sondern auch um die Tanks zu reinigen, in denen die Pestizide gelagert werden. Die Chemikalien aus diesen Tanks verschmutzen das Wasser, das durch die Kanäle der Region fließt und verursacht Infektionen und Krankheiten bei den Kindern.

Verschmutztes Wasser verursacht Infektionskrankheiten

Kinder im schmutzigen Wasser

Die Kinder baden in dem verschmutzten Wasser, was Infektionskrankheiten auslösen kann. Foto: Colombia Informa

Zusätzlich zum Mangel an Boden und Essen ist der Zugang zu Wasser für die Bewohner*innen von La Pista eine wesentliches Problem. Das führt soweit, dass die Menschen die Regentage ausnutzen, um Wasser zu sammeln, da die naheliegenden Bäche immer mehr am Austrocknen sind. Eine weitere Problematik besteht in dem Mangel an fruchtbarem Boden zum Anbau von Lebensmitteln, was zu einer Hungerkrise in der Gemeinschaft geführt hat. Im Laufe der Zeit verwandelte sich die Landschaft immer mehr in einen Wald aus Ölpalmen, wie als wäre es ein Labyrinth voller Palmennüsse. „Wir werden weiter Widerstand leisten und fordern vom Staat, uns wenigstens ein kleines Stückchen Land für den Anbau zur Verfügung zu stellen“, sagt Leonardo, indigener Bewohner von La Pista. Pedro kehrt von der Schule zurück nach Hause, in eines von den kleinen Häuschen, die längs entlang am Ortsrand von La Pista stehen. Eines von den kleinen Häuschen mit Strohdach, die von unzähligen Hektaren an Ölpalmen umzingelt sind. Eines von den Häuschen, die vom Hunger umzingelt sind.

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